Café, Klatsch und Terroristen

Café Klatsch

Wenn überall Café Klatsch wäre ... Jan Zombik | CC BY-NC-SA

Wie eigentlich läuft das mit der Selbstverwaltung? Arbeiten ohne Chef_in? Selbstbestimmung? Und klappt das überhaupt? Vielen dürfte das Wort ein Begriff sein, irgendwo haben es die meisten schon mal gehört. Was das aber praktisch bedeuten kann, davon haben nicht alle immer gleich eine konkrete Vorstellung. Und hier beginnt die Geschichte: Wir, zwei Redakteure der Zwischenzeit, haben uns entschlossen, Licht in das Dunkel zu bringen und wollen die Selbstverwaltung, große Utopie in vieler Munde, für euch greifbar machen.

Deshalb besuchen wir heute Abend das Café Klatsch – einen selbstverwalteten Betrieb im Wiesbadener Rheingauviertel, genauer in der Marcobrunnerstraße 9, nahe der Ringkirche. „Wenn nicht hier – wo dann?“, dachten wir uns, und stiegen in die S-Bahn in unsere Nachbarstadt. Nach einer Weile Bahn- und dann Busfahrt im Klatsch angekommen werden wir auch gleich freundlich in Empfang genommen, wir werden bereits erwartet.

Die Gründung kommt aus der Selbstverwaltungs-Bewegung

Wir entscheiden uns, an einem länglichen Tisch mit gemütlichem Sofa Platz zu nehmen. Schließlich sind wir auf ein langes Sitzen eingestellt, wir wollen ja restlos alles über das Klatsch wissen. Als unsere Beste Quelle für dessen Geschichte erweist sich ziemlich schnell Rainer (58), der wirklich schon seit Anfang dabei ist. Er arbeitet seit seiner Gründung im Café Klatsch und bestreitet davon auch seinen Lebensunterhalt.

Ich (Jan) habe eine Menge Fragen an ihn: Seit wann es das Projekt denn schon gibt, wer es gegründet hat, wie es sich über die Zeit durch Höhen und Tiefen entwickelt hat. Und Rainer hat Antworten. Er beginnt von den Anfangsjahren des Projekts zu erzählen: 1984, als das Café Klatsch von 11 Enthusiast_innen gegründet wurde, war die Selbstverwaltungsbewegung ganz groß. Damals habe es in Wiesbaden zehn solcher Betriebe gegeben; heute sind es nur noch drei, darunter  das Café Klatsch und die Druckerei „Gegendruck“ im nahen Westend.

„Es ging da nicht nur ums Anders-Arbeiten, sondern um ein ganz anderes Leben, um soziales Miteinander“, beschreibt Rainer die Idee in den Gründungsjahren des Klatsch. Dafür gab es viel Zustimmung. Frei nach dem Credo: „Jeder Laden, der frei wird, den übernehmen wir, da machen wir was draus“ gab es eine große Bewegung, deren Teil auch die Gruppe war, die damals das selbstverwaltete Café hochzog. Doch bis der Laden lief, war es ein weiter Weg und es gab viel zu tun.

Das Kollektiv trifft den Verfassungsschutz

Ein dreiviertel Jahr lang hatte die Gruppe nach einem geeigneten Laden gesucht, bis sie schließlich die „Bierfestung Barbarossa“ entdeckte. Damals eine vollkommen heruntergewirtschaftete alte Kneipe, mussten die Gründer_innen fast alles renovieren. Viele der ersten Einrichtungsgegenstände kamen dann auch vom Sperrmüll, etliche der Stühle und Tische sind heute noch bunt zusammengeklaubt oder selbst gebaut.

Ein halbes Jahr hatten sie damals renoviert, bis aus der Bierfestung ein Café geworden war. Dann lief der Laden erstmal, doch nach 4 Jahren verließ die Hälfte des Gründungsteams das Projekt in Richtung ihrer nächsten Hoffnung: Ein großes Wohnprojekt zu gründen, mit Tagungsräumen und allem, was dazugehört. Bis dahin waren aber schon so viele Menschen zum Café Klatsch dazugestoßen, dass die Umstellung kein Problem für das Projekt war.

Überhaupt kamen und gingen im Laufe der Jahre gut und gerne 300 Leute, erinnert sich Rainer. 30 Jahre besteht das Klatsch nun, im September diesen Jahres ist großes Jubiläum angesagt. Doch in der Geschichte des Cafés gab es auch Tiefpunkte: Der schlimmste davon hat wie die Gründung des Klatsch einen sehr politischen Hintergrund. Konkret ist die RAF darin verwickelt – oder eher: Nicht darin verwickelt.

