Hundert Jahre Heldengedenken

Adler Nation Untergang

Es ist längst überfällig, dass der Adler endlich Baden geht. Jan Zombik | CC BY-NC-SA

Vor fast hundert Jahren, am 28. August 1914, sank vor Helgoland das deutsche Kriegsschiff „SMS Mainz“, nachdem es einen überlegenen Verband englischer Schiffe angegriffen hatte. Diesem im ersten Seegefecht des Ersten Weltkrieges versenkten Kreuzer wurde alsbald ein Denkmal in Mainz errichtet, das den Geist seiner Zeit unüberhörbar atmet. In den roten Sandstein der am Rhein nahe des Fischtors stehenden Säule ist eingraviert: „Für Wahrung des Rechts u. Wahrung der Ehre des Reichs in allen Meeren. Schutz dem Frieden der Welt“.

Nun war es bis nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland durchaus üblich, die Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges allen anderen in die Schuhe zu schieben. Spätestens seit der Ende der fünfziger Jahre von dem Historiker Fritz Fischer angestoßenen Diskussion um die deutsche Kriegsschuld besteht wohl zumindest aber Einigkeit darüber, dass die deutsche Politik mit Wahrung des Rechts und Schutz des Friedens wenig am Hut hatte.

Vermeintliche Helden als Opfer dargestellt

Auf einer anderen Seite der Säule wird die Anerkennung der Lebenden eingefordert. Die „Kameraden“, die den „Heldentod“ starben, werden den „künftigen Geschlechtern zur Nacheiferung“ empfohlen. Heute kann das kaum anders denn als eine Feier und ideologische Verbrämung der deutschen militärischen Aggression des Ersten Weltkrieges verstanden werden. Man wollte meinen, dass in einem Deutschland, das sich als Aufarbeitungsweltmeister präsentiert, hundert Jahre später ein kritischer Umgang mit solcher nationalistischer Propaganda bestünde. Statt dessen legt die Stadt Mainz Jahr für Jahr am sogenannten Volkstrauertag einen Kranz an diesem und vielen anderen fragwürdigen Denkmälern nieder.

Der Untergang der SMS Mainz

Der Untergang der SMS Mainz

Vor einiger Zeit habe ich darum an die Stadtverwaltung einen Brief mit der Frage geschrieben, ob sie den Einsatz der SMS Mainz als „künftigen Geschlechtern zur Nacheiferung“ empfohlen ansehe. Auch wollte ich wissen, ob sie die Einschätzung teile, dass die deutsche Marine im Ersten Weltkrieg die „Wahrung des Rechts“ anstrebte und für den „Frieden der Welt“ kämpfte. Nach über zwei Monaten, in denen meine Anfrage einen „umfangreichen Weg durch verschiedene Ämter und Zuständigkeiten“ zurückgelegt habe, war die Antwort (erwartungsgemäß) enttäuschend.

„Mit der Niederlegung eines Kranzes durch den Marine-Verein“, heißt es da, „geht es der Stadt selbstverständlich nicht um Kriegsverherrlichung oder um Huldigung kaiserlicher oder gar nazistischer Weltmachtfantasien, sondern um das Gedenken der Opfer, die in einem Weltkrieg ihr Leben lassen mussten. Diesem Gedenken an Menschen, die in sinnlosen und für sie oft ausweglosen militärischen Auseinandersetzungen starben, gilt die Ehrung – als Erinnerung und als Mahnung gleichermaßen am Volkstrauertag an allen Gedenkstätten auf allen Friedhöfen in Mainz und anderswo – unabhängig vom unheilvollen Geist, der die Inschrift des Marinedenkmals am Fischtor durchdringt.“

Geschichte ohne Täter

Hundert Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges gedenkt man in Mainz „und anderswo“ den Opfern, indem man den Tätern einen Kranz niederlegt. Der Zusammenprall der vermeintlichen neuen deutschen Aufgeklärtheit mit der undifferenzierten Vergangenheitsverwaltung ist dabei keinesfalls zufällig. Vielmehr zeigt die Antwort der Stadt deutlich die typische Form der Erinnerung im wiedervereinigten Deutschland. Die Soziologin Régine Robin spricht in diesem Zusammenhang von einer „Anthropologisierung der Vergangenheit“.

