Von der Bewegung für die Bewegung

Prost: Und hoffentlich noch mal 30 Jahre mehr füs Café Klatsch. Jan Zombik | CC BY-NC-SA

Die Zukunft eines der ältesten Kollektivbetriebe der westdeutschen Alternativbewegung der 1980er Jahre, das seit 1984 in Selbstverwaltung betriebene Café Klatsch in Wiesbaden, steht wegen des angekündigten Verkaufs seiner Räumlichkeiten auf dem Spiel. Mit dem Start der Kampagne 500 x 500 will die Initiative Linksroom e.V. dazu beitragen, diesen für die undogmatischen linken, anarchistischen und autonomen Bewegungen im Rhein-Main Gebiet überaus wichtigen Raum zu erhalten.

Eine Gruppe Wiesbadener Aktivist_innen war Anfang der 80er Jahre angetreten, dem bürgerlichen Establishment der Spießermetropole etwas Dauerhaftes entgegenzusetzen. Politisiert bis in die Haarspitzen und engagiert in den verschiedensten Bewegungen waren sie alle. Prägende politische Ereignisse dieser Zeit waren die Prügelorgien der Polizei an der Startbahn West am Frankfurter Flughafen 1981 oder die Widerstandsaktionen gegen die damals in Wiesbaden stattfindende internationale Militärmesse, auf der die Rüstungsindustrie den Potentaten dieser Welt das neueste Kriegsgeräte verkaufte.

Aus den Sonntagsspaziergängen und den Auseinandersetzungen an der Startbahn-Mauer entstand eine festere Gruppe, die konkrete Pläne zur Schaffung eines eigenen Raumes schmiedete: eines Raumes für eigene Kultur, für politische Diskussionen, für Veranstaltungen, unzensierte Informationen, für selbstbestimmtes Arbeiten und selbstbestimmtes kollektives Leben. Für alles, was in Wiesbaden nirgends einen Platz hatte.

Der Ansturm war gigantisch

1984 gelang es den Aktivist_innen, den düsteren Saal der Bierfestung Barbarossa im Rheingauviertel zu mieten. Unter Mithilfe von Freund_innen und Genoss_innen wurden die gut 150 Quadratmeter großen Gasträume aus der Gründerzeit renoviert und in eine Kneipe mit explizit linkem Flair verwandelt. Ein rauchfreies Spielzimmer für Kinder – ein Novum in der damaligen Wiesbadener Gastro-Szene – war Teil des Konzeptes. Am Tag der Eröffnung und den folgenden Wochen und Monaten konnte sich das Klatsch-Kollektiv vor Gästen kaum retten. Der Ansturm war so gigantisch, dass die anfänglich 11 Kollektivist_innen die Gruppe schnell auf 33 Leute erweiterten. Die Idee des politischen Szenetreffs im bürgerlich-spießigen Wiesbaden hatte voll eingeschlagen.

In den folgenden Jahren entwickelte sich das Klatsch zu einem Ort, von dem viele Impulse ausgingen. Politische Diskussionen, Informationsveranstaltungen, Ausstellungen, Musik, Theater, Zirkus, Pantomime und Kultur jenseits des Mainstreams wurden ergänzt durch ein breites Angebot an anarchistischen, autonomen und linken Zeitungen, Periodika, Flugblättern und der aktuellen Tagespresse. Konkrete Soli-Aktionen zum Bergarbeiterstreik 1984/85 in Großbritannien, die Organisation des Volkszählungsboykotts 1987 oder die von harten Diskussionen begleitete Spendenaktion Waffen für El Salvador 1985/86 hatten Platz im Klatsch. Imperialistische Limonaden flogen aus dem Angebot, als die Häfen in Nicaragua 1984 durch die USA vermint wurden.

