Abschied von einer Legende

Ein Frau auf dem Dach des Inter1 blickt in die Tiefe, mit dem Rücken zum Zuschauer.

Ein trauriger Blick in die Tiefe vom Dach eines legendären Wohnheims: Bald scheint die Sonne nicht mehr fürs Inter1. Monika Gracka | CC BY-NC-SA

Viele kennen das Inter1: Das altgediente Wohnheim auf dem Mainzer Uni-Campus ist berühmt für seine Offenheit, seine Community und internationale Kultur. Fast 50 Jahre lang beherbergte es Generationen von Studierenden. Jetzt soll das Inter1 nach dem Willen des Studierendenwerks Mainz endgültig geschlossen werden. Ende März müssen die letzten verbliebenen Bewohner_innen ausziehen. Dem bevorstehenden Aus für das Heim war ein längeres Hin und Her um den Verbleib des Gebäudes vorausgegangen: Zweimal waren die Verträge verlängert worden, laut derer das Studierendenwerk Mainz das Gebäude als Wohnheim nutzen kann. Mit dem Inter1 geht aber nicht nur günstiger Wohnraum, sondern auch viel Geschichte verloren.

Das erste noch vorhandene Protokoll einer Sitzung der von den Studierenden selbst organisierten Heimverwaltung (HV) datiert auf den 11. April 1967. Ein Jahr zuvor war das Heim vom Landesbetrieb Liegenschafts- und Baubetreuung LBB gebaut worden und ging dann direkt durch einen Überlassungsvertrag in die Nutzung des Studierendenwerks Mainz über. Genannt wurde das Inter1 damals noch mit vollem Namen „Internationales Studentenwohnheim“.  Von Anfang an sollten hier besonders Studierende aus dem Ausland einen Platz zum Wohnen finden. Zeitweise gab es in der HV sogar ein eigenes „Ausländerreferat“, das für eine gute Willkommenskultur sorgen sollte.

Seit Jahrzehnten eine Hochburg der Mainzer Studierendenkultur

Wie von Bewohner_innen des Inter1 zu erfahren ist, war es immer auch diese Internationalität des Wohnheims, die es zu einem lebendigen Ort auf dem Campus machte und für die es heute noch bekannt ist. Zu Ruhm und Ruf des Inter1 tragen aber auch die wiederkehrenden Feierlichkeiten und Kulturangebote bei, mit denen sich das Wohnheim schmücken konnte und kann: Eine Bar, die zeitweilig zu jedem beliebigen Wochentag geöffnet war, das Kabarett „Die Sense“, das in den Neunzigern seine glanzvollste Zeit im Inter1 hatte, regelmäßige Kino- und Videoabende seit etwa 25 Jahren, Glühwein- und Karaokeabende, Yoga- und Selbstverteidigungskurse, eine Unzahl von Flurparties, und nicht zuletzt das jährlich stattfindende Winter- und Sommerfest des Wohnheims.

Darüber hinaus ist das Inter1 wohl das einzige Mainzer Wohnheim, dessen Bewohner_innen sich rühmen können, über eine hauseigene Sauna zu verfügen – mit 26 verschiedenen Aufgüssen. Die Erschließung der Sauna gehört zu den größeren Meilensteinen in der langen Geschichte des Wohnheims: Zu einem unbekannten Zeitpunkt in den Achtzigern eingerichtet, wusste zunächst niemensch etwas von der Existenz der Schwitzkammer. Das Studierendenwerk hielt ihr Bestehen geheim. Angeblich, so hieß es später, sei die Sauna allein zum Zwecke der Erholung für die Angestellten des Studierendenwerks gebaut worden. Schließlich erfuhr die HV aber doch von dem Raum, und 2001 gelang es den Studierenden gegen den erheblichen Widerstand der Zuständigen, die allgemeine Nutzung der Sauna durch die Hausbewohner_innen durchzusetzen.

