Das Bauwagendorf vor 20 Jahren

Seit 1988 existiert hinter dem Haus Mainusch am äußersten Rand des Unigeländes das Bauwagendorf – für die meisten StudentInnen im Niemandsland. Am 15.11. bestand die einmalige Gelegenheit, etwas Neues über diesen blinden Fleck in der Wahrnehmung zu erfahren: Einen Tag der Offenen Tür – die Wagen waren auf Hochglanz geputzt, es gab Kaffee und Kuchen und eine ganze Menge BesucherInnen, die tourimäßig durchs Gelände geführt wurden. Allen, die diese Einladung verpasst haben, geben wir hier und jetzt die Chance, einen Blick aus zweiter Hand hinter die Kulissen der „autonomen exoten“ zu werfen.

1988 wurde zunächst das Haus Mainusch besetzt, 1989 schloß der AStA als Rechtsträger für das Haus Mainusch einen Mietvertrag mit der Uni. Und 1990 ließen sich die ersten 7-8 Leute mit Bauwägen im Garten hinterm Haus Mainusch nieder. 1991 wurde ein weiteres Stück Gelände von der Uni planiert und es kamen neue Leute dazu – damals vor allem aus der Wohnungsnot heraus.

Auf dem Gelände zwischen Autobahn und Studihaus leben zur Zeit 21 Leute (zeitweise bis zu 30) in fast ebensovielen Bauwägen in einer Struktur, die an eine Dorfgemeinschaft erinnert, mit gemeinsamen Küchen- und Toilettenwagen, gemeinsamen Hühnern und einem Dorfplatz. Da fehlen natürlich eine ganze Reihe von Annehmlichkeiten, die StudentInnen in ihren Wohnklos so gewohnt sind, vom fließendem Wasser, dem Thermostatknopf an der Heizung bis zur Waschmaschine. Es gibt die Möglichkeit eines Stromanschlusses über zwei Verteilerkästen, auf den einige aber auch bewusst verzichten. Post kommt an, es gibt einen gemeinsamen Briefkasten, die Paketlieferung kommt auf den Platz. Beheizt werden die Wagen in der Regel mit Holz, mit Ausnahme des Küchenwages, der eine Gasheizung hat.

Morgens wird erstmal geheizt

Susanne erzählt: „Das bedeutet natürlich, wenn du morgens in die Uni gehst, abends zurückkommst und es am Wochenende verschusselt hast, Holz zu machen, dann musst du erstmal ne Stunde Holz sägen, damit du es warm hast. Das Wasser muss von einem zentralen Wasseranschluss geholt werden und zum Spülen muss eben das Wasser jedesmal gekocht werden.“ Aber dem gegenüber stehen offensichtlich eine Menge Erfahrungen und Gefühle, die all denen fehlen, die in ihren vollklimatisierten Appartements isoliert vor sich hin konsumieren und studieren. Das ist jedenfalls der Eindruck nach zwei Stunden Einblick in die Selbstdarstellung der BauwäglerInnen.

Susanne zum Beispiel ist im November 1991 zu Semesterbeginn dazu gekommen. Anfangs war es für sie eine ziemlich Umstellung: „Vor meinem Wagen, das war Klein Venedig, da hab ich Bretter hingelegt, damit ich trockenen Fußes in die Vorlesung kam.“ Mittlerweile hat sie sich einen Bauwagen gekauft und will die nächste Zeit so wohnen. „Der erste Sommer war nur staunen und entdecken, das war wie Urlaub. Am Anfang bin ich genervt von der Arbeit heimgekommen, da hab ich dann als erstes den Fernseher angedrückt. Jetzt zünd ich erst mal meinen Ofen an und das ist so eine Gelegenheit um runterzukommen auf ein normales Gefühlslevel. […] 70% auf dem Platz sind StudentInnen, der Rest Drucker, Schlosser, Schreiner. Das ist ne total gute Mischung, um was zu lernen, die eigenen Maßstäbe nicht mehr absolut zu nehmen. Dieses Aufeinenander-Angewiesensein ist die Basis unseres Zusammenlebens.“

