Bildet Banden (1)

Lasst die Masken fallen! Transparenz überall. RJ | CC BY

Soziale Bewegungen organisieren sich auf viele verschiedene Arten, über die immer wieder erbittert debattiert wurde. In einer fünfteiligen Serie spricht Max Oeverdrive – Aktivist, Pädagoge und organischer Intellektueller – über die Charakteristiken, Grenzen und Potentiale formeller und informeller Organisierung und liefert zahlreiche Beispiele aus dem globalen Norden und Süden. Im ersten Teil der Serie stehen Fragen zu Hierarchie und Inklusion im Vordergrund. Wenn eine informelle Gruppe die Entscheidungen trifft, steht schnell der Vorwurf im Raum, es fehle an Transparenz und Möglichkeiten der Mitbestimmung. Aber müssen wir Andere wirklich immer um Erlaubnis fragen? Wie können kleine Gruppen inklusiv sein? Und löst formelle Organisierung die Probleme der Transparenz und Mitbestimmung?

Die informelle Gruppe, die die Entscheidungen trifft, ist nur so inklusiv wie ihr Netzwerk aus Affinities: Wen kennt sie, wen fragt sie um Rat? Das Risiko, das freundschaftsbasierte, auf persönlichen Beziehungen fußende politische Organisierungsweisen haben, besteht darin, Mikromacht zu formen: Manipulationen und großer Einfluss charismatischer Personen innerhalb des Freundeskreises treten auf.

Diese Risiken sind ähnlich und größer in formellen Organisationen. Plena können von Leuten dominiert werden, die eine große Klappe oder bürokratische Kompetenzen haben. Es gibt Leute, die dir solange eine Kassette drücken, bis sie ihre Meinung durchgesetzt haben. Solche Ermüdungsreden sind vor allem in formellen Settings wirksam – in informellen Treffen würden die Leute nach und nach verduften, wenn jemand zu viel und zu dominant spricht. Durch bürokratische Kompetenzen und Dominanz werden Menschen ausgeschlossen oder marginalisiert, weil sie den Verfahren nicht gerecht werden können – oder wollen. Zum Beispiel, weil sie sich nicht auf regelmäßige Treffen einlassen können, weil sie aus Mangel an Freund_innen und Genoss_innen nicht in das Organisationskomitee gewählt wurden. Ich glaube nicht, dass formelle Organisierung die Probleme informeller Organisierung lösen kann. Formelle Organisierung verschärft die Probleme, indem sie diese formalisiert und die Hierarchien und Ausschlüsse festschreibt.

The Tyranny of Structurelessness?!

Es gibt eine alte Debatte darüber in der feministischen Bewegung, die mit Jo Freemans Pamphlet „The Tyranny of Structurelessness“ angefangen hat. Darin steht, dass kleine Gruppen für politisches Organisieren unpassend sind, weil sie oft informelle Hierarchien mit sich bringen. Die Schrift fordert formelle, demokratische Strukturen. Verschiedene Antworten folgten, unter anderem von Cathy Levine und Jason McQuinn. Das Argument dieser Antworten war, dass informelle Organisationen hierarchieärmer als formelle sind.

In großen, strukturierten Organisationen gibt es mehr Elitismus und Hierarchien als in kleinen Affinitygruppen. Denn alle Formen von Dominanz, die es in informellen Gruppen gibt, treten auch in formellen Orgnaisationen auf – nur sind sie dort größer, destruktiver. Kleinere Gruppen können leichter lernen, Unterschiede anzuerkennen, Individualität und verschiedenen persönlichen Stilen Raum zu geben. Außerdem können sie gelebte Alternativen gegen Entfremdung, ein beschissenes Leben, Ohnmacht und Isolation sein.

Es klappt, solange alle auf einem Level sind

Im besten Fall sind informelle Gruppen hierarchiefrei und inklusiv. Ich muss trotzdem sagen, dass ich auch in informellen Organisationen war, die das nicht sind. Dann kommt heraus, was Freeman beschrieben hat: Eine laute, dominante Person gebiert sich als informeller Diktator und die weniger durchsetzungsstarken Mitglieder machen, was ihnen gesagt wird. Das passiert nicht immer, es kommt auf die Persönlichkeiten der Mitglieder an. Ich glaube, dass informelle Organisierung dann am besten funktioniert, wenn alle einen ähnlichen Grad an Durchsetzungsfähigkeit haben: Stille, bescheidene Leute, die sich gegenseitig sehr genau zuhören. Oder eine Gruppe mit nachdrücklichen Leuten, die für das kämpfen, was sie wollen. Beides klappt, so lange alle auf einem Level sind.

