Das Problem in „Flüchtlingsproblematik“

Zwei Hände recken sich hinter einem Hügel empor.

Hinterm Berg: Wo bleiben die selbstlosen Helferlein? Marina del Castell | CC BY

Die „Flüchtlingsproblematik“, da ist es, das neue große Hypethema. Lass‘ den Fernseher und das Radio aus, schlag‘ die Zeitung nicht auf und dennoch kommst du nicht drum herum. Sei’s nur unter Mitfahrenden in der Bahn oder Menschen, die neben dir an der Ampel warten. Kein Tag vergeht ohne neue Debatten übers Kommen und Bleibendürfen. Kein Tag vergeht ohne Klagen, ob der desolaten Situation in Heimen, den Kapazitätsgrenzen, den vermeintlichen. Doch genausowenig vergeht ein Tag ohne Berge von Spenden und Heerscharen von freiwillig Helfenden oder Helfenwollenden.

Obwohl laut Angaben von ProAsyl die Zahlen derer, die in Deutschland Zuflucht suchen, gar nicht außergewöhnlich hoch sind (sie waren nur in den letzten Jahren außergewöhnlich niedrig im Vergleich zu noch früheren Zeiten), scheint die sogenannte Flüchtlingswelle die Gemüter auf beispiellose Art zu bewegen. Ich frage mich: Warum grassiert die Hilfsbereitschaft in der Bundesrepublik geradezu und gerade jetzt?

Hilfe überall

Sogar mich hat es erwischt. Eigentlich lautete mein Credo: Nur im Tierschutz engagieren, die Spezies Mensch ist schließlich selbst schuld an ihrem Elend. Und dennoch, allmählich interessiere ich mich für die Motive der Flüchtenden, ihre Probleme und beginne mich, ganz niederschwellig in Begegnungscafés, näher mit der Sache zu befassen. Insbesondere dort fällt mir etwas auf an der „Flüchtlingsproblematik.“ Der Deutschen liebstes neuestes Thema, das sogar dem bürgerlichen Pegida-Diskurs den Staffelstab aus der Hand nahm, birgt in sich so einiges an kuriosen Kontinuitäten. Die erklären zwar nicht die allgegenwärtige Hilfsbereitschaft, sind aber doch einer näheren Betrachtung wert. Nun, in den letzten Tagen habe ich O-Töne gesammelt:

Person A bei einem zufälligen Gespräch außerhalb des thematischen Kontextes: „Ich habe mir einen Flüchtling angelacht. Wir haben E-Mail-Adressen ausgetauscht und wollen uns mal treffen, aber es ist schwer, ihn zu kriegen. Angeblich hat er nicht viel Zeit.“ Weiter führt sie aus: „Einen arabischen Freund hatte ich ja vorher schon, von daher kenne ich das schon …“

Person B, die ein Begegnugscafé mitveranstaltet: „Wir fangen um 15 Uhr an, aber nach orientalischer Art. Die meisten kommen vielleicht so gegen halb 4.“

Person C, nachdem sie geschwärmt hat von der allgegenwärtigen Offenheit auch auf Seiten der Geflüchteten: „Das sind ja auch alles nette Menschen. Aber anpassen müssen sie sich schon an deutsche Werte wie Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit, sonst gibt es nur Probleme.“ (Randnotiz: Zum verabredeten Treffpunkt kam Person C unangekündigt eine halbe Stunde zu spät.)

Musterbeispiel deutsche Selbstlosigkeit

Je mehr ich darauf achte, desto mehr stolpere ich, natürlich, über solche Aussagen. Für mich spricht aus ihnen (und ich erspare den Lesenden hier die detailliert linguistisch fundierte Ideologie-Analyse): Stereotypisierung und ein Denken in Klischées, beides mit negativer Schlagseite, die Erhöhung der eigenen, oft „deutschen“ Position, eine gewisse Falschheit und Unbehaglichkeit im Umgang mit vermeintlich Fremden. In drei Stichworten Rassismus, Kulturchauvinismus und Xenophobie.

