Bildet Banden (3)

Freundschaftsbasiertes Organisieren ist nicht nur im Hausboot möglich. txmx2 | CC BY-NC-SA

Soziale Bewegungen organisieren sich auf viele verschiedene Arten, über die immer wieder erbittert debattiert wurde. In einer fünfteiligen Serie spricht Max Oeverdrive – Aktivist, Pädagoge und organischer Intellektueller – über die Charakteristiken, Grenzen und Potentiale formeller und informeller Organisierung. Es gibt viele Beispiele informellen Organisierens im globalen Süden – historische und gegenwärtige – vom anti-kolonialen Kampf über die bolivianischen ayllus zu den Zapatistas. Doch es gibt auch hybride Formen, die formelle und informelle Merkmale haben. Wie sind Straßengangs und religiöse Kulte einzuordnen und hat sogar der Kapitalismus geschnallt, dass es klüger ist, sich informell zu organisieren? Diese und andere Fragen beantwortet Teil drei unserer Serie.

Es gibt eine Menge historischer Beispiele. Indigene Bevölkerungen hatten keine formellen Strukturen im westlichen Sinne – also Strukturen des rationalen, bürokratischen, legalen Typs –, obwohl sie manchmal Massenversammlungen abhalten und rituelle Strukturen, Hierarchien zum Beispiel, herausbilden. Als die Irokesenkonföderation, die Lakota oder die Comanche der amerikanischen Kolonisation Widerstand leisteten, taten sie das mithilfe informeller Strukturen. Als die Pashtun im Nordwesten Pakistans die britischen Besetzer_innen auf Abstand hielten oder die Mapuche erfolgreich seit mehr als hundert Jahren die spanische bzw. chilenische Eroberung verhinderten, so geschah das durch eine Sozialstruktur, die hauptsächlich informell war.

Viele Bewegungen benutzen hybride Formen: Das wichtigste Organisationsmodell beruht auf Affinity, wird aber kombiniert mit großen Treffen einer Gemeinschaft oder gewählten Räten. Wenn wir in den globalen Süden schauen, sehen wir heute, dass die meisten der großen Bewegungen dort so funktionieren, zum Beispiel auch bei vielen indigenen Bewegungen in Südamerika oder Südafrika.

Gemeinschaft als Basis formalisierter Strukturen und politischer Prozesse

In Bolivien ist die Hauptorganisationsform das ayllu. Jedes ayllu hat seinen eigenen Block und über mehrere solcher Gruppierungen hinweg lassen sich große Kampagnen organisieren wie Straßenblockaden und stadtweite Proteste, die Hunderttausende auf die Straße bringen. Sie haben es geschafft, neoliberale Regierungen viele Male zu besiegen. Der Wasserkampf in Cochabama, der Gaskrieg in El Alto, der Kampf gegen die Ausrottung der Kokapflanze, all diese Kämpfe wurden auf diese Weise organisiert. Nun ist es so, dass ayllu manchmal informelle Gruppen, aber manchmal auch formalisiertere Nachbarschaftsvereinigungen meint. Ayllu bedeutet aber gleichermaßen die ganze Gemeinschaft: die Verwandten und die erweiterte Familie, die Gruppe von Leuten eben, die zusammenleben und einander kennen, die verbunden sind durch alltägliche wechselseitige Hilfe, kollektive Arbeit und Bindungen zu Ländereien und ihren Stimmungen und Atmosphären.

Die indigene informelle Struktur ist die Basis für den politischen Prozess, selbst wenn sie auch organisationale Auswüchse hat. In anderen Fällen, wo diese informelle Basis fehlt, muss die Bewegung eine erschaffen. Wenn wir zum Beispiel die brasilianische MST (Movimiento Sem Terra, die Bewegung der Landlosen) betrachten, fällt auf, dass sie einerseits eine große, bundesweite Organisation mit einer hierarchischen Struktur ist. Andererseits ist die MST auch eine Gruppierung kleiner Gemeinschaften, die ganz aktiv zusammengebracht werden durch Rituale, pädagogische Projekte, Proteste und durch die kollektive Arbeit mit dem Boden. Die Zapatistas sind ein weiteres gutes Beispiel. Es gibt dort ein formales Element in den Gemeinschaftsräten, die Entscheidungen im Rahmen von direkter Demokratie treffen. In den bewaffneten Gruppen in der EZLN gibt es auch eine Art Hierarchie. Die zapatistischen Gemeinden jedoch basieren auf indigenen politischen Formen: gemeinschaftliches Leben, persönlicher Kontakt im Alltag, kollektives Arbeiten.

Export anarchistischer Organisationsmodelle

Dann will ich noch eine Gruppe von hybriden Organisationen nennen, die gemeinhin nicht anarchistisch ist, aber hauptsächlich auf informellen Formen von Macht beruhen: Straßengangs, religiöse Kulte, dezentralisierte politische Organisationen, Zellen von Guerillas, ethnische Vereinigungen, Anbieter_innen-Nutzer_innen-Netzwerke. Der Großteil der Welt heute, die Gebiete, die der Staat nicht kontrollieren kann, sind vor allem von diesen Mechanismen und Gruppen beherrscht.

Es gibt einen ganzen Stapel an Literatur dazu, beginnend in den 90ern. Leute von der Rand Corporation zum Beispiel argumentieren, dass die Zukunft denen gehört, die die Netzwerkform am Effektivsten nutzen. Teilweise hängt das damit zusammen, dass große, zentralisierte Staaten eine Reihe von Niederlagen erlitten haben, als sie sich auf Konflikte mit netzwerkartigen, dezentralisierten Gegner_innen eingelassen haben wie beispielsweise Frankreich in Algerien, die USA in Vietnam oder Russland in Afghanistan.

Die Gegner_innen waren natürlich keine Anarchist_innen, aber sie haben eng verknüpfte Kleingruppen als ihre Hauptbausteine im politischen und militärischen Kampf benutzt. Sie waren also auf eine Art organisiert, die viel anarchistischer war als ihre Ideologie. Als Folge davon beobachten wir wie große, hierarchische Organisationen mit autoritären Ideologien – also Unternehmen, staatliche Armeen, Bewegungen der extremen Rechten, religiöse Konservative – anarchistische Organisationsmodelle annehmen mit kleinen Zellen und flachen Hierarchien. Wenn freundschaftsbasierte Organisierung nicht funktionieren würde, warum sollten dann sogar Leute mit einer Präferenz für Hierarchien ihre Praxis in diese Richtung verändern?

Im nächsten Teil spricht Max Oeverdrive über die Gleichzeitigkeit und Wechselwirkungen zwischen formellen und informellen Prozessen und Südengland. Können bewusste und unbewusste Formalisierungen verhindert werden und wenn ja, wie? Bleibt dran.

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