Klatsch-Kollektivist_innen beteiligten sich an der Durchführung der Libertären Tage 1986 und 1993, agierten in der Anti-AKW-Bewegung, initiierten Hausbesetzungskampagnen oder sind in der Antifa aktiv. Projekte wie das Kultur- und Tagungshaus Rauenthal oder das Frauengesundheitszentrum Sirona gingen aus dem Klatsch hervor oder wurden maßgeblich unterstützt. Mobilisierungen gegen rassistische Angriffe auf Geflüchtete, Treffpunkt zur gemeinsamen Fahrt auf Demos und Konzerte oder das kühle Bier nach geschlagener Schlacht gehören wie gutes Essen aus möglichst biologisch angebauten Lebensmitteln zu erschwinglichen Preisen zum Konzept. War das Klatsch bis Anfang der 1990er Jahre eher autonomer Szenetreff, so hat es inzwischen eine breite Stammkundschaft und ist bis heute eine soziale Institution ohne Konsumzwang – für die Nachbarn im Viertel genauso wie für Menschen, die sich mit der bürgerlichen Gesellschaft und dem deutschen Normalzustand nicht identifizieren können.

Seit nunmehr 31 Jahren wird das Klatsch kollektiv betrieben, Entscheidungen werden mit Konsens getroffen, alle Arbeiten nach Einheitslohn bezahlt. In wöchentlichen Plena wird sich über den Café-, Restaurant- und Barbetrieb, die Unterstützung anderer Projekte, über Veranstaltungen und nicht zuletzt über nicht-ausbeuterische Arbeitsbedingungen abgestimmt. Trotz der im Laufe der Jahre vielen unterschiedlichen Menschen die ein- und ausgestiegen sind, trotz schwieriger Phasen und erbitterteten Auseinandersetzungen, die in den letzten 30 Jahren in der linken und linksradikalen Bewegung stattgefunden haben, hat das Klatsch Kurs gehalten.

Das Kollektiv versteht sich heute als eine für neue Impulse offene und queere Gruppe, die weiterhin für eine herrschaftsfreie Form des Miteinanderlebens und -arbeitens kämpft, einen Betrieb nachhaltig führt und das Entstehen von Hierarchien verhindern will. Kein Mensch, der ins Kollektiv einsteigt, muss sich einkaufen, niemensch zieht Gelder ab wenn er_sie aussteigt. Das Klatsch positioniert sich damit explizit jenseits des allgegenwärtigen Zwangs zur Selbstoptimierung und Selbstvermarktung und ermöglicht Menschen ohne Kapital, mit ihren unterschiedlichen Biographien, Ideen, Talenten und Tatkraft, selbstbestimmt zu arbeiten.

31 Jahre Café Klatsch sind lange nicht genug!

Der Besitzer der Immobilie, in der das Klatsch sein Zuhause hat, bietet nun die Räume zum Verkauf an. Das Weiterbestehen des Betriebes ist derzeit in der Schwebe. Was nach einem Verkauf im mittlerweile weitgehend gentrifizierten Rheingauviertel mit dem Klatsch passiert, ist nicht vorhersehbar und trotz aller angedachten Aktionen letztendlich wohl von den Plänen etwaiger neuer Besitzer abhängig. Aus diesem Grund sehen die Initiator_innen von Linksroom e.V. und die in ihm vereinten Sympathisant_innen, Unterstützer_innen und Kollektivist_innen im Ankauf der Räumlichkeiten die Chance, das Café Klatsch als Raum emanzipatorischer Bewegungen zu sichern. Linksroom e.V. will das Objekt dauerhaft dem Immobilienmarkt entziehen um dem Kollektiv so die Ausgangslage zu schaffen, noch freier agieren zu können. Infos zur Kampagne und zu den Spendenmöglichkeiten entnimmst du der Infobox.

LinksRoom e.V.

Über LinksRoom e.V.

LinksRoom e.V. ist ein Verein, der Freiräume in Wiesbaden erhalten und schaffen will. Sein aktuelles Projekt ist neben Diskussions- und Kulturveranstaltungen der Erhalt von dem selbstverwalteten Café Klatsch. Bis zum Ende des Jahres hat er sich zum Ziel gesetzt, 250.000€ zu fundraisen, um die Immobilie in der Marcobrunnerstr. 9 zu kaufen und dem Klatsch-Kollektiv zu vermieten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.