Auf meine Frage nach der Idylle dieses Lebens kamen Susanne und Ria, mit denen ich das Gespräch führte, ins Schwärmen von prasselnder Lagerfeuerromantik bei selbstbgebackenen Keksen vor Sonnenuntergängen. Dabei hatte ich eher an das Illusionäre einer Idylle innerhalb der Gesellschaft gedacht. „Wir leben hier nicht ausgeklinkt, denn zwei Schritte weiter bin ich in der ’normalen‘ Welt mit festen Mauern um mich herum. Ich arbeite in einem Büro, das an Sterilität kaum zu überbieten ist. Ich versuche das ineinander zu verweben.“

Ein Ort für feministische Politik

Dieses Gefühl, in einer Gemeinschaft zu leben, in der die Beziehung zu den eigenen vier Wänden, zu den eigenen Grundbedürfnissen und zu den Menschen, mit denen du zusammenlebst, nicht völlig entfremdet ist, läßt sich durchaus nachvollziehen. Vor allem angesichts der umgebenden Uniarchitektur. Aber geht dieses Projekt über diese Idylle hinaus und bietet mehr als ein subjektives Glücksgefühl für die BauwäglerInnen? Und soll es überhaupt darüber hinausgehen? Da gibt es unterschiedliche Positionen innerhalb der Gruppe und es gibt viele, die den Experimentcharakter des Zusammenlebens betonen. Und da wird das Ganze dann auch politisch interessant.

Ria: „Ein anderer Grund ist, daß ich ein anderes Zusammenleben will – aus einer Patriarchatskritik heraus. Vorher hatte ich das Gefühl, ich lebe in zwei verschiedenen Welten, in der politischen Arbeit, die ich mache – ich arbeite im Haus Mainusch mit und sehr viel in Frauenprojekten – und so wie ich wohne. Und ich wollte das, was ich an Theorien habe, auch umsetzen. Ich will die Ideen, wie Menschen zusammenleben und miteinander umgehen könnten, in mein normales Leben integrieren. Und das geht halt nicht sofort, da muß man noch ganz viel lernen.

Vor allem da ich mir ’ne Gesellschaft vorstelle, in der alle gleichberechtigt sind aber trotzdem verschieden, in der es keine Hierarchien gibt, in der jeder er selbst sein kann und andere auch sie selbst sein lassen, das müssen wir erst lernen. Ich möchte eine Gesellschaft, die sich nicht über Gesetze regelt, über Gremien, Parlamente, die ich wähle und die dann für mich entscheiden. Wenn ich jemanden in eine Situation zwinge, in der er sich nicht wohl fühlen kann, dann funktioniert das ja auch nicht, ohne ihm irgendwelche Regeln aufzudrücken, dass er sich darin einpaßt. Und wir werden massiv in Rollen gepresst, als Mann, als Frau, als Weiße.

Und ich will diese Utopie nicht erst in 100 Jahren verwirklichen, sondern jetzt. Und ich glaube auch nicht, dass irgendwann von heute auf morgen die Welt verändert wird, und dann sind wir alle anders oder zwingen alle Menschen anders zu sein – deshalb fange ich jetzt schon damit an. Das ist auch hier schwierig, aber ich lebe hier mit 21 Leuten zusammen und das bedeutet, dass ich mich mit denen auseinandersetzen muss. Wir haben Plena jede Woche, auf denen wir zusammen entscheiden. Andererseits hab ich den eigenen Wagen und damit einen Wechsel, der mir das auch möglich macht.“