Machtbeziehungen treten dort auf, wo manche nicht so durchsetzungsfähig sind wie andere. Die Durchsetzungsstarken stellen ihre eigenen Bedürfnisse an erste Stelle. Die Ruhigeren geben den Bedürfnissen von Dritten den Vorrang. Menschen unterscheiden sich viel in ihrer Durchsetzungsfähigkeit – persönliche Unterschiede, psychologische Veranlagungen und Faktoren wie Gender, Klasse und Ethnizität spielen eine Rolle. Es ist eigentlich ganz einfach: entweder wir hören auf, andere zu dominieren oder wir konfrontieren die, die es versuchen.

Mehr Einfühlsamkeit als die Gesellschaft erlaubt…

Es gibt eine Reihe von Dingen, die kleine Gruppen machen können, um informellen Hierarchien zu begegnen. Sich Menschen zu öffnen, die anders sind, zum Beispiel. Wir brauchen nachsichtiges Verhalten füreinander, mehr Rücksicht, als es der Mainstream uns lehren will. Wir brauchen Strategien der Konfliktlösung, Wege, Vertrauen zu schaffen, und wir brauchen die Fähigkeit, uns um die zu kümmern, die ausgebrannt oder traumatisiert sind. In größeren Projekten ist es wichtig, sich mit Leuten verschiedener Gruppen unterhalten zu können, auch mit denen, die nicht notwendigerweise eine gemeinsame Perspektive haben.

Wir müssen uns nicht alle um Erlaubnis fragen

Es ist manchmal gut, Eigeninitiative zu zeigen, wenn es darum geht, neue Leute reinzubringen, sie zu fragen, ob sie Interesse daran haben, mitzumachen. Wenn ich was für die Community organisieren will und die Nachbar_innen einbeziehen will, die keine Anarchist_innen oder Aktivist_innen sind, würde ich vorschlagen, zuerst mit Leuten ins Gespräch zu kommen, um herauszuhören, was sie wollen, ob sie Interesse haben und wie wir eine Beteiligung erleichtern können. Aber es gibt viele Situationen, in denen es total in Ordnung ist, als Kleingruppe oder Freundeskreis zu handeln. Warum sollte eine Affinitygruppe jemanden um Erlaubnis fragen, um einen Squat aufzumachen, eine Party zu feiern oder Poster aufzuhängen? Natürlich bedeutet das, anderen die Freiheit zu lassen, solche Sachen auch zu machen, ohne dass du oder ich da groß mitzureden haben.

Manche Leute brauchen das Gefühl, dass alle in der Bewegung sie erst um Erlaubnis bitten müssen. Aber ich denke, dass es großartig ist, wenn verschiedene Gruppen alle ihr Ding machen. Kurz: Ja, es gibt die Gefahr von informellen Hierarchien. Aber ich glaube nicht, dass wir dieses Problem lösen, in dem wir aufhören uns informell zu organisieren. Außerdem finde ich es wichtig, uns nicht lähmen zu lassen von der Sorge, dass wir andere unbewusst dominieren könnten.

Kann freundschaftsbasiertes Organisieren die Welt verändern? Im nächsten Teil erzählt Max Oeverdrive von sozialen Bewegungen im globalen Norden – von der traditionellen Arbeiter_innenbewegung, zur Globalisierungsbewegung, über die Hausbesetzer_innenszene und den Umweltprotest: Informelle Organisierung ist überall. Stay tuned.

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5 Gedanken zu “Bildet Banden (1)

