Biedermann und der Un-Rechtsstaat

Zwei Menschen rückwärts aneinander gelehnt, die Köpfe auf der jeweils anderen Schulter, sorgenvoller Blick.

Elvira und ihr Bruder Egzon, verkörpert durch die Schauspieler*innen Kristina Gorjanowa und Denis Larisch, träumen von einem besseren Leben. Staatstheater Mainz | ©

Das Glashaus des Mainzer Staatstheaters ist ein ungewöhnlicher Raum für Aufführungen. Die nur zentimeterhohe Bühne ist seltsam länglich und wird an einem Ende durch zwei Snack- bzw. Getränkeautomaten bis kurz vor den L-förmigen Zuschauer*innenraum begrenzt. Statt einer Wand dient als Bühnenbild das durch die große Glasfassade schimmernde Panorama der Stadt Mainz.

Das Stück Deportation Cast hat neben den Snackautomaten nur eine weitere Requisite. Es sind die im Raum verteilten Sitzbänke wie sie in Wartehallen in Flughäfen stehen.  Die ausverkaufte Premiere an diesem Sonntag wurde ursprünglich 2011 von Dramaturg Björn Bicker konzipiert und nun von Brit Bartkowiak für ein Ensemble von vier Schauspieler*innen inszeniert.

Das Stück ist Teil der vom 18. bis 25. April stattfindenden Platz Da?!-Aktionswoche in Mainz, eine Kooperation unterschiedlicher Initiativen, die versuchen, durch aktivistische, künstlerische und kulturelle Veranstaltungen die Themen Flucht und Migration, Leerstand und Recht auf Stadt zu verbinden und in die Öffentlichkeit zu tragen. Eine Beteiligung des Staatstheaters als zutiefst bürgerliche Institution macht da zunächst eher argwöhnisch. Allerdings sollte sich herausstellen, dass der Stoff und die Inszenierung gerade mit der Moral eines vermeintlich aufgeklärten deutschen Bürgertums schonungslos ins Gericht geht.

Eine Maschinerie der Ausgrenzung und der ersten Liebe

In jeweils drei unterschiedlichen Rollen eröffnen die vier Darsteller*innen drei unterschiedliche Perspektiven auf ein und dieselbe Geschichte. Da ist zum einen Elvira mit ihrer Familie und ihrem psychisch beeinträchtigten und schwer traumatisierten Bruder Egzon, die nach einer Kettenduldung in den Kosovo abgeschoben wird, obwohl die Kinder in Deutschland aufgewachsen sind und kaum Albanisch sprechen. Da ist zum anderen Elviras Freund mit deutscher Staatsbürgerschaft, der die Welt nicht mehr versteht, als seine Freundin von einem Tag auf den anderen in einem Flugzeug abtransportiert wird.

Er macht seinen Vater für die Situation verantwortlich, der als Pilot selbst schon Abschiebungen in den Kosovo geflogen ist. Und da ist eine Riege von Bürokrat*innen – vom Anwalt für „Ausländerrest“ bis zum Abschiebearzt – die als Rädchen im Getriebe der staatlichen Selektions- und Ausgrenzungsmaschinerie das System aufrechterhalten und dies beflissentlich rechtfertigen. Fragmentarisch spiegeln diese Blickwinkel die Chronologie einer Abschiebung und ihrer Folgen wieder. Auch die Fluchtgründe, die gruppenbezogene Diskriminierung und das Deplatzierungsgefühl kommen zur Sprache. Die Roma-Familie wird an keinem Ort von der Mehrheitsgesellschaft als zugehörig angesehen.

Von Unausgesprochenem und der Dekonstruktion bürgerlicher Moral

Obwohl die Inszenierung oft ohne explizite Ansprache und Darstellung auskommt, ist das Stück nicht leicht zu ertragen. Die Andeutungen von Diskriminierung und Misshandlung lassen sich nach dem Verlassen des Theatersaals nicht leicht abschütteln. Eindrücklicher noch ist die Zerrissenheit und die Absurdität der meist übergestülpten Kategorien der Zugehörigkeit. Je nach Ort des derzeitigen Aufenthalts wird Elviras Familie immer als  „anders“ eingestuft, was sich bis in die Eigenwahrnehmung der Betroffenen ausdehnt.

Die in Deutschland verbleibenden Charaktere zeichnet das Stück außerdem präzise als Repräsentant*innen der sogenannten Mehrheitsgesellschaft. Sie sind die Gesichter einer Gesellschaft mit spießbürgerlichen Moralvorstellungen, die sich selbst und ihren Staat für gut halten und sich trotz ihres eigentlichen Bewusstseins der Brutalität ihrer Paragraphen und Verordnungen gerne hinter dem sogenannten Rechtsstaat und seiner vermeintlichen Notwendigkeit verstecken.

Gerade dadurch entlarvt Deportation Cast den Rechtsstaat jedoch als Mittel und Verschleierung von Unterdrückung, Ausgrenzung und Ermordung vermeintlich Fremder. Laut Autor Björn Bicker stellen diese Verteidigungsstrategie der eigenen westlichen Privilegien einen „Gestus der Selbstverständlichkeit“ bzw. Unausweichlichkeit her, den Politiker*innen wie Angela Merkel bis zur Vollendung bringen.

Gesangseinlage und falsche Heroisierungen

Trotz des institutionellen Rahmens im Staatstheater ist Deportation Cast also ein zwar anstrengendes, aber sehenswertes Theaterstück, dem es gelingt, politische Kunst zu machen, ohne prätentiös oder platt zu werden. Das Stück liefert mit der Offenlegung bürgerlicher Moralabgründe eine ungewöhnlich tiefe und kritische Analyse bestehender Verhältnisse und lässt Zuschauer*innen keine Möglichkeit, den Vorwurf der Heuchelei von sich zu weisen. Einzig irritierend sind eine etwas deplatziert wirkende und leicht kitschige Gesangseinlage sowie das über-dramatische Ende. Es fokussiert sich sehr auf Elviras Freund und heroisiert ihn auf unnötige Weise, obwohl die Spannungskurve des Stücks darauf auch verzichten könnte.

Deportation Cast kann noch an fünf weiteren Terminen im April und Mai angesehen werden, unter anderem am kommenden Donnerstag.

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