Die gesellschaftliche Veränderung im Hier und Jetzt

Susanne wirft ein: „Das ist eines der Prinzipien, auf das wir uns einigen können. Es soll sich was verändern, und das ist im Prinzip hier unser Test. Eine Erfahrung ist zum Beispiel, dass es drei Küchenwagen gibt, denn mit 21 Leuten kann man nur schwer zu was kommen.“ Und Ria ergänzt: „Du kannst mit 21 Leuten sehr viel regeln, aber du musst es auch erst mal lernen. Ohne Satzung und Anträgen zur Tagesordnung. Dazu gibt es einmal ein Plenum, auf dem die organisatorischen Sachen geregelt werden, angefangen vom Holzbesorgen bis Instandhaltung. Und dann in Abständen kleinere Projekte, wo dann weniger Leute intensiver zusammenarbeiten. Und man kann so Sachen gemeinsam entscheiden, ohne Chef und auch ohne Abstimmung, denn oft gibt es einen Konsens.“

Nun fährt Susanne fort: „Für mich persönlich geht das nur in kleineren Gruppen. Wir planen jetzt zum Beispiel ein kleines Windrad zu bauen, das kann ich nicht mit allen, da findet sich einfach eine kleinere Gruppe zusammen, dich sich das überlegen, sich Informationsmaterial besorgen und so weiter.“ Und wie sieht es mit konkreten Schritten aus, in Richtung auf eine herrschaftsfreiere Gesellschaft? Ria sieht das so: „Von innen betrachtet gibt es hier auch ganz viel Kritik gegen patriarchale und autoritäre Strukturen, mit dem Gefühl, es klappt überhaupt nicht. Und dann schaffen wir es doch, uns im Konsens zu entscheiden. Und ganz viel, was ich an männlichen Verhalten außen kenne, das gibts hier schon gar nicht mehr, da sind wir mit unserer Kritik schon viel weiter. Da sind Sachen schon selbstverständlich.“

Ähnlich sieht das Susanne. „Ich kann hier ganz normal mit den Männern umgehen, ohne irgendwelche Anmache befürchten zu müssen. Und ohne dass ich irgendwo sitze und innerhalb einer Viertelstunde, ich kann förmlich drauf warten, so ne Schwatzbacke am Hals habe, die mich überzeugen will, dass er das Beste ist, was mir über den Weg laufen kann. Und ohne dass irgendjemand sagt, du bist ne Frau, du bist zu doof dazu, lass mich das mal machen, wenn ich ne Bohrmaschine oder Stichsäge in die Hand nehme. Man muss um Grundprinzipien nicht kämpfen.“

Die Unsicherheit bleibt

Gegenüber der Anfangszeit als auch von Seiten des Bauwagendorfs erheblich Berührungsängste bestanden, hat sich einiges geändert. Immer mussten die BewohnerInnen mit Überfällen durch Faschos rechnen, wie in Köln in diesem Sommer, als auf dem Bauwagenplatz Scheiben eingeschlagen wurden. Da wurden dann auch Nachtwachen eingerichtet. „Der Platz ist nach außen hin offener geworden. Und durch die größere Unterstützung von außen und die anderen Plätze merken wir, daß wir doch nicht allein sind.“ In den letzten vier Jahren wurde einiges auf die Beine gestellt, von der regelmäßigen Volxküche, über die Theatergruppe die im Sommer auf zweiwöchiger Tournee war, bis zu Filmgruppe, Jonglierworkshops, Pipi Langstrumpf-Abend, Fotoausstellung und vieles mehr.

Doch gesichert ist die Existenz des Bauwagendorfs weniger denn je, denn noch immer gibt es nur eine mündliche Zusage der Uni, dass im Falle einer Baustelle für eine Ringstraße ein Ersatzgelände zur Verfügung gestellt wird. Was im Falle eines Studierendenhotels mit Wohnheim und Geschäftszeile (Klemm-Kommerzialisierung) passiert, ist noch nicht entschieden. Und auch der geplante Chemieneubau könnte den Bestand des Dorfes infrage stellen.

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