Bildet Banden (4)

Formelles Organisieren kann informelle Arten auf die Füße treten. RJ | CC BY-SA

Soziale Bewegungen organisieren sich auf viele verschiedene Arten, über die immer wieder erbittert debattiert wird. In einer fünfteiligen Serie spricht Max Oeverdrive – Aktivist, Pädagoge und organischer Intellektueller – über die Charakteristiken, Grenzen und Potentiale formeller und informeller Organisierung. Wenn wir von Organisationen sprechen, denkt die Mehrheit der Menschen an formelle Strukturen, an Plena, Komitees, Gremien oder Vereine. Es wirken aber immer auch informelle Prozesse – das Verhältnis von beiden ist interessant. Im vierten Teil unserer Serie erzählt Max Oeverdrive, wie Menschen ohne formelle Strukturen auskommen und wie formelle Strukturen zurückgedrängt oder subvertiert werden können – in Südengland bis zu den Anden.

Egal ob in der Subkultur oder im Mainstream: Der größte Teil des Alltags wird auf informelle Weise gelebt. Der anarchistische Autor Colin Ward hat hier angesetzt, davor Kropotkin. Colin Ward hat den wunderbaren, kurzen Text „Anarchy in Milton Keynes“ geschrieben. Milton Keynes ist ein kleines, sehr konventionelles Dorf in Südengland, weit weg von dort, wo wir Anarchismus erwarten würden. Er beschreibt, wie die lokalen Bands des Dorfes in ihrer Organisierung trotzdem anarchistischen Prinzipien entsprechen. Ich will nicht missverstanden werden: Die Menschen dort machen keine anarchistische Politik, sie nutzen nur informelle Organisierung. Das ist ein typisches Beispiel. Viele von uns haben mit Mitbewohner_innen und Verwandten gelebt, waren Teil irgendeiner Gruppe, die einem Hobby nachgeht, haben Parties organisiert, oder irgendeine andere Aufgabe bewältigt, ohne auf Komitees oder andere formelle Strukturen zurückzugreifen.

Viele von uns haben außerdem in formalisierten Zusammenhängen gelebt oder gearbeitet, aber die Regeln und Vorschriften nicht ganz so ernst genommen. Am Arbeitsplatz zum Beispiel gibt es viele Regeln, die die Angestellten befolgen sollen. Sie machen trotzdem oft, was ihnen tauglich vorkommt, in Absprache mit den anderen Angestellten, und ignorieren die Regeln. Ich glaube also, dass die meisten von uns informelle Organisierung schon sehr gut kennen, wir machen das doch ständig. Wenn wir Politik oder Aktivismus betreiben, scheint es, als könnten wir auf das Wissen über diese ganz alltäglichen Dinge nicht mehr zugreifen. Wir bringen es nicht fertig, unsere Fähigkeiten der informellen Organisierung rüberzuretten.

Ich finde es wichtig zu fragen, wie Menschen ohne formelle Strukturen vorgehen und wie sie formelle Strukturen im Alltag abwehren. Hier gibt es zahlreiche Antworten, die von Autoren wie Colin Ward, James C. Scott, Peter Gelderloss und Pierre Clastres erarbeitet wurden. Die Frage ist, wie die Auswirkungen formeller Strukturen, wo sie existieren, minimiert werden können. Scotts Antwort ist, geradeweg das durchzusetzen, was die Mächtigen gezwungen sind zu erlauben oder das zu machen, was sie nicht verhindern können. Das ist so ähnlich, wie die Autonomiabewegung am Arbeitsplatz gemacht hat – nachlässig werden, aussteigen, krankfeiern, oder die Machinen zerstören, um eine Pause zu haben.

