„Das Logo muss weg“

Viele unverklebte Sticker, auf denen Thomas N. als Rassist geoutet wird.

Von den einen gefeiert, von den anderen verurteilt: Aufkleber, die Thomas N. als Rassisten outen. Jan Zombik | CC BY-NC-SA

Eine Aufkleberaktion, die sich gegen das rassistische Logo von Thomas Neger wendet, erzeugt große Aufmerksamkeit. Mittlerweile berichten nicht nur Lokalmedien darüber. Auch die überregionale Presse hat das Thema aufgegriffen. Kritiker der Aktion merken an, dass die Debatte jedoch überwiegend von Weißen Menschen geführt wird. In diesem Beitrag äußern sich daher Schwarze Menschen und andere People of Color: Kannten sie das Logo schon vor der Aktion und haben sie sich daran gestört? Wie erleben sie Rassismus und was haben diese Erfahrungen mit dem Logo zu tun? Ist die Aufkleberkampagne gerechtfertigt? Said, Emine, Makda, Alex, Musgana und Timucin beziehen Stellung.

Said kennt Rassismus schon immer, als das Gefühl, das ihm vermittelt wird, nicht ein Teil dieser Gesellschaft zu sein:

„Das Logo kannte ich schon vor der Aufkleberaktion durch die Fachschaft Ethnologie und Afrikastudien: Ich finde, es bedient ein koloniales und stereotypes Afrikabild, dass in der BRD fest verankert und weit verbreitet ist. Damit hat es viel mit meinen eigenen Rassismuserfahrungen zu tun, denn es ist Teil des ganz normalen Alltags. Alltäglichen Rassismus kenne ich gut: Da ruft mir wer Kanake hinterher, ich finde keine Arbeit, weil ich PoC (Person of Color) bin, Freunde von mir finden 2 Jahre lang keine Bude. Ich erlebe das als ständigen Ausschluss, als das Gefühl, das mensch permanent vermittelt bekommt, nicht dazuzugehören, nicht reinzupassen, nicht gewollt zu sein. Damit, das Logo abzuschaffen, ist natürlich diese alltägliche Diskriminierung nicht vorbei. Aber wenn es als ein Symbol neben anderen fällt, wäre das vielleicht ein Fortschritt. Vielleicht motiviert das ja Menschen, die symbolische Ebene zu verlassen und Grenzzäune durchzuschneiden, oder bei Pro Mainz die Fenster einzuschlagen. Ich finde es auch OK, auf dem Aufkleber das Gesicht von Thomas N. zu zeigen. Die Struktur Rassismus hat kein Gesicht; es gibt aber Leute, die die Struktur schützen, und da kann mensch ja ein besonders prominentes Gesicht auswählen und das zeigen.“

Makda und Emine sind bei einer PoC-Hochschulgruppe an der Uni Mainz engagiert. Sie fordern die Abschaffung des Logos:

„Wir haben über die Ethno-Fachschaft vor über einem Jahr von dem Logo erfahren und uns aus der Fachschaft heraus dagegen eingesetzt. Denn das Logo ist offensichtlich rassistisch: Die übergroßen Lippen, die riesigen Ohrringe, das fröhliche Grinsen entspricht einem altbekannten Bild schwarzer Menschen, der nichts kann außer lachen. Thomas N. scheint das auch zu wissen, wenn er in einem HR-Interview sagt, dass er durch das Logo „mit einem zugekniffenen Auge“ auf seinen Nachnamen Bezug nehme. Trotzdem weist er die Auseinandersetzung damit von sich. Das ist leider typisch für die deutsche Öffentlichkeit, die in ihrem Bewusstsein für Alltagsrassismus hinter anderen Ländern weit zurückgeblieben ist. Rassismus ist aber ein Bestandteil von unserem Leben, das Logo reiht sich in solche Erfahrungen ein. Die Beseitigung des Logos lässt den Rassismus nicht verschwinden, aber würde es leichter machen, die Dinge endlich beim Namen zu nennen. Die Aufkleberaktion feiern wir richtig hart. Andere Mittel, den Herrn zu erreichen, waren ja bisher wenig erfolgreich. Jetzt kriegt das Thema endlich eine breitere Öffentlichkeit.“

Alex findet die Aktion radikal, aber befürwortet sie. Das Logo sieht er als Ausdruck rassistischer Traditionen der Gesellschaft.

