Bildet Banden (2)

Häuserkampf und Squatting – Beispiele freundschaftsbasierten Organisierens. Miyoneza | CC BY-NC-SA

Soziale Bewegungen organisieren sich auf viele verschiedene Arten, über die immer wieder erbittert debattiert wurde. In einer fünfteiligen Serie spricht Max Oeverdrive – Aktivist, Pädagoge und organischer Intellektueller – über die Charakteristiken, Grenzen und Potentiale formeller und informeller Organisierung. Kritiker_innen informellen Organisierens bezweifeln, dass es überhaupt möglich sei, die Gesellschaft auf der Grundlage von freundschaftsbasiertem Organisieren zu verändern. Dabei gibt es viele Beispiele von sozialen Bewegungen, die informell organisiert waren. Einige davon – aus dem globalen Norden – werden hier im zweiten Teil unserer Serie vorgestellt.

Da sind zuerst die großen europäischen und amerikanischen Bewegungen der 70er bis 00er Jahre. Die waren informell organisiert: die europäische Squatter-Bewegung, die griechische anarchistische Bewegung, die Deep-Ecology, die Tierrechts-Bewegung, die Free-Party Bewegungen und die anti-kapitalistischen Gipfelproteste sind einige Beispiele. In Seattle gab es einen Sprecher_innenrat mit Delegierten von verschiedenen Gruppen, aber jede Gruppe hat autonome Entscheidungen getroffen. Diese Bewegung hat die WTO-Treffen praktisch lahmgelegt.

Mit informellen Aktionen gegen Tierversuche und Straßenbau

In der Tierrechtsbewegung gab es öffentliche Campaigninggruppen, die Information und Aufrufe koordiniert haben und zu großen Demos aufgerufen haben. Es gab andere Gruppen, die Aktionsberichte veröffentlicht haben, aber die direkten Aktionen wurden immer von Individuen und kleinen informellen Gruppen durchgeführt. Die Repression gegen diese Bewegung war enorm, aber die Bewegung hat sich dennoch als effektiv erwiesen: Sie hat es mehrmals fast geschafft, die größte Tierversuchsanstalt im Vereinigten Königreich stillzulegen.

Die Umweltproteste der 90er in Großbritannien waren auch eine dezentralisierte Bewegung, die mit direkten Aktionen gegen Straßenbauvorhaben vorgegangen ist, darunter Sit-Ins, Protestcamps, Lock-Ons, und Sabotage. Die Bewegung konnte die meisten Straßenbauvorhaben nicht stoppen, aber sie haben es geschafft, die Kosten enorm in die Höhe zu treiben und die politische Attraktivität solcher Bauvorhaben ist soweit gesunken, dass die Regierung die Programme eingestellt hat.

Straßenkampf um autonome Räume

Auf ihrem Höhepunkt hatte die Squatterbewegung regelmäßige Aktionstage, in denen Kleingruppen neue Squats schafften – und das schneller, als die Regierung sie räumen konnte. Für gewöhnlich verteidigten die Squatter ihre  Räume, es gab Aufstände in den Straßen bei Räumungen. Zu räumen wurde teuer und politisch nicht mehr durchsetzbar. Es gab einen Zeitpunkt, an dem in vielen europäischen Städten ganze Stadtbezirke besetzt waren. Deshalb wurde Squatting mancherorts legalisiert. Dort, wo das nicht der Fall war, wurden einzelne besetzte Häuser immerhin nach einiger Zeit legalisiert. In der Gegenwart finden wir in der ZAD (Zone A Défendre – „zu verteidigende Zone“) eine sehr effektive Landbesetzung, die es geschafft hat, den Staat schon seit Jahren auf Distanz zu halten.

Schon die Arbeiter_innenbewegung organisierte sich informell…

Eigentlich wurzelten alle großen historischen Bewegungen, auch wenn sie organisationale Auswüchse hatten, in alltäglichen Freundschaften, in informellen Verbindungen. Die großen Arbeiter_innenbewegungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts hatten Gewerkschaften und Parteien, aber die alltägliche Aufbauarbeit geschah durch die Arbeiter_innenvereine, ad-hoc Gruppen, die wilde Streiks veranstalteten durch Zellen von Arbeiter_innen an ihren Arbeitsplätzen und durch das alltägliche Zusammentreffen von Arbeiter_innen. Die großen Bauernaufstände des Mittelalters waren hauptsächlich informell – sie mögen eine Führungsfigur gehabt haben und Ansätze von militärischen Strukturen, aber ein Großteil der Aktivität was lokalisiert und diffus.

Die feministische Bewegung der 70er hat sich aus Consciousness-Raising entwickelt – eine Methode für Kleingruppen. Die großen historischen Aufstände oder Revolten sind ohne formelle Organisierung geschehen – Frankreich 2005, Griechenland 2008, Großbritannien 2011, Ferguson, Baltimore, und so weiter. Der arabische Frühling bestand aus einem Flickenteppich aus Organisationen, aber seine Struktur war insgesamt dezentralisiert und netzwerkartig – die Leute haben Freundeskreise, Kleingruppen und social media benutzt.

Soweit zu den Bewegungen in Europa und den Vereinigten Staaten. Lest im nächsten Teil über historische anti-koloniale Kämpfe, die Nachbarschaftsorganisierung der ayllus in Bolivien und von den Zapatistas in Mexiko. Wie sind Straßengangs und religiöse Kulte einzuordnen? Und gibt es gar Kapitalist_innen, die sich lieber informell organisieren? Stay tuned.

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