Besetzen gegen Leerstand

Schilder vor dem Gerichtsgebäude in Wiesbaden. Dennis Firmansyah | CC BY-NC-SA

Der runde Tisch für Wohninitiativen Wiesbaden hat am Freitag zu einer symbolischen Hausbesetzung eingeladen. Etwa dreißig Menschen versammelten sich vor dem ehemaligen Landes- und Amtsgericht in der Nähe des Bahnhofs, um auf die Einführung des Leerstandsmelders in Wiesbaden aufmerksam zu machen. Der Leerstandsmelder beherbergt eine Internetseite, auf der die Bewohner_innen einer Stadt leer stehende Gebäude auf einer Karte eintragen können. Dadurch sollen ungenutzte Gebäude sichtbar gemacht werden.

Der runde Tisch ist ein Netzwerk aus verschiedenen Initiativen, die alternative Wohnformen umsetzen wollen. „Wir wollen uns gegenseitig helfen und kooperieren,“ sagt Gabi, die hier vor dem ehemaligen Gericht Butterbrote und heißen Tee verteilt. In Wiesbaden gäbe es nicht genug bezahlbaren Wohnraum. „Wer Geld hat, kann alles umsetzen, aber Leute mit mittlerem oder niedrigem Einkommen haben es schwer.“ Gestaltungsmacht über städtische Räume, so Gabi, hätten oft nur Investoren, die gewinnorientiert arbeiten. „Das hilft der Allgemeinheit nicht.“ Auch die städtischen Wohngesellschaften wären vor allem auf Profit aus, unterstreicht Gabi das Problem.

Die Bevölkerung kann sich selbst kümmern

Doch nicht nur an Wohnraum mangelt es. Einige Mitglieder aus dem Veranstaltungskollektiv Unterholz sind gekommen, um Präsenz zu zeigen. „Leerstand ist einfach eine Verschwendung. Wir könnten Jugendhäuser aufmachen oder Wohnungen für Obdachlose,“ sagt Max. Die Gruppe will an dem Thema dranb leiben, weil die Stadt ihre Parties ablehnt. Goa-Musik sei mit vielen Klischées behaftet und die Stadt fördere fast nur kommerzielle Veranstalter. „Wir wollen für die jungen Leute was tun. Wiesbaden ist schließlich eine Kulturstadt.“

Doch Max geht es nicht nur um Veranstaltungen oder Parties. Deutschland gebe sich als Sozialstaat aus, aber werde diesem Anspruch nicht gerecht. Das zeige der Leerstand. „Viele Leute frieren gerade. Es ist nass und kalt, jedes Gebäude könnte ein trockenes, warmes Zuhause sein.“ Er zeigt sich zuversichtlich: Die leeren Gebäude wieder auf Vordermann zu bringen, darum kann sich die Bevölkerung selbst kümmern, wenn die Stadt sie nur lässt: „Es gibt Klempner und Techniker. Die Menschen dieser Stadt können die Häuser selbst reparieren und armen Leuten zur Verfügung stellen.“

Doch eigentlich hatte der Runde Tisch heute zu einer Hausbesetzung eingeladen, nicht nur zu einer Kundgebung. Wenn dadurch die Erwartung geweckt wurde, dass in das ehemalige Gerichtsgebäude hineingegangen würde, um es sich dort einzurichten, wurde sie enttäuscht. Schon nach etwa einer Stunde löst sich die Versammlung vor dem Gebäude auf. Zuvor wurden zwei Menschen, die das Gebäude mit Schlüsseln betraten, ausgepfiffen. Max sieht das entspannt: „Ich find’s nicht schlimm, dass wir nicht reingehen konnten. Das kann ja noch kommen.“

Dennis Firmansyah

Über Dennis Firmansyah

Dennis Firmansyah hat die Zwischenzeit 2013 mitbegründet und 2016 die Herausgeberschaft und Chefredaktion übernommen. Seine Themen sind Migrationspolitik, Recht auf Stadt und Regionalgeschichte. Neben der Zwischenzeit veröffentlicht er auch bei der Jungle World, Direkte Aktion und Graswurzel Revolution.

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