„Ja, ich kannte das Logo schon vor der aktuellen Aufkleberaktion. Schließlich war das überall und immer wieder in der Stadt zu sehen – ich hab mich jedes Mal drüber aufgeregt. Und klar finde ich das Logo rassistisch, da gibt es nichts zu erklären. Rassismuserfahrungen sind für mich ein weites Feld, ganz abhängig davon, wo mensch sich bewegt. Das hat für mich selbst manchmal auch total krasse Dimensionen; darüber will ich hier lieber nicht sprechen. Ich denke, dass es auf jeden Fall etwas bringt, das Logo abzuschaffen. Darin manifestiert sich der Rassismus dieser Gesellschaft. Nur kann mensch in so einer abstrakten Sache schwer direkt ansetzen, da bringt es auch etwas, nur gegen ein Logo vorzugehen, das konkret greifbar ist. Die Aufkleberaktion find ich zwar ein bisschen sehr radikal, aber offenbar greift alles andere nicht. Es wurde ja schon mehrfach versucht, mit diesem Dachdecker zu reden. Die aktuelle Kampagne ist ein guter nächster Schritt, weil es immer noch ein großes Interesse gibt, das Logo abzuschaffen.“

Für Musgana von der ISD steht es außer Frage, dass das Logo rassistisch ist. Die Kampagne sieht sie trotzdem kritisch.

„Die Firma ist sehr präsent in der Stadt – leider kannte ich das Logo deshalb schon vor der aktuellen Aufkleber-Kampagne. Ich hatte mal einen Weg zur Arbeit, der mich tagtäglich daran vorbeiführte. Jedes Mal ist mir das Logo sehr unangenehm aufgefallen und hat mich auch traurig gemacht, denn ich empfinde es definitiv als rassistisch. Wie sollte man das Logo auch anders sehen? Rassismus kenne ich in vielfacher Form. Ein aktuelles Beispiel: Ein Arzt in Mainz fragte mich in der Behandlung, wo ich herkomme. Meine Antwort „Aus Deutschland“ kommentierte er mit „Das kann doch gar nicht sein …“. Dann sprach er nur noch Französisch mit mir, obwohl ich mit ihm Deutsch gesprochen habe und kaum Französisch verstehe. Als ich ihm das sagte, redete er überhaupt nicht mehr mit mir, sondern nur noch mit meinem weißen Partner. Ein anderes Beispiel: Als ich neulich einen anderen Fahrradfahrer überholte, rief er mir hinterher „Wir sind hier nicht in Afrika!“ Mein früherer Chef sagte mal zu mir, als ich einen Karottensaft trank: „Jetzt weiß ich auch, warum du so eine gute Farbe hast.“ Auch dauernd mit dem Logo konfrontiert zu sein, ist für viele Schwarze Menschen in Mainz sehr unangenehm. Es bedient rassistische Klischeevorstellungen – es spielt mit ihnen. Das Logo sollte aus meiner Sicht definitiv geändert werden. Die Aufkleberkampagne ist natürlich ziemlich krass. Mein Mittel wäre sie nicht gewesen. Jetzt dreht sich die Debatte nach meiner Wahrnehmung in der Mehrheitsgesellschaft vor allem darum, ob Herr N. das verdient hat.“

Timucin findet, dass Rassismus in dieser Gesellschaft ein konstantes Problem ist und eine Änderung des Logos große Bedeutung hätte.

Ich verfolge die Debatte um das Logo schon recht lange. Abgesehen von der Tatsache, dass es rassistische Klischees aus einer längst vergangenen Zeit bedient, ist es aus gestalterischer Sicht einfach hässlich. Aber es heißt ja auch, dass ein Logo den Geist einer Firma wiedergeben soll, nicht wahr? Rassismus tut am meisten dann weh, wenn Menschen versuchen ihre Ressentiments mit Mühe und Not zu verteidigen. Ich bin mit Rassismus in Deutschland aufgewachsen, wir lernten uns schon im Kindergarten kennen. Hat sich seitdem etwas verändert? Mein Vater meinte zumindest kürzlich zu mir, dass heute noch die gleichen rassistischen Sprüche geklopft werden wie damals, als er als Jugendlicher seine Ausbildung gemacht hat. Wenn das Logo geändert würde, wäre das ein Signal von großer Bedeutung, und ich kann nicht nachvollziehen, warum das immer noch nicht passiert ist. Wenn Menschen so sehr an alten Werten um ihrer selbst willen hängen, dann mache ich mir Sorgen. Es ist beschämend, dass erst öffentlich das Image des Dachdeckermeisters angekratzt werden muss, damit es zu einer Reaktion kommt. Das verdeutlicht, dass es Thomas Neger mehr um sein Ansehen als um einen Dialog geht. Gegen Rassismus sind viele Mittel angebracht und da wieder darüber gesprochen wird, mag ich die Aktion selbst nicht kritisieren, das ist an dieser Stelle irrelevant.

Jan Zombik

Über Jan Zombik

Jan Zombik macht gerne Journalismus: Für alle, für die Leute, für die Politik, für die Freiheit. Wenn er gerade nicht journaliert oder philosophiert, dann musiziert er vielleicht. Anzutreffen ist er in der Regel vor seinem Bildschirm, an dem er etwas schreibt. Wenn ihr Jan etwas gutes tun wollt, dann flößt ihm beruhigenden Rooibos-Erdbeer-Sahne-Tee ein oder spendet ein paar Eurönchen für die Zwischenzeit.

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