„Afghanistan ist nicht sicher“

Eine Menschenmenge mit vielen Schildern, die gegen Abschiebungen nach Afghanistan protestieren

Todesfalle Afghanistan: Sikhs und Hindus protestieren gegen Abschiebungen. Jan Zombik | CC BY-NC-SA

Eine Gruppe von 20 Personen verlässt die U-Bahn Opernplatz in Frankfurt. Sie schließt sich der Demonstration an, dessen Teilnehmer*innen Nebelschwaden in die eiskalte Luft atmen. „Afghanistan ist nicht sicher.“, schallt es aus Lautsprechern über den Platz. Rund 1500 Menschen begrüßt der erste Redner. Sie haben sich hier getroffen, um gegen die Abschiebepraxis in das Kriegsgebiet zu protestieren.

Der Zentralrat afghanischer Hindus und Sikhs hatte bundesweit zu der Demonstration aufgerufen, nachdem in der Weihnachtszeit erstmals eine Sammelabschiebung von Frankfurt nach Afghanistan durchgeführt wurde. Sanjay Kapur vom Zentralrat spricht als erstes. Er erhebt seine Stimme vor Allem im Interesse der religiösen Minderheiten. Denn zusätzlich zum alltäglichen Terror und den Bomben der NATO-Militäreinsätze sind Hindus und Sikhs von religiöser und sozialer Diskriminierung, sowie von Zwangsenteignungen betroffen.

Auch Yamni Mehra trat als Rednerin auf. Sie machte auf die Situation der Frauen und Mädchen in Afghanistan aufmerksam. Später erzählt sie mir, was das konkret bedeutet. Die junge Frau lebt in Frankfurt und macht eine Ausbildung zur Bankkauffrau. „Hindus und Sikhs können nicht zuhause leben, sondern werden wegen der Verfolgung im Tempel untergebracht.“ Viele junge Menschen trauten sich nicht in die Schule zu gehen, weil Anfeindungen und Übergriffe an der Tagesordnung sind. „In den Schulen werden unsere Sprachen, Kabli und Multan, nicht gefördert. Viele der Menschen, die nun abgeschoben werden sollen, sind der Amtssprache nicht mächtig. Wie um alles in der Welt sollen sie dort sicher sein?“, so Yamni.

Von Kabul nach Gießen und Dresden

Auch Abi Luthra findet die Abschiebungen nicht richtig. Sein Onkel ist vor drei Jahren nach Deutschland gekommen und wartet immer noch auf die Entscheidung, ob er hier bleiben kann oder nicht. Er ist von Gießen nach Dresden gegangen, kurz bevor die Pegidaproteste dort Fuß gefasst haben. „Mein Onkel hat sich an die Situation gewöhnt, er ist stark geblieben und setzt sich weiter für sein Aufenthaltsrecht ein.“ Hier in Frankfurt findet Abi Rückhalt im Tempel. Dort wird Unterstützung organisiert, die den von Abschiebung bedrohten Menschen helfen soll. Abi selbst hat einen deutschen Pass, aber fühlt sich trotzdem von den Abschiebungen betroffen: „Es lässt mich nicht kalt, wenn Leute aus meiner Hood abgeschoben werden sollen!“

Die Demonstration schiebt sich vom Opernplatz in Richtung Hauptwache. Am Aufgang der U-Bahn stehen Frankfurter*innen an einem Geländer und werden auf den Demonstrationszug aufmerksam. „Wenn ich diese Demo sehe, dann denke ich, dass die Leute hier etwas richtig machen.“, ruft mir ein Mann in den Fünfzigern zu, bevor er in Richtung Shoppingmeile weitereilt. Auch Dogus sieht das so: „Die Menschen sind wütend auf die Politik, denn sie verfehlt die Menschen. Parteien wie die CDU reagieren auf den Rechtsruck, indem sie unsere Grundrechte, wie das Asylrecht, mit Füßen treten.“ Anstatt für eine humanitäre Politik einzustehen, werde mehr abgeschoben und mehr racial profiling Kontrollen durchgeführt. „Das finde ich nicht richtig.“

Es ist heute etwas wichtiges passiert. Nicht nur, weil mit der Vorsitzenden der Linksfraktion im hessischen Landtag, Janine Wissler, die Forderungen nach einem Abschiebestopp eine parlamentarische und politische Stimme gewinnt. Sondern auch, weil Menschen mit und ohne Kopftuch, Atheisten und Religiöse, Mehrheitsdeutsche und Migrant*innen zusammenkommen, um für eine menschliche Gesellschaft einzustehen. Martina, die bei den Blockupyprotesten aktiv war, sagt es so: „Wir müssen jetzt alle kämpfen, egal ob migrantisch, kartoffelig, links, queer, studentisch, arbeitslos oder prekär. Ein solidarisches Miteinander ist, worauf es jetzt ankommt.“

Dennis Firmansyah

Über Dennis Firmansyah

Dennis Firmansyah hat die Zwischenzeit 2013 mitbegründet und 2016 die Herausgeberschaft und Chefredaktion übernommen. Seine Themen sind Migrationspolitik, Recht auf Stadt und Regionalgeschichte. Neben der Zwischenzeit veröffentlicht er auch bei der Jungle World, Direkte Aktion und Graswurzel Revolution.

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