Durch dick und dünn

Als die Staatsmacht auf der Suche nach Wolfgang Grams und Birgit Hogefeld war – Grams ist gebürtiger Wiesbadener, dort wurde er auch vermutet – wurde ein Spitzel in das Café Klatsch eingeschleust. Der Verfassungsschutz hatte offenbar die Hoffnung, dort vielleicht eine Verbindung zu den RAFlern der dritten Generation zu finden. Doch als der Spitzel bekannt wurde (es handelt sich um Klaus Steinmetz), war die Stimmung erst mal am Boden.

Weniger schlimm, dass die Medien das Café rund um die Uhr belagerten und absurd hohe Summen für Informationen anboten. Das eigentliche Problem war das verlorene Vertrauen innerhalb der Gruppe hinter dem Klatsch, die sich nun schon seit einigen Jahren „Kollektiv“ nannte: Wer könnte noch ein Spitzel sein, wer steckt noch mit Polizei und Verfassungsschutz unter einer Decke? Es brauchte eine ganze Weile, bis dieser Tiefpunkt überwunden war.

Auch gab es mal wirtschaftliche Probleme: Eine Art von Sommerloch machte dem Café finanziell schwer zu schaffen, als sich die Zusammensetzung der Besucher_innen und ihre Bedürfnisse änderten. Doch durch die gezielte Änderung der Öffnungszeiten, eine neue Karte, einen veränderten Schichtplan und ähnliches gelang es dem Klatsch-Kollektiv, auch diese Probleme zu meistern. Der damalige Suppenküchenbetrieb wurde im Zuge der Reformen quasi eingestampft.

Kein richtiges Leben im Falschen?

Doch im Moment läuft der Laden wieder super, und ich komme aus der bewegten Geschichte des Cafés auf dem Sofa wieder zu mir. Nun will ich erst mal eine Pause, und auch die anderen wollen sich ausruhen. Also suchen wir das Raucherzimmer auf. Nun beginnen ich und mein Mitredakteur, uns auch mehr mit den anderen Kollektivmitgliedern zu unterhalten, die sich heute Abend die Zeit genommen haben, uns über das Klatsch zu erzählen.

Das Raucherzimmer hängt voller angenehmer Rauchwolken, die langsam aus dem gekippten Fenster ziehen. In der linken Ecke liest jemensch Zeitung, während sich an den anderen Tischen Menschen angeregt unterhalten. Ich (Dennis) schnappe ein paar Gesprächsfetzen auf, bevor ich mich zu den Kollektivist_innen setze. Valerie, Özgür und Stefanos begrüßen mich, Rainer kommt auch dazu. Die Geschichte des Klatsch noch gegenwärtig beschließe ich, mehr darüber zu erfahren, was die Gastronom_innen heute hierher gebracht hat.

Zunächst spreche ich mit Özgür (39), die hier gerade mit ihren Kolleg_innen abhängt. „Wie ich hier gelandet bin? Ich habe auf einer Demo 2005 einen ehemaligen Kollektivisten kennengelernt. Er hat dann gefragt, ob ich Arbeit suche.“ Beweggründe im Klatsch anzufangen, gab es für sie genug: Zum Leben braucht mensch Geld, Miete und Versicherung mussten bezahlt werden. Auf Ausbeutung oder ein schlechtes Gewissen bei der Arbeit hat sie aber auch keine Lust.

Ein Arbeitsklima, das nur ohne Chef entstehen kann

Özgür beschreibt das Spannungsfeld zwischen kapitalistischen Sachzwängen und der Politik der vorgelebten Alternative, in dem sich das Café Klatsch bewegt: „Das hier ist immer noch ein Versuch, in dem kapitalistischen Scheißsystem eine Alternative zu schaffen.“ Daher bietet das Klatsch auch Raum für politische Gruppen, auch wenn es selbst in erster Linie ein wirtschaftlicher Betrieb ist „Es gibt nunmal kein richtiges Leben im Falschen, wie Adorno sagt. Aber es gibt den Versuch!“

Doch nicht nur Özgür denkt so. Während unserer Unterhaltung hat sich Valerie (28) zu uns gesetzt und aufmerksam zugehört, bevor sie von sich zu erzählen beginnt: Bereits eineinhalb Jahre ist sie nun dabei. Bevor sie im Klatsch gearbeitet hatte, war ihr Arbeitsverhältnis mies, der Chef eine Plage und sie selbst steckte in einer Krise. Vor allem störte sie, dass sie in ihrem vorherigen Job ihre Fähigkeiten überhaupt nicht nutzen konnte und auf kleine Arbeiten beschränkt blieb.

