Alte und neue Infoläden

Plakat: Sorry, we're closed - so nicht!

Der Infoladen auf Raumsuche. Infoladen Wiesbaden | ©

Der Infoladen linker Projekte in Wiesbaden muss Ende des Jahres ausziehen. Nachdem das Haus in der Werderstraße im Juni an eine Immobilienfirma verkauft wurde, kündigte diese an, es sanieren zu wollen. „Die Firma hat über 3000 Häuser. Die wollen teuren Wohnraum vermarkten und werfen öfter mal Gewerbe raus, um Designerwohnungen zu vermieten.“, kommentiert Micha, der seit einigen Jahren im Infoladen engagiert ist, die aktuelle Situation. Im kommenden Jahr wird das Projekt in Wiesbaden an einem neuen Ort fortgesetzt.

Micha erzählt mir, wie alles angefangen hat. 1988 hat eine Gruppe aus Hausbesetzer_innen, einer USA-Gruppe mit Verbindungen zur Schwarzen-Bewegung und antifaschistischen Kreisen zwei Räume im Vorderhaus als Infoladen genutzt. Zwei Jahre später kamen die Räume im Hinterhaus dazu. Nach den ersten munteren Jahren kam es dann zu einem Bruch, als Klaus Steinmetz, ein Spitzel des rheinland-pfälzischen Verfassungsschutzes, aufgeflogen ist. „Das hat erstmal dazu geführt, dass der Laden dicht war.“ 1994 erholte sich der Infoladen von dem Schock und öffnete wieder seine Türen.

Schwerpunkt Internationalismus und Lateinamerika

„Der Ansatz ist, spektrenübergreifend Gruppen einzuladen und ins Gespräch zu bringen.“ Einer der thematischen Schwerpunkte der letzten Jahre bildete Lateinamerika, wodurch verschiedene linke politische Strömungen von Kuba über Argentinien und Chiapas vorgestellt wurden. Vorträge, Lesungen und Filmabende gibt es in der Werderstraße regelmäßig. Aber der Infoladen ist und soll auch einfach ein Ort der Begegnung sein. Jede Woche sorgt die Küfa (Küche für alle) für ein warmes Essen gegen Spende. Ein Schachverein trifft sich wöchentlich, um den „König“ zu entmachten. Zweimal im Monat finden Akustikkonzerte statt.

Im Nebenraum trinkt ein Hund Wasser aus einem Napf, während im Hof zwei Leute Gitarre spielen und rauchen. Eine Frau gesellt sich zu uns und lehnt sich an die Wand. Sie will sich heute beim Treffen der „Solidargemeinschaft zur Selbstverteidigung gegen Hartz IV“ beraten lassen. Die Gruppe will das diskriminierde Gesetz und deren soziale Auswirkungen politisch bekämpfen und organisiert Begleitschutz für Amtsgänge, damit Betroffene ihre Ansprüche durchzusetzen können.

Ein neuer Infoladen für Wiesbaden

„Das Mietverhältnis endet zum Ende des Jahres.“, erzählt Micha. Die Firma habe angeboten, die Räume nach der Sanierung auch weiterhin an den Infoladen zu vermieten. Für etwa viermal soviel wie heute, schätzt Micha. „Das Angebot kann nicht ernstgemeint sein.“ Als der Infoladen die Räume erstmals bezogen hat, sah es hier noch ganz anders aus. „Wir haben jeden Klecks Farbe hier selbstgestrichen, die kompletten Räume selbst renoviert und in Stand gehalten.“

Artikel in lokalen Medien haben die Suche nach neuen Räumen erleichtert. Alte und neue Leute vom Umfeld des Infoladen-Projekts in der Werderstraße wollen es nun neu starten. Die Arbeiten in den neuen Räumlichkeiten in der Blücherstraße haben bereits begonnen. Bisher ist der Keller schon entrümpelt worden. Eine neue Gruppe, die diesen Infoladen auf Dauer gestalten will, muss sich aber erst noch zusammenfinden. „Alles läuft im Moment noch chaotisch, aber ich habe die Hoffnung, dass in der Blücherstraße etwas neues beginnen kann.“

Dennis Firmansyah

Über Dennis Firmansyah

Dennis Firmansyah hat die Zwischenzeit 2013 mitbegründet und 2016 die Herausgeberschaft und Chefredaktion übernommen. Seine Themen sind Migrationspolitik, Recht auf Stadt und Regionalgeschichte. Neben der Zwischenzeit veröffentlicht er auch bei der Jungle World, Direkte Aktion und Graswurzel Revolution.

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