Angriff des Prügel-Mobs und weitere Geschichten

Es gibt aber auch noch ganz andere Höhepunkte in der Geschichte des Inter1. Einer davon ist der Angriff eines Mobs von bewaffneten Chomeini-Anhängern. Im Jahr 1982, drei Jahre nach der iranischen Revolution, fiel eine über 100 Mann starke Gruppe von regimetreuen Iranern in das Wohnheim ein. Die Angreifer waren verschiedenen Berichten zufolge mit Nagellatten, Schlagstöcken, Messern und Ketten bewaffnet, mit denen sie den Bewohner_innen des Heims nach Leib und Leben trachteten. Viele Verletzte und eine Tote waren die traurige Bilanz des Tages. Der Überfall zielte auf oppositionelle iranische Studierende. Eine harmlosere Berühmtheit im Inter1 ist der sogenannte „Fensterkletterer“: Klammheimlich mopste er unbeaufsichtige Lebensmittel und Kleinigkeiten in dem Haus, die er in einem kleinen Raum bunkerte, zu dem er aus unbekannten Gründen einen Schlüssel besaß. Schließlich flog er auf, und die HV begutachtete voller Staunen seine Schatzkammer.

Doch es sind nicht nur solche Geschichten und Legenden, die das Inter1 zu einem denkwürdigen Ort gemacht haben. Es ist vor allem die allgegenwärtige Kultur des Miteinanders, von der Bewohner_innen übereinstimmend berichten, die das Wohnheim so lebenswert machen. „Das Zusammenleben hier ist echt gut! Und mit sieben oder mehr Nationalitäten auf einem Flur ist der Austausch groß.“, berichtet Thomas (23), ein Bewohner des Hauses. Es wird zusammen gekocht, gegessen, Karten gespielt, was auch immer ansteht. Sogar große Sportevents, bei denen sich andernorts nationalistische Hitzköpfe austoben, verlaufen hier entspannt. „Beim WM-Streaming gab es kein nationalistisches Gepöbel, und wer es doch versucht, wird schnell zum Schweigen gebracht.“, erzählt Felix (27), ehemaliges Mitglied der HV. „Wenn zum Beispiel Portugiesen da waren und die haben gewonnen, dann hat man sich eben mit den Portugiesen gefreut.“

Gemeinsames Wohnen statt Vereinzelung

Im Gegensatz zu den neuen Wohnheimen gibt es im Inter1 auch noch keine voll ausgestatteten Einzelzimmer, sondern jede Etage ist eine große WG mit 10 bis 14 Mitbewohner_innen. Tobi (24), Mitglied der HV, weiß: „Das Inter1 ist für seine Flurkultur bekannt. Nur Waschbecken und Kühlschrank stehen hier auf dem Zimmer, der Rest wird geteilt.“ Der Zusammenhalt ist so groß, dass sogar gelegentlich Ehemaligenpärchen mit ihren Kindern vorbeikommen, um ihnen das Wohnheim zu zeigen. Aber das soll jetzt vorbei sein. In den neuen „Vereinzelungs-Anlagen“, wie Tobi die Einpersonen-Einheiten in einigen der neuen Wohnheime nennt, soll es dieses gemeinsame Leben bald nicht mehr geben. Tobi ist sichtlich frustriert: „Was findest du in den anderen Wohnheimen? Studies, die stupide in ihren Arrestzellen sitzen und an ihrer Karriere basteln. Durch die Schließung des Inter1 geht ein kommunikativer, politischer Raum unter, und mit ihm der Geist einer ganzen Gemeinschaft.“

Dies ist der erste Teil einer Artikelserie über das Inter1. Wie es zu der Schließung kommt, welche Interessen damit das Studierendenwerk zu verfolgen scheint und wie sich der Bewohner_innen gegen den Verlust ihres heißgeliebten Inter1 zur Wehr setzen wollen, lest ihr bald hier.

Jan Zombik

Über Jan Zombik

Jan Zombik macht gerne Journalismus: Für alle, für die Leute, für die Politik, für die Freiheit. Wenn er gerade nicht journaliert oder philosophiert, dann musiziert er vielleicht. Anzutreffen ist er in der Regel vor seinem Bildschirm, an dem er etwas schreibt. Wenn ihr Jan etwas gutes tun wollt, dann flößt ihm beruhigenden Rooibos-Erdbeer-Sahne-Tee ein oder spendet ein paar Eurönchen für die Zwischenzeit.

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