Nazis auf den Lehrstühlen

Ilse Schwidetzky und Egon Freiherr von Eickstedt

Diese beiden Nazis verdienen kein schönes Titelbild: Ilse Schwidetzky und Egon Freiherr von Eickstedt Unbekannt | CC BY-NC-SA

Rassismus kennen wir an vielen Orten: In Behörden, im Alltag, in Arbeitsverhältnissen ist er präsent. Es sind aber auch die Universitäten, an denen rassistisches Denken hervorgebracht und gestärkt wird. Eine solche Forschungsgeschichte ist die des Samuel Thomas von Soemmering, der bis jetzt noch in Mainz öffentliches Ansehen genießt. Eine andere Geschichte rassistischer Forschung in Mainz beginnt um 1930 in Breslau. Dort arbeiten die Rassenkundler Egon Freiherr von Eickstedt und seine Mitarbeiterin Ilse Schwidetzky am Anthropologischen Institut.

Trotz einiger Streitigkeiten mit anderen Nazis profitieren beide von der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 durch die Aufwertung ihrer Stellen am Institut. Im gleichen Jahr noch gibt Eickstedt eine Diaserie Ausgewählte Lichtbilder zur Rassenkunde des deutschen Volkes heraus. Das Begleitheft schreibt Schwidetzky zusammen mit einem SA-Mann. Darin verkünden sie den „Siegeszug“ der Rassenwissenschaft, die der „verfallenden Welt des Liberalismus“ den „Todesstoß“ versetze. Das „deutsche Volk“ solle sein „Wesen rein (…) erhalten, eine Vermengung und Verbiegung durch das fremde Wesen nicht weiter (…) dulden“.

Gutachten für das Reichssippenamt und die Schlesien-Studie

Das anthropologische Institut in Breslau unterstützt diese Politik auch praktisch. Bis 1944 erstellt es Gutachten für das Reichssippenamt, da Menschen unter anderem mithilfe von Fotos in die Kategorien „arisch“ oder „jüdisch“ einordnen. So liefert das Institut die wissenschaftliche Rechtfertigung für die mörderische Politik der Nazis. Obwohl Schwidetzky diese Gutachten selbst unterschreibt, streitet sie später ab, sie ausgestellt zu haben. Ein großes Projekt der Breslauer Clique ist die damalige Schlesien-Studie. Großzügig von den Nazis mit Personal und Geld ausgestattet, machen sich Eickstedt und Schwidetzky im Herbst 1934 ans Werk, die wissenschaftliche Grundlage bereitzustellen, auf die sich die Nazis im Rahmen ihres Lebensraum-Irrsinns berufen können.

Die Nazis helfen den Wissenschaftler_innen, die Menschen in Schlesien in Schulen und Gaststätten zu sammeln. Dort soll eine von Eickstedt entwickelte Rassendiagnoseformel dazu dienen, die Menschen als „nordisch“, „dinarisch“, „osteuropid“, „ostbaltisch“, „fälisch“ und „mediterran“ zu sortieren. Das Konzept ist eng an Hans Friedrich Karl Günther angelehnt, einem der Urheber des NS-Rassismus. Während die Rassenkunde im 18. Jahrhundert vor allem Forschung an Kolonialisierten durchführte, trug Günther dazu bei, sie auch innerhalb von Europa zu ihrer schrecklichen Anwendung zu bringen.

Die politische Bedeutung der Schlesien-Studie

Den Ergebnissen der Schlesien-Studie misst Schwidetzky „nationalpolitische Bedeutsamkeit“ bei. Sie zeigen, so Schwidetzky, dass „die deutsche Besiedlung vom Mittelalter zur Neuzeit nicht nur deutsche Kultur, sondern auch deutsche Menschen nach Schlesien brachte“. Die Schlesien-Studie war innerhalb der wissenschaftlichen Community in der NS-Zeit nicht unumstritten: Der Rassenkundler Otto Reche kritisierte aus persönlichen Ressentiments gegenüber Eickstedt methodische Aspekte der Studie. Auch der Rassenhygieniker Fritz Lenz griff die Studie an – um die rassistische Politik der Nazis durch genetische Forschung zu rechtfertigen. Nicht also die mörderische Ungleichbehandlung von Menschen, sondern die Form der Rechtfertigung dafür stand im Mittelpunkt der wissenschaftlichen Kontroverse.

Diese Zeit scheint heute lange zurückzuliegen, die Anthropologie gilt mittlerweile als rehabilitiert. Dazu trägt auch bei, dass die Forschung damals wie heute als vermeintlich wertfrei dargestellt wird. Doch diese historische Verbindung ist nicht die einzige zwischen Rassenkunde und ihrer modernen Entsprechung. In der Nachkriegszeit gelingt es Eickstedt und Schwidetzky, sich im anthropologischen Institut Mainz zu etablieren. Ungehindert können sie dort ihre rassentheoretische Forschung fortsetzen. Ihre wissenschaftliche Zöglinge verteidigen sie und erringen weitere Lehrstühle. Durch sie wirkt das rassistische Erbe von Schwidetzky und Eickstedt bis jetzt an der Mainzer Universität fort. Diese Geschichte hat das anthropologische Institut bisher nicht aufgearbeitet.

Dennis Firmansyah

Über Dennis Firmansyah

Dennis Firmansyah hat die Zwischenzeit 2013 mitbegründet und 2016 die Herausgeberschaft und Chefredaktion übernommen. Seine Themen sind Migrationspolitik, Recht auf Stadt und Regionalgeschichte. Neben der Zwischenzeit veröffentlicht er auch bei der Jungle World, Direkte Aktion und Graswurzel Revolution.

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