Abend am Meer

Fähre Glück Ticket Migration

Wer bei Sonnenuntergang mit Ticket auf der Fähre sitzt, hat Glück gehabt. robertsharp | CC BY

Sand unter den Füßen, endlich! Die Düne hinunter und dann liegt es vor mir, das schwarze Meer in der dunklen Nacht. Die schwachen Lichter am Horizont, was ist das?

England? Noch Frankreich? Sieht man England heute nacht?

Der Sand ist kalt. Niemand möchte weit gehen. Schon gar nicht ans Wasser. Letztlich sitzen wir im kalten Sand. Jede_r mit dem Blick aufs Meer und in Gespräche vertieft. Rechts liegt der Hafen von Calais. Hell erleuchtet! Dort herrscht noch Hochbetrieb. Die Fähren kommen und gehen. Sie fahren vor dem Strand entlang, bevor sie am Horizont Richtung England entschwinden.

Eine kurze Reise! So einfach! … mit den richtigen Papieren.

Millionen Menschen machen sie jedes Jahr. Problemlos. Du zahlst ein paar Euro, gehst aufs Schiff. Das verlässt den Hafen, fährt am Strand entlang und weiter zu den schwachen Lichtern am Horizont. In wenigen Minuten bist du in England. Keiner fragt, was du dort willst. Du kannst einfach dorthin. So oft du willst!

Wir sitzen am Strand. Die Tonnen blinken. Die Gespräche gehen weiter. Irgendwann kreuzen sich wieder zwei Fähren. Plötzlich der Gedanke: Wieviele Menschen verstecken sich gerade in diesem Moment auf dem Schiff? Im Bauch der LKWs? Wie geht es ihnen? Schaffen sie es? Haben wir vorhin noch mit ihnen gesprochen? Oder gestern?

Welcher Wahnsinn! Sie müssen ihr Leben riskieren, nur um ihren Traum vom Leben vielleicht realisieren zu können. Was haben sie falsch gemacht, um so ausgebremst zu werden, um in so einer ewigen Warteschleife festzuhängen? Während andere arbeiten, studieren, feiern, … einfach ihr Leben leben und nicht von Freund_innen und Familie getrennt sind. Haben sie etwas falsch gemacht? … Was? … … … Was?

Was habe ich richtig gemacht? … Nichts! Ich habe einfach nur Glück gehabt. Meine Eltern hatten die richtigen Papiere. Was kann ich dafür? Gar nichts! Genauso wenig wie sie!

Die Fähre ist weg. Am Horizont entschwunden. Hoffentlich schaffen sie es – wenn sie denn darauf waren. Hoffentlich finden sie endlich eine faire Chance, ihr Leben zu leben. Die Tonnen blinken weiter, der Hafen leuchtet und das schwarze Meer liegt vor uns. Es ist kalt und spät. Wir stehen auf und gehen über die Düne zurück. Morgen reise ich wieder in mein behütetes Leben.

Kathrin Samstag

Über Kathrin Samstag

Kathrin Samstag studierte in Mainz Geographie und Politikwissenschaft. Im letzten Sommer war sie mit dem Projekt "Voices from the borders" am Ärmelkanal unterwegs. Anschließend entstand der hier veröffentlichte Text zu klandestiner Migration übers Meer. Fluchtursachen, Migrations(verhinderungs)politik & struktureller Rassismus sind zentrale Aufregethemen, wenn sie über unsere ach so fortschrittliche Welt nachdenkt.

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