Ich frage Valerie nach dem Arbeitsklima hier. Die Studentin ist zufrieden: „Seitdem ich hier arbeite, erlebe ich das Kollektiv als sehr harmonisch. Es ist ein Kuschelkollektiv.“ Stefanos (28), ergänzt. „Es ist hier nicht immer so harmonisch. Wir sind 25 Menschen und da wird schon länger diskutiert. Kann hitzig werden. Aber ich arbeite hier, weil’s mir einfach Spaß macht. Wir sind ’ne Großfamilie. Ich komme gerade erst von zwei Monaten Reise zurück und schlage zuallererst hier auf.“

Fast zu gut, um wahr zu sein

Egal wen mensch hier fragt, alle tragen die gleiche Grundeinstellung mit sich herum: Ob Sebastian (31), der eigentlich Geographie studiert hat und hier im Moment Vollzeit arbeitet oder Jannek (25), der sich gerade an verschiedenen Film-FHs bewirbt: Alle schätzen hier die hierarchiefreie Organisation, die konsensuale Entscheidungsfindung, die auch Minderheiten berücksichtigt, oder den Grundsatz, dass nicht der Profit maximiert werden soll, sondern das Wohlbefinden der Arbeitenden.

Dennoch sind die Arbeitsbedingungen im Klatsch ansehnlich: Ein für die Gastronomie ungewöhnlich guter Stundenlohn für alle, Krankenkasse, dazu auch noch Urlaubsgeld. Dabei bleibt das Klatsch wirtschaftlich gut aufgestellt und unabhängig: Bezahlt wird das alles ausschließlich aus den Einnahmen, die in dem Café gemacht werden.

Das alles klingt fast zu gut, um wahr zu sein. Eine schelmische Laune überkommt mich und ich beschließe die Kollektivist_innen zu provozieren. Ich frage sie, ob der Neoliberalismus mit seinen flexiblen Arbeitszeiten, seinem lockeren Arbeitsklima, den Kaffeespots, der Eigenverantwortung und der ganzen Verinnerlichungen von Zwängen nicht auch hier Gestalt annimmt. Schließlich scheint es in der Form der Arbeit parallelen zu geben.

Der Rausch der greifbaren Utopie

„Bei Opel sind die Arbeitnehmer auch in kleinen Arbeitsgruppen organisiert. Der Kapitalismus instrumentalisiert dort menschliche Beziehungen. Das gute Klima dort trügt aber. Hinter der Fassade gibt es keine Harmonie im Team und nach acht Monaten sagt der Chef, dass jetzt Schluß ist und entläßt die Leute.“ Ich freue mich, dass Rainer die neoliberale Organisation der Arbeit kennt, sich aber konsequent ihrer Logik entzieht.

„Das Arbeitsklima im Klatsch ist nicht dazu da, um irgendeinen Profit zu sichern. Es gibt keinen Profit. Das Arbeitsklima ist gut, weil wir das so wollen. Wir schaffen eine kleine Utopie.“ Ich bin beeindruckt davon, wie selbstkritisch die Kollektivist_innen sprechen und mit welcher Klarheit sie die Grenzen und Möglichkeiten ihres eigenen Ansatzes zu einer besseren Arbeit und einem besseren Leben sehen.

Jetzt gesellt sich auch Jan wieder zu mir – auch er hat so viele Eindrücke gesammelt, das sie für ein ganzes Buch über das selbstverwaltete Café auszureichen scheinen. Tatsächlich denken die Kollektivist_innen darüber nach, mal eines herauszugeben. „Aber das hat Zeit.“ – Rainer sieht das gemütlich. Irgendwo liegt hier auch noch eine große Menge alter Fotos herum – sie für diesen Artikel zu sichten, haben wir leider nicht mehr geschafft.

Doch endlich sind wir müde geworden von unserem langem Aufenhalt. Mehr als drei Stunden schon ist es her, dass wir an diesem schönen Abend das Café Klatsch betreten haben, viele Biere und Unterhaltungen liegen zwischen uns und unser Ankunft. Berauscht von unseren Getränken und der greifbaren Utopie, die hier in der Luft liegen, verlassen wir das Klatsch. Mir kommt ein Zitat von Emma Goldman in den Sinn: „If I can’t dance to it, it’s not my revolution.“ So also fühlt sich Selbstverwaltung an.

Jan Zombik

Über Jan Zombik

Jan Zombik macht gerne Journalismus: Für alle, für die Leute, für die Politik, für die Freiheit. Wenn er gerade nicht journaliert oder philosophiert, dann musiziert er vielleicht. Anzutreffen ist er in der Regel vor seinem Bildschirm, an dem er etwas schreibt. Wenn ihr Jan etwas gutes tun wollt, dann flößt ihm beruhigenden Rooibos-Erdbeer-Sahne-Tee ein oder spendet ein paar Eurönchen für die Zwischenzeit.

Dennis Firmansyah

Über Dennis Firmansyah

Dennis Firmansyah hat die Zwischenzeit 2013 mitbegründet und 2016 die Herausgeberschaft und Chefredaktion übernommen. Seine Themen sind Migrationspolitik, Recht auf Stadt und Regionalgeschichte. Neben der Zwischenzeit veröffentlicht er auch bei der Jungle World, Direkte Aktion und Graswurzel Revolution.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.