Abschreckende Unterbringung

Das Wirtschaftsministerium spiegelt sich im Schaufenster des Allianz-Hauses. Zwischenzeit | CC BY-NC-SA

Die Erstaufnahmestelle in Rheinland-Pfalz für Geflüchtete Menschen ist in Trier. Am Tor der ehemaligen Kaserne prangt ein Schild: „Vorsicht! Schußwaffengebrauch.“ Die abschreckende Wirkung des Schildes gleich am Eingang scheint nicht zufällig zu sein. Die Gruppe Teachers on the Road hat über 70 Asylunterkünfte besucht und sich von den Zuständen dort ein Bild gemacht. Abschreckung ist an der Tagesordnung.

„Wir wollen marginalisierte Gruppen unterstützen, Geflüchtete Menschen, aber auch Obdachlose.“ So beschreibt Uli Tomaschowski die Zielsetzung der Gruppe, die in vielen Städten Deutschunterricht anbietet. Björn Birsch hat zusammen mit Uli zu einer Pressekonferenz im Rahmen der Platz Da?! Aktionswoche eingeladen. In vielen Lagern werden die Menschen unwürdig behandelt. Ständige Kontrollen bestimmen das Leben in den Lagern.

Kontrolliert, umzäunt, verwaltet

Uli verwendet den Begriff des Lagers bewusst: „In einem Lager werden Menschen geparkt, alles ist durchverwaltet und kontrolliert.“ In Ludwigshafen erinnern die Zimmer an Gefängniszellen, wie Björn berichtet. Er zeigt Bilder des Lagers. Zäune umringen die verwahrlosten Häuser, um sie eindeutig vom Rest der Welt abzugrenzen. Übergriffe von Nazis wurden dort mehrfach dokumentiert. Der Dritte Weg, eine neofaschistische Partei, gilt als Urheber zerschlagener Scheiben oder von Angriffen mit Feuerwerkskörpern, die in die Flure der Lager geworfen wurden.

In Neustadt am Rhein herrschte bis vor Kurzem Arbeitszwang für die Geflüchteten, die dort untergebracht waren. Bei einer Weigerung kürzten die zuständigen Behörden die Sozialleistungen um bis zu 100%. Als ein Refugee sich über das Essen beschwert hat, das nicht mehr als eine Tüte Asianudeln, ein Yoghurt und ein Apfel beinhaltete, wurde er auf die Straße gesetzt. Die Teachers on the Road intervenierten und konnten erreichen, dass der Arbeitszwang aufgehoben wurde.

Insgesamt, so fassen Björn und Uli zusammen, sind viel zu viele Menschen in zu kleinen Zimmern untergebracht. Es gibt oft weder Rückzugsmöglichkeiten noch Privatssphäre. Internetzugang fehlt in den meisten Lagern. Oft gibt es keine Möglichkeit, an einem Deutschkurs teilzunehmen. In vielen der über 50 von der Gruppe besuchten Unterkünfte werden Sozialleistungen einbehalten – ganz im Widerspruch zu dem eigenen Anspruch der Bundesrepublik, diese zu gewähren.

Essensstreiks und Isolationsunterkünfte

„This is like a jail“, sagt ein Lagerinsasse aus Worms über seine Unterbringungssituation in einem Video, das Björn auf der Leinwand zeigt. „They treat us like animals“, ergänzt ein weiterer. Die Geflüchteten in Worms haben interveniert und dabei Unterstützung von lokalen anti-rassistischen Gruppen erhalten. Essensstreiks, also die Weigerung fertige Essenspakete hinzunehmen, haben zu einem Einlenken der Verantwortlichen geführt. Geflüchtete können sich nun selbst Essen zubereiten.

Die Bilder, die Björn von den heruntergekommenen Unterkünften zeigt hinterlassen einen starken Eindruck. Es wird deutlich, dass die darin Untergebrachten oft nicht als Menschen behandelt werden. Doch nicht nur die Gemeinschaftsunterkünfte sind ein Problem. Uli erzählt von 15 Isolationsunterkünften, die abgeschottet auf dem Land liegen. Anders als in den Sammellagern werden dort einzelne Flüchtlinge untergebracht. Oft sind sie von Verkehrsanbindungen größtenteils abgeschnitten und leben alleine, von der Gesellschaft isoliert.

Die Teachers on the Road leisten konkrete Solidarität an den Orten, an denen Geflüchtete leben. Mit ihrem Deutschunterricht helfen sie den Menschen, sich in dieser Gesellschaft zurechtzufinden und ermöglichen dadurch Kontakte in die Bevölkerung hinein.

Uli und Björn haben auch Ideen dabei, wie eine menschenwürdige Unterbringung von Geflüchteten zu finanzieren wäre: „Die Rüstungsindustrie, solange es sie noch gibt, sollte eine Abgabe zahlen, weil sie die Erzeugung von Fluchtursachen mitzuverantworten hat.“

Dass die Gruppe politische Analysen nicht scheut, die Selbstorganisation von Geflüchteten stärkt und die untragbaren Zustände in den Lagern an die Öffentlichkeit bringt, ist mutig und bewundernswert.

Dennis Firmansyah

Über Dennis Firmansyah

Dennis Firmansyah hat die Zwischenzeit 2013 mitbegründet und 2016 die Herausgeberschaft und Chefredaktion übernommen. Seine Themen sind Migrationspolitik, Recht auf Stadt und Regionalgeschichte. Neben der Zwischenzeit veröffentlicht er auch bei der Jungle World, Direkte Aktion und Graswurzel Revolution.

Ein Gedanke zu “Abschreckende Unterbringung

  1. Winston Turner

    Hier stand ein rassistischer Kommentar, den wir entfernt haben. Um das transparent zu machen, erscheint stattdessen dieser Platzhalter.

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