Täterinnen und Opfer werden durch diese auf gleiche Stufe gestellt werden. Sie alle sind sozusagen Kinder ihrer Zeit – und damit Spielbälle des Schicksals. Dass „Menschen, die in sinnlosen und für sie oft ausweglosen militärischen Auseinandersetzungen starben“, pauschal zu Opfern werden und darum als ehrwürdig gelten, ist der zynische Boden dafür, die deutsche Geschichte zum Rohstoff eines neuen nationalen „Selbstbewusstseins“ zu machen.

David Adler

Über David Adler

David Adler studierte von 2006 bis 2013 in Mainz Soziologie, Philosophie und Politikwissenschaft. Inzwischen wohnhaft im hohen Norden ist er heute noch regelmäßiger Besucher in Mainz. Auf seinem Blog Per[spektiv[brocken versucht er sich in philosophischen Impressionen und engagiertem Denken.

2 Gedanken zu “Hundert Jahre Heldengedenken

  1. Hans

    Das kann es wohl nicht sein. Glaubt die Stadtverwaltung wirklich sie könne Kriegsverherrlichung von Totenehrung trennen? Auf diesem Denkmal kommen Tote sogar nur ganz am Rande vor. Der Rest der Inschrift auf dem im Frühjahr 1939 aufgestellten Denkmal ist Kriegshetze, die mit dem Überfall auf Polen am 1.September 1939 zum 2.Weltkrieg mit erneut Millionen Toten führte. Dieses Denkmal ist das krasseste Beispiel von benutzter Totenerehrung für Kriegshetze in Mainz. – Vergegenwärtigt euch den Text auf dem Denkmal beim nächsten Spaziergang am Rheinufer oder stoppt mal kurz, wenn ihr mit dem Fahrrad vorbei kommt. Seht euch diese Zumutung bitte an. Mir raubt der Brief der Stadtverwaltung Luft zum atmen. Ich will noch lange FREI atmen, wo ich seit über 40 Jahren lebe. – Soll am nächsten „Volkstrauertag“ dort tatsächlich wieder ein Kranz des Oberbürgermeisters hingehängt werden? Empört euch.
    Hans
    ——-
    Danke für den Beitrag. Wir, DFG-VK Mainz, sind auch am Thema. Sehe ich das richtig, der Brief war nicht an den Oberbürgermeister gerichtet, sondern an die STADVERWALTUNG? Wer hat geantwortet, der Oberbürgermeister oder ein anderer Politiker des Stadtvorstandes oder ein Beschäftigter der Stadtverwaltung?

  2. Hans

    Wir haben dem Oberbürgermeister auch einen Brief geschrieben und ihm Fragen zum Text auf dem Denkmal gestellt. Wir wollten erkennen, warum an Volkstrauertagen an diesem und anderen Kriegsdenkmälern in seinem Namen Kränze niedergelegt werden. Er verneinte unsere Fragen und distanzierte sich von der Inschrift. Zitat: „Die Stadt Mainz gedenkt an dieser Stelle nicht einem Schiff, sondern stellvertretend all den Menschen, die den Kriegen des 20. Jahrhunderts zum Opfer gefallen sind – wie beispielsweise jedes Jahr auch am Mahnmal St. Christoph den etwa 1200 Mainzerinnen und Mainzern, die am 27. Februar 1945 ihr Leben verloren.“ – Ich meine, um auch noch weiterhin am Volkstrauertag einen Kranz an das Kriegsmarineehrenmal zu hängen, ist der Verweis auf ein Denkmal an dem er den eigentlichen
    Opfern gedenken will unzureichend. So kann er sich von der Kriegspropaganda nationalsozialistischer Täter und Heldenverehrung nicht trennen. Es geht nicht alle gleichermaßen zu Opfern zu machen. Mal andersrum argumentiert will der Oberbürgermeister vermutlich nicht alle Opfer und ums Leben gekommene Täter zu Märtyrern zu machen.

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