Wir können Aktivitäten so organisieren, dass sie nett, spontan und erfüllend sind

Ein anderer Aspekt ist, wie wir mit Sachen umgehen, die nach einem formellen Prozess verlangen, ohne sie zu formalisieren. Hier geht es um Konfliktlösung oder darum sicherzustellen, dass bestimmte Dinge erledigt werden, aber auch reaktionäres oder übergriffiges Verhalten zu sanktionieren, wenn das für notwendig erachtet wird. Wenn es uns zum Beispiel gelingen würde, miteinander über Konflikte zu sprechen, bräuchten wir keine formellen Konfliktlösungsstrategien. Es gibt Literatur über sogenannte Zerowork und Spiel als Alternative zu Arbeit, die im Grunde sagt, dass wir Aktivitäten so organisieren können, dass sie nett, spontan und erfüllend sind. Wenn wir so vorgehen, werden Menschen diesen Aktivitäten nachgehen, ohne dass ein formelles System sie zwingen müsste. Dann gibt es noch einen anderen Stapel Literatur über Schenkökonomien, zum Beispiel von Marcel Mauss. Es geht darum, Dinge zu machen, um sie Anderen zu schenken, anstatt sie zu verkaufen oder zu tauschen. Die Motivation hinter diesem System ist die wechselseitige Befriedigung, die das Schenken mit sich bringt und der Status, der derjenigen Person zuwächst, die besonders großzügig ist oder einfach richtig gute Geschenke macht. Das System hat integrative Rituale – der Potlach, ein Festival des Konsums – ist das bekannteste. Darin gibt es keine formelle Verteilung der Aufgaben im Sinne von „ich mache das, du machst das“.

Was Sanktionierungen angeht oder Grenzziehungen – sagen wir im Umgang mit autoritären Persönlichkeiten in anarchistischen Orten –; ich glaube, dass moderne Menschen sehr schnell auf Regeln, Prozeduren und Strafen zurückgreifen. Dabei gibt es eigentlich viele verschiedene Wege mit so einer Situation umzugehen, auch wenn du die abweichende Person nicht einfach tolerieren willst. Die Webseite peacefulsocieties.org dokumentiert die Konfliktlösungs- und Sanktionierungsansätze von 25 meist indigenen Gruppen. Viele von ihnen nutzen informelle Methoden der Sanktionierung: Wütend werden, Leute auf den Arm nehmen, sozialer Ausschluss. Es ist eigentlich komisch, wenn wir diese Dinge Sanktionierungen nennen, weil sie meist unbewusst und automatisch geschehen. Andere Gesellschaften, wie die Studien von Clastres über die Aché/Guarani, die Freight Train Riders of America oder irische Roma tragen Konflikte offen aus.

Der Rückbau formeller Strukturen zu bloßen Ritualen

Es gibt auch Beispiele von formellen Strukturen, die zu informellen Strukturen gemacht wurden – oft mit einem rituellen Überbleibsel. David Graeber schreibt über indigene Bäuer_innen in Madagascar, von denen viele Nachkommen von Staatengesellschaften sind. Er meint, dass einige ihrer Rituale aus hierarchischen Machtbeziehungen hervorgegangen sind, die mittlerweile ihre Macht verloren haben. Die Bäuer_innen haben zum Beispiel Kommandopositionen Stück für Stück in rein rituelle Positionen überführt, die sich überhaupt nur noch mit populärer Unterstützung halten können.

Ähnliche Entwicklungen gibt es in den Andenregionen, wo wir es mit Inka- und christlichen Praktiken zu tun haben. Clastres hat die Führungspersonen der Guarani, er nennt sie „Häuptlinge“, ähnlich dargestellt. Sie haben keine reale Macht, nur viele Verpflichtungen. Sie sind die ärmsten Menschen des Dorfes, weil sie ihren persönlichen Reichtum dazu nutzen müssen, Konflikte zu lösen und Unglücksfälle zu kompensieren. Sie können keine Befehle geben, weil niemand gehorchen würde. Sie halten keine Reden, aber müssen sagen, was die Leute wirklich denken, sonst werden sie sie als Führungsperson abschaffen. Was lernen wir daraus? Wenn es Leute in formellen Positionen gibt, müssen wir sicherstellen, dass sie weniger Macht haben als die allgemeine Bevölkerung – und mehr Verantwortung. Sie häufen keine Macht, Wohlstand oder Status an, wie im Kapitalismus – sie bekommen Status, indem sie ihre Macht und ihren Wohlstand teilen.

Zusammenfassend sage ich so: Die Art und Weise, wie wir formelle Macht einschränken können, liegt darin, andere Wege zu finden, die Dinge zu machen. Die Macht der formellen Prozesse, besonders dann, wenn niemand sie durch Zwang durchsetzt, kommt von unserer Abhängigkeit von ihnen, für unsere Bedürfnisse zu sorgen. Ich halte die neo-marxistische Sichtweise für einleuchtend, die besagt, dass dominante Formen der Macht entfremdete Formen der Macht sind: Macht-über, oder konstituierte Macht, ist eine entfremdete Form von Macht-zu oder konstituierender Macht.

