bolo’bolo

Ausschnitt aus dem Cover der L'eclat Ausgabe von bolo'bolo. L'éclat | CC BY

Das Buch bolo’bolo nähert sich einem Entwurf einer besseren Welt, der nicht als vorgefertigte Lösung daherkommen will, sondern sich als Diskussionsbeitrag versteht. Kurz und knackig umreißt das Buch eine Transformationsstrategie, die die globalen Herrschaftsverhältnisse zu Fall bringen soll. An einigen Orten auf dieser Welt sind Teile der Vision bereits Realität geworden …

Wird es sie jemals geben: Eine Welt, in der der Privatbesitz jeder Einzelnen in eine Kiste von 50cm x 50cm x 100cm passt? In der viele Gemeinschaften von 500 Menschen an die Stelle von Nationalstaaten treten? In der die lokale Autarkie und Subsistenz die zentralisierte, hochindustrialisierte Wirtschaft ersetzt? Eine Welt, in der die Mythen von Nationen und die Erzählungen von Völkern keinen Sinn mehr ergeben, sondern viele verschiedene Identitäten auf kleinem Raum nebeneinander Platz haben? Eine Welt also, in die viele Welten passen.

Es ist dies der Traum, der in den 1980er in Buchform unter dem Titel bolo’bolo erschienen ist. Das Milieu, dem p.m., der Autor, der dieses Jahr 70 Jahre alt wird, angehört, ist das der Hausbesetzungsbewegung. Das Werk wurde in unzählige Sprachen übersetzt und gewinnt seinen Charme durch die einfachen und klaren Worte, die zuweilen im Plauderton daherkommen.

bolo’bolo kommt in zwei Teilen daher

In zwei Teilen nähert sich das Buch einem Entwurf einer besseren Welt, der nicht als vorgefertigte Lösung daherkommen will, sondern sich als Diskussionsbeitrag versteht. Zuerst setzt sich p.m. mit einer Analyse und Kritik der damals herrschenden Zustände auseinander: Kalter Krieg, nukleare Bedrohung, Klimawandel, Fordismus, sozialstaatliche Befriedungsversuche der Arbeiterklasse im Norden, Ausbeutung der Arbeiter*innen im Süden.

Kurz und knackig umreißt bolo’bolo eine Transformationsstrategie, die die globalen Herrschaftsverhältnisse mittels international vernetzter Kämpfe aus Aufbauprozessen („Konstruktion“) und Angriffsbewegungen („Subversion“) zu Fall bringen soll. P.m. bedient sich hier einer Wortschöpfung, die die eher affirmativen Teile sozialer Bewegungen (Bioladen und Strickgruppe) mit den eher offensiven Teilen (Sabotage und Krähenfußfabrik) versöhnen soll: Substraktion.

Eine neue Sprache strukturiert die Kapitel

Obwohl sich der weltpolitische Kontext seit den 80ern stark verändert hat, sind es Ideen wie diese, die auch den ersten Teil von bolo’bolo noch heute lesenswert machen. Die eigentliche Stärke des Buches entfaltet sich aber im zweiten Teil. Anhand einer neuen Sprache, deren Schlüsselbegriffe den Kapiteln entsprechen, entwickelt p.m. eine Vision einer dezentralisierten, basisdemokratischen, pluralistischen Weltordnung.

Selten abstrakt und theoretisch, oft praktisch und illustrativ, legt bolo’bolo seinen Leser*innen die Grundbegriffe auseinander: Basisgemeinschaft (bolo), Gastfreundschaft (sila), Transport (fasi), Wissenschaft (pili), Versammlung (kala).

Nur Utopie – oder schon Wirklichkeit

Kein Zeifel – bolo’bolo regt die Wunschmachine an, nährt oppositionelle Vorstellungskräfte und lotet Bereiche des Möglichen aus. Aber bleibt’s dabei? Ein schöner Traum, weiter nichts? Ich glaube, dass viele Elemente der libertären Gesellschaftsutopie, wie sie bei bolo’bolo durchscheint, bereits verwirklicht werden: In den Widerstandsbewegungen Lateinamerikas.

Raul Zibechis Beschreibung der Kämpfe der Aymara in Bolivien trägt die Züge einer Form politischen Handelns, die wie bei bolo’bolo im Alltag verankert ist, auf unmittelbaren face-to-face Kontakt zählt und auf vielen kleinen Kollektiven beruht, die sich in Räten koordinieren. Auch die zapatistische Bewegung mit ihrem von unten nach oben verschachtelten System der Basisgemeinschaften, ihrer weitgehender Subsistenzwirtschaft und Vielsprachigkeit kann als Beweis der Realisierbarkeit der Vision einer libertären, egaliltären Gesellschaft gelten.

Fast 40 Jahre nach seinem Erscheinen bleibt bolo’bolo ein inspirierender Text für alle, die trotz Rechtsruck, grassierender rassistischer Gewalt und dem allgemeinen Abfuck des individualisierten Turbokapitalismus eins sicher wissen: Eine andere Welt ist möglich.

Dennis Firmansyah

Über Dennis Firmansyah

Dennis Firmansyah hat die Zwischenzeit 2013 mitbegründet und 2016 die Herausgeberschaft und Chefredaktion übernommen. Seine Themen sind Migrationspolitik, Recht auf Stadt und Regionalgeschichte. Neben der Zwischenzeit veröffentlicht er auch bei der Jungle World, Direkte Aktion und Graswurzel Revolution.

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