Deutlicher noch und in entsprechendem Klartext der Leitmedien verpackt tritt die Schizophrenie der hiesigen „Willkommenskultur“ (Urg, verzeiht dieses Wort…!) woanders zutage. Für jedes Gros neuer selbstlose Helferlein brennt eine weitere Notunterkunft. Doch ist die Lage wirklich so gespalten, so widersinnig? Auf der einen Seite geben Menschen ihre, quasi, letzten Hemden – zumindest so viel, um den frisch Angekommenen halbwegs erträgliche Bedingungen zu schaffen. (Von oben kommt ja nichts, denn die Staatsdienenden brauchen ihre Hemden dringend für die nächste Sonderausschusstagung und die anschließende Pressekonferenz.) Auf der anderen Seite mehren sich die „fremdenfeindlichen“ Anschläge.

Krasse Gegensätze? Nein. Zumindest für mich schält sich die Antwort zunehmend heraus bei jedem aufgeschnappten derartigen Kommentar. Die Reaktionen fußen auf einem gemeinsamen Fundament, das aus einem Chauvinismus mit aufgeklärtem, zeitgemäß-humanem Anstrich besteht. Als folgerichtig und logisch geschlossen, nicht schizophren würde ich die Situation beschreiben.
Und das Schlimme daran: Das gängige Muster à la „Ich bin kein Rassist, ich bin doch mit einem N. befreundet!“ kann nun auch argumentative Unterstützung in der Hilfsbereitschaft finden, die so viele gegenüber Geflüchteten zeigen. Die Helferlein heften sich ans Revers, derart großherzig die armen Notleidenden zu umhegen, dass es eine wahre, zu Tränen rührende, Freude ist …

Und wo ist das Problem?

So einfach es sein mag, die Nazis mit den Brandbeschleunigern als braunen Mob und uneingeschränkt verdammenswert zu identifizieren, so alles andere als glasklar gestaltet sich die Lage hier. Die engagierten Bürgerinnen und Bürger, die Patenschaften für Familien übernehmen, mit Geflüchteten Kaffee schlürfen und Kuchen mümmeln, aussortierte Klamotten statt bei Ebay-Kleinanzeigen bei Unterkünften abladen – was wäre ihnen so ohne Weiteres anzulasten? Und um den Bogen zu spannen: Was muss ich mir selbst alles anlasten?

Jedenfalls komme ich derzeit schwer ins Grübeln über meine Ambitionen, wie all die anderen plötzlich wieder regen Biokartoffeldeutschen (ich schließe mich sowas von mit ein) „irgendwie den Geflüchteten zu helfen.“ Bin ich nicht auch oberlehrermäßig unterwegs, wenn ich mit gerade Deutschlernenden rede? Fühle ich mich nicht auch manchmal unbehaglich, wenn ich mich zu einer Gruppe von Geflüchteten an den Tisch geselle, ohne dass andere Kartoffeln dabeisitzen?

Nicht falsch verstehen, die konkrete Hilfe aus der Zivilbevölkerung finde ich super. Die Lücke, die der nicht nur unterschwellig xenophobe deutsche Staatsapparat lässt, gehört gefüllt. Noch superer jedoch fände ich das alles, wenn mehr Hinterfragen und (Selbst-)Reflektion dabei wären und weniger verhüllter Rassismus, subtiler Kulturchauvinismus und sich hinter Altruismus versteckende Egoismen. Ich fang‘ schon mal bei mir an.

Anne-Marie Butzek

Über Anne-Marie Butzek

Eigentlich eher an den Rahmenbedingungen der Textproduktion (sprich: Verlagswesen und Literaturwissenschaft) interessiert, bemächtigt sich das aktive journalistische Schreiben in letzter Zeit immer mehr des wahlmainzerischen Nordlichts. Der Anspruch dabei: Die Welt besser machen oder zumindest ganz famos dabei scheitern.

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