Ohne formelle Strukturen zurecht zu kommen oder die formellen Strukturen zurückzudrängen, die wir bereits haben, erfordert einen anderen Umgang mit Situationen, in denen wir für gewöhnlich formelle Prozesse anstrengen. Ich gebe ein Beispiel: Das nächste Mal, wenn sich jemand wie ein Arschloch benimmt, musst du nicht die Polizei rufen oder das Plenum darum bitten ein Hausverbot zu veranlassen. Du kannst ihn einfach ein Arschloch nennen, dich über ihn lustig machen, ihm einen Streich spielen, ihn ignorieren, du kannst dich als Mediatorin anbieten oder ihn zu einem Kampf herausfordern.

Die Kraft der kleinen Gesten

Wenn du Leute brauchst, die das autonome Zentrum putzen, ist es nicht nötig das Plenum mit einem Putzplan zu betrauen oder gar jemand für die Reinigung zu bezahlen. Du kannst einfach einen Tag der Arbeit machen, mit Snacks und Dingen, die Spaß machen. Mach das Putzen zu einem sozialen Event, einem Spiel oder einem Wettstreit. Jagt euch mit Wischmobs an den Füßen durch den Raum oder macht einen Wettbewerb, wer den größten Haufen Müll am Ende des Tages zusammen hat. Es gibt so viele Wege, etwas zu erledigen. Wir sind in autoritären, staatlichen und kapitalistischen Gesellschaften groß geworden, ich glaube, dass für viele von uns die autoritäre, staatliche oder kapitalistische Art, die Dinge zu regeln einfach die offensichtlichste ist. Wir brauchen Alternativen und sind gut beraten, uns Wissen darüber anzueignen, wie es anders geht. Es ist eine kreative Leistung, Beispiele aus anderen Kontexten für unseren eigenen fruchtbar zu machen. Sich von anderen Gruppen und Gesellschaften inspirieren zu lassen ist ein Weg. Ein anderer besteht darin, an jede Situation mit der Haltung einer Anfängerin ranzugehen – im Buddhismus als Shoshin bekannt: Wie ein Kind, ohne die Annahmen, die wir über die Jahre erlernt haben.

Die Qualität der Gemeinschaft ist ausschlaggebend dafür, ob informelle Prozesse formelle Strukturen auflösen können. Viele der Taktiken funktionieren besser, wenn es eine eng verbundene Gruppe gibt, viel wechselseitige Hingabe untereinander und ein gemeinsames Projekt. Wenn jemand unter engen Freund_innen auf den Arm genommen oder sozial gemieden wird, hat das einen sehr großen Effekt. Die Leute sind in solchen Gemeinschaft auch viel eher bereit, freiwillig Arbeit zu investieren – denn es geht um etwas, zu dem sie engen Bezug haben. In der neoliberalen Rhetorik wäre hier von Ownership die Rede. Wer Ownership über ein Projekt empfindet ist bereit dazu, Energie dafür zu investieren. Wir brauchen das Gefühl, dass es um unser Projekt geht, damit wir nicht das Gefühl haben, für jemand anderen zu arbeiten.

Ich glaube wir unterschätzen die Kraft, die kleine Gesten haben können, wenn wir einen Gemeinschaftssinn entwickeln wollen. Wir brauchen eine Geselligkeit und gemeinsame Aktivitäten, um Affinity und Hingabe zu entwickeln. Kropotkin spricht in diesem Zusammenhang vom sozialen Prinzip, also von horizontalen Assoziationen, um wechselseitige Hilfe zu organisieren. Das stellt er dem politischen Prinzip gegenüber, also Macht, die von oben kommt und destruktiv für die horizontalen Verbindungen ist. Wir müssen die Automatisierung vermeiden und horizontale Beziehungen aufbauen, bevor wir Affinity entwickeln und zusammen handlungsfähig sind.

Lest im nächsten Teil, was das Affinity-Prinzip bedeutet, über den Frust, der in formellen Treffen aufkommt und erfahrt zum Abschluss dieser Serie, wie sich Max Oeverdrive selbst organisiert.

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