Alles nur Ausschuss

Jobcentetr halt's Maul

Manchmal könnte der auch mal still sein. Schockwellenreiter | CC BY-NC-SA

Wir sollen bis 67 arbeiten – aber bei wem? Über Fünfzigjährige werden gezielt aus dem Arbeitsleben gedrängt: Weil die Anforderungen, der Arbeits- und Zeitdruck permanent steigen, weil wir zu unflexibel und langsam sind, weil wir mit den neuen rasanten Entwicklungen, beispielsweise im IT-Bereich, nicht mithalten. Vor allem sind wir den Arbeitgeber_innen viel zu teuer. Es werden lieber die jungen dynamischen Mitarbeiter_innen eingestellt, denn die sind billiger zu haben als wir mit unserer langjährigen Berufserfahrung. Diese Erfahrenheit ist gar nicht mehr erwünscht, weil wir eben nicht mehr formbar sind wie die frischen Kolleg_innen.

Die Inklusion und die hochbeschworenen Chancen für Ältere auf dem Arbeitsmarkt bleiben also auf der Strecke. Es gibt durchaus Förderangebote für Menschen mit Schwerbehinderung und Unterstützungsbedarf, doch eben nicht für uns, die wir über 50 sind. Wir werden im Regen stehen gelassen, behandelt wie der letzte Dreck. Wir haben jahrelang in dieses Sozialsystem eingezahlt, sollen bis 67 arbeiten und dennoch werden uns keinerlei Qualifizierungen oder Umschulungen mehr gewährt.

Grund ist häufig das Zuständigkeits-Hickhack der verantwortlichen Sozialbehörden. Die Arbeitsagentur schickt mich mit Hinblick auf meine berufliche Rehabilitation (LTA) zur Rentenversicherung, die wiederum zeigt auf die Arbeitsagentur, weil diese ja schließlich für die Arbeitsverwaltung und -vermittlung verantwortlich sei. Die Zuständigen in den Arbeitsagenturen jedoch sind völlig überlastet und verweisen die Betroffenen lediglich auf die Online-Jobbörse, statt selbst nach passenden Stellen für sie zu suchen.

Unfähigkeit und Unwilligkeit paaren sich

Beratung und Hilfe speziell für ältere Menschen mit einer Schwerbehinderung? Fehlanzeige: Die Stabsstelle Inklusion steht hilflos vor der Situation der fehlenden Inklusion. Ich bat um Behördenbegleitung und wurde zur Beratung geschickt. Ich bat um Herstellung des Kontakts zum Integrationsfachdienst (IFD) und um Unterstützung hinsichtlich der Antragstellung und wurde vertröstet. Endlich beim IFD durfte ich mir noch herabwürdigende Kommentare anhören.

Nach Beendigung meiner LTA-Maßnahme droht der nächste Ärger, wenn ich Arbeitslosengeld 1 (ALG 1) beantragen will. Das Vorgehen dazu ist ein undurchschaubarer und aufwendiger Verwaltungsvorgang voller fehlender Zuständigkeiten, Widersprüche und Verzögerungen. Unter anderem führt der Übergang von der LTA zum ALG 1 dazu, dass ich den Antrag auf Arbeitslosengeld erst Tage oder Wochen nach Beendigung der LTA-Maßnahme stellen kann. Wann ich dann den Bewilligungsbescheid erhalten werde, ist völlig unklar. Wovon ich bis dahin leben soll, scheint den Zuständigen egal zu sein.

Der Kollaps ist politisch gewollt

Diese Fehlorganisation wird schließlich auf uns abgewälzt, indem wir noch stärker unter Druck gesetzt werden. Monatlich zermürben uns mit uns geschlossene „Zielvereinbarungen“ weiter. Schließlich soll uns das Bewusstsein vermittelt werden, dass wir an unserer Situation selbst schuld sind. Diese Situation ist ein Resultat der neoliberalen Wende, die Alt-Kanzler Helmut Kohl eingeleitet und Gerhard Schröder erfolgreich weiterentwickelt hat.

Sie betrifft aber nicht nur die Erwerbslosen, sondern auch die, die noch in Lohnarbeit stehen. Sie leiden unter immer längeren Arbeitszeiten, niedrigen Löhnen, permanentem Druck und der Angst vor sozialem Abstieg. Gesundheitliche Probleme wie Burnout und Depressionen sind da vorprogrammiert. Doch unsere Gesellschaft hält wacker an einem solchen Arbeitsmodell fest und nimmt seine Folgen in Kauf, als Kollateralschaden sozusagen. Es gibt ja genug, die durchhalten.

Es gibt einen Ausweg

Aber gibt es einen Ausweg aus dieser Misere? Ja, den gibt es. Zuerst muss die Trennung der Zuständigkeiten ein Ende haben und Gesundheitsversorgung, Rehaleistungen, Rentenversicherung oder die Zahlung von Arbeitslosenunterstützung unter einem Dach abgewickelt werden, ohne Schikanen, ohne Wenn und Aber. Warum überhaupt diese Trennung in verschiedene Sozialleistungen? Eine für alle würde die Verwaltung enorm vereinfachen und nebenbei noch mächtig Kosten sparen.

Ist also das bedingungslose Grundeinkommen ein Schritt in die Richtung? Mit Sicherheit, auch wenn damit natürlich nicht sämtliche Probleme auf einmal gelöst sind. Was wir letztlich brauchen, ist eine Gesellschaft mit einem anderen Bewusstsein. Wir brauchen eine Gesellschaft, in der wieder Solidarität gelebt wird statt der Konkurrenz aller gegen alle, eine Gesellschaft, in der es keine Angst vor dem Morgen gibt, keine Überstunden mehr und wieder mehr Leute weniger tun können, eine Gesellschaft in der Teilhabe wirklich für alle gleichermaßen möglich ist.

Was hat das alles mit Inklusion zu tun? Nun ja, bei der Verschmelzung verschiedener Kulturen spricht mensch von „Integration“ und bei der Herstellung von Chancengleichheit für Schwerbehinderte oder ältere Menschen spricht mensch von „Inklusion“. Gemeint ist letztendlich das selbe. Erst, wenn wieder ein anderes Gerechtigkeitsbewusstsein in dieser Gesellschaft vorhanden sein wird, kann Inklusion auch wirklich gelebt werden. Solange dies nicht der Fall ist, bleibt sie auf der Strecke.

Das Original dieses Artikels, der von der Redaktion für die Veröffentlichung redigiert wurde, lest ihr hier.

Arbeit Nix

Über Arbeit Nix

Arbeit Nix arbeitet schon seit vielen Jahren gegen Sozialabbau und Billiglöhne und war mehrere Jahre in entsprechenden Initiativen engagiert. In der Zwischenzeit schreibt sie über ihre Erfahrungen als über Fünfzigjährige Arbeitssuchende.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.