  1. Maharak

    Interessanter Beitrag, der viele Aspekte benennt, die wohl nicht so bald an Aktualität verlieren werden, denke ich. Ergänzen möchte ich noch, dass ich im informellen Bereich die Erfahrung gemacht habe, dass Marginalisierung/Ausschluss viel schneller, teils sogar härter, geschehen können und dabei vor allem die Möglichkeiten, dagegen etwas zu tun, nicht so gut sind wie bei einer formalen Organisierung, bei der bestimmte Aspekte des Umgangs miteinander geklärt sind bzw. sogar in einer Satzung o.ä. festgehalten wurden.
    So gibt es in informellen Gruppen schnell die Sache, dass Menschen aufgrund mangelnder Sympathie, falscher „Gesinnung“: antideutsch, kommunistisch, zu skeptisch, für/gegen Definitionsmacht, etc., oder sogar persönlicher Tatsachen/Probleme, wie: berufstätig, suchtkrank, alt, depressiv, „burn-out“, raus fliegen oder Mobbing erfahren bis sie es selbst checken, dass sie sich verziehen können. Das Ding mit der Inklusion ist also eher schlechter als in der „realen“ Gesellschaft, wo es hierzu zumindest schlechte Mindeststandards gibt.
    Das basiert jetzt alles auf persönlicher Erfahrung und ein paar Einschätzungen, die ich von ein paar anderen Menschen habe. Wenn es für die Mehrheit eher gut läuft, wie im Text oben beschrieben, ist das natürlich schön, aber ich würde vor allem Menschen mit psychischen Problemen dringend davon abraten, sich informell zu organisieren: Es ist irgendwann schwierig zu unterscheiden, wer Freundin, Genosse oder einfach nur ein Feind ist, dem du insgeheim scheißegal bist. Das verwischende Ineinsfallen von Freundeskreis und verbindlicher politischer Organisierung ist nicht für jeden eine gute Sache.

    • Said FeigeSaid Feige

      Hallo Maharak

      Danke für deinen Beitrag. Du gibst darin die Einschätzung, dass formelle Organisierungsweisen weniger anfällig für Marginalisierungsprozesse sind, weil „bestimmte Aspekte des Umgangs miteinander geklärt sind“ und „in einer Satzung“ festgehalten werden.

      Für eine inklusive politische Kultur finde ich es wichtiger, bestimmte Werte zu leben, als sie in eine Satzung zu schreiben. Satzungen sind Machtmittel, die in Konfliktfällen herangezogen werden, um den Konflikt auf einer rechtlichen Ebene zu klären: Es werden Verfahren eingeleitet, die prüfen sollen, ob sich jemand satzungswidrig verhalten hat, es gibt feste Regeln, wer wann was vortragen/äußern soll. Ich finde das entfremdend. Es ist eine super bürokratische Art, Probleme in den Griff zu bekommen, es ist eine zeitaufwendig und voraussetzungsreiche Art.

      In unserem Alltag, mit einer Satzung, in den WGs, Familien, mit den Arbeitskolleg_innen, lösen wir Probleme doch auch nicht indem wir uns auf eine Satzung berufen, sondern wir sprechen miteinander, wir meiden uns, wir schreiben uns Briefe, wir erzählen gemeinsamen Freund_innen, was nicht stimmt, die dann vermitteln – oder wir leben uns auseinander, brechen miteinander. Diese Mechanismen der Konfliktlösung finde ich viel zielführender, weniger entfremdet und bürokratisiert als Konflikte mithilfe einer Satzung zu klären.

      Politische Organisierung hat immer mit Sympathien zu tun. Wo es keine Sympathie gibt, ist es zäh und schwer zusammen was auf die Beine zu stellen. Freundschaftsbasiertes Organisieren erkennt das an und nimmt Sympathien und Freundschaften zum Ausgangspunkt für kollektives politisches Handeln. Ich denke, dass viele formelle Treffen eine gewisse „Performance“ verlangen: Rhetorisch geschickte Reden, laute Stimme, souveränes Auftreten, all das. Gerade für Leute mit Depressionen ist es schwierig, diesen Voraussetzungen gerecht zu werden. Formelle Treffen erlebe ich als extrem ineffektiv, sodass sie oft mehrere Stunden dauern und in regelmäßiger Taktung stattfinden, wöchentlich, zweiwöchentlich – ein Hindernis für viele berufstätige Menschen.

      Innerhalb eines freundschaftlichen Rahmens fällt es vielen Leuten leichter, über individuelle Eigenarten zu sprechen, wie Depressionen, Süchte oder körperliche Einschränkungen. Stell dir vor, jemand fängt auf einem Koordinierungstreffen für eine große Demo an, von seinen Depressionen, Burn-out Erfahrungen oder körperlichen Einschränkungen zu erzählen – das wäre absurd!

      Informelle Organisierung ist hier flexibler, sie kann leichter auf Arbeitszeiten abgestimmt werden, sie ist effektiver, weil sie auf Vertrauen und gegenseitige Wertschätzung zurückgreifen kann.

      Was deinen Punkt über die „Gesinnung“ angeht, geb ich dir recht, dass es innerhalb der Linken einen Hang dazu gibt, schnell Identitäten und Labels anzunehmen, die ausgrenzend wirken können. Ich denke nicht, dass es sich hier um ein spezifisches Problem informeller Organisierung handelt, hat glaub ich mit der Linken generell zu tun.

      Soweit meine Gedanken dazu.
      Said

      • Maharak

        Shalom Said,
        danke für die Antwort!
        Dazu hätte ich noch folgendes zu konkretisieren:
        Mit „Satzung“ habe ich wohl einen unpraktischen Begriff gewählt – was ich damit meinte, ist, dass die Art und Weise des Miteinanders auf einer gemeinsamen Ebene steht, die universellen Werten verpflichtet ist, also wie z.B. dass alle Menschen gleiche Einflussmöglichkeiten haben oder dass klar ist, dass und wie Rücksicht genommen wird, wie Redemöglichkeiten auf dem Plenum via Moderation als Beispiel.
        Deiner Einschätzung einer Satzung als Machtmittel kann ich nicht ganz folgen, da doch eine Satzung, die z.B. im Konsens entschieden wurde, etwas Fortschrittliches wäre, dass es z.B auch Menschen ohne linken Background und ohne Freundinnen in der Bewegung ermöglichen würde, einen guten und schnellen Einstieg zu bekommen in politische Arbeit.
        Um in einer informellen Orga mitzuhalten, ist enorm viel soziales Kapital nötig, das z.B. berufstätige Menschen gegenüber weniger verpflichteten Menschen schlechter aufbringen können.
        Das Ideal könnte letztlich nur die Organisierung sein, in der wir „ohne Angst verschieden sein“(Adorno) könnten, die also schon den angestrebten Zustand einer befreiten Gesellschaft vorweg nehmen würde.
        Die „Organisierung“ in WGs, Familien, usw. sieht natürlich anders aus, das möchte ich nicht bestreiten, aber dennoch klar machen, dass politische Arbeit zu wichtig ist, um sie genauso unverbindlich und zwanglos anzugehen, wie einen Freundeskreis und dass es vielleicht auch überlegenswert ist, hier zu unterschieden.

        Insgesamt möchte ich dir gar nicht kategorisch widersprechen, da deine Einstellung großartig ist, dass „Werte gelebt“ werden sollen. So habe ich das auch einmal gesehen. Nach vielfältigen Erfahrungen habe ich halt beschlossen, dass ich mich weder bei anderen, noch bei mir selbst, auf die Langlebigkeit verschiedener Werte verlassen kann, sondern es vielleicht bedenkenswert ist, Strukturen zu schaffen, die nicht von der „Heldenhaftigkeit“ oder „Übermenschlichkeit“ (hey Nietzsche!) der einzelnen abhängig sind, sondern die für alle Menschen gut sind, auch die schwachen (like me). Unsere Ideen und Werte zu leben, verlangt uns manchmal mehr ab, als wir geben können.

  2. Utzlglutzl

    Es soll ja Leute geben, die sowohl in einer formellen Organisation aktiv sind, als auch auf informellen Ebene mit ihren Freunden, Bekannten, Familie politisch aktiv werden.
    In einer schlichten, gemeinsamen Satzung kann ich noch keinen Machtfaktor erkennen und auch eine WG ist letztlich formell erfasst (Hauptmieter, Untermieter, wer überweist wann wem Kohle, wer ist für welchen Haushaltsdienst zuständig).
    Für politische Gruppen/Organisationen wird eine formelle Satzung dann relevant, wenn sie über eine gewisse Größe hinauswächst und man nicht mehr jeden persönlich kennen kann. Um eine gesellschaftlich relevante Kraft zu werden, ist es allerdings nötig über einen Freundeskreis hinauszuwachsen.
    Daher ist es äußerst wichtig, WIE Entscheidungen über Satzung, Mandat, Umgang, Selbstverständnis getroffen werden – von einer Führungsgruppe, den “Alteingesessenen“ ein-für-allemal oder von ALLEN Mitgliedern und auch durch diese änderbar?
    Gerade Letzteres kann zu Hierarchie-Abbau führen, der in einer “freundschaftlichen“ Gruppe kaum möglich ist.
    Bei denGRÜNEN gab es mal ein imperatives Mandat, bevor es Machtpolitisch eingeschränkt wurde….bei basisdemokratischen Gruppen oberhalb der “Freundschaftsgrenze“ sollte es dies immer noch geben.

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