Von der Willkommenskultur zur Notstandsstimmung

"No more racist walls" – Inschrift auf der Mauer von einem Abschiebeknast im Vereinigten Königreich. Darren Johnson | CC BY-ND

Seit dem Jahr 1987 forscht und publiziert das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung zu gesellschaftlichen Entwicklungen im In- und Ausland. Es analysiert die Genese von sozialen und kulturellen Ordnungen, um emanzipative Ansätze für eine demokratische Praxis in Politik, Pädagogik und Journalismus zu fördern. Dabei stützt sich das Institut auf die Methode der Kritischen Diskursanalyse, die im Rahmen der konkreten Forschungen beständig weiterentwickelt wird. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören unter anderem Rassismus und Einwanderung in Deutschland.

Regina selbst arbeitet diskursanalytisch zu den Themen Rassismus, Extreme Rechte und Antifeminismus. Seit Sommer 2015 untersucht sie gemeinsam mit anderen den medialen Fluchtdiskurs. Da es unmöglich ist, den gesamten medialen Blätterwald im Auge zu behalten, wurden in erster Linie Leitartikel und Kommentare der taz, der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung herangezogen. Die gewonnen Erkenntnisse wurden jedoch immer wieder stichprobenartig in weiteren Tageszeitungen überprüft.

Von der Willkommenskultur zur Notstandsstimmung

Reginas Vortrag „Von der Willkommenskultur zur Notstandsstimmung“ thematisierte vor allem die Entwicklung im Sommer letzten Jahres, die sich bereits im Frühjahr durch erste Vorboten anzukündigen begann. „Medien bilden nicht die Realität ab, sondern sie schaffen Realität. Sie sind es, die bestimmen worüber gesellschaftlich diskutiert wird, was sagbar und unsagbar ist“, so formuliert die Regina die Prämisse der Forschungen. Und 2015 habe sich ganz klar ein Umdenken vollzogen.

Wurden medial zuvor noch recht unterschiedliche Positionen vertreten, begann sich im Flucht- und Migrationsdiskurs innerhalb weniger Monate eine Verengung auf die große Koalition abzuzeichnen. Die Medien fokussierten sich bis auf wenige Ausnahmen auf das Spannungsfeld zwischen den beiden Polen Merkel und Seehofer. Während Merkel mit ihrem Mantra „Wir schaffen das“ den Standpunkt des Migrationsmanagements vertrat, postulierte Seehofer die bedingungslose Abwehr. Merkel wurde als Vertreterin eines linken Flügels aufgebaut, während die rechte Position, die für eine klare Abwehr steht, von Seehofer bedient wurde.

Von Fluten, Strömen und brechenden Dämmen

Mit dieser medialen Verengung gingen noch weitere Einschränkungen einher. Wurden zuvor alle Menschen, die sich auf der Balkanroute bewegten, allgemein als legitime Flüchtlinge anerkannt, fand auch hier eine schmälernde Verschiebung statt. Denn bald waren es nur noch Syrer*innen, die als wirkliche Flüchtlinge im öffentlichen Diskurs anerkannt wurden. Diese Begrenzung leistete einem Rechtsruck Vorschub, den die Medien durch bedrohliche Kollektivsymbole befeuerten. Fluten, Ströme und brechende Dämme wurden heraufbeschworen – Bilder, denen die Handlungsanweisung immanent ist, schützende Bollwerke zu errichten.


Diese Symbole wurden bereits Anfang der 90er Jahre bemüht, um die faktische Abschaffung des Asylrechts durchzusetzen. Und tatsächlich wurden auch jetzt im Windschatten eines künstlich geschaffenen Notstands mehrere Verschärfungen der Asylgesetzgebung vorgenommen. Die täglichen rassistischen An- und Übergriffe wurden und werden zwar medial verurteilt, aber nicht ohne immer wieder die Frage aufzuwerfen, ob es nicht doch die große Zahl der Geflüchteten sind, die Ängste schüren und ihnen damit die Verantwortung an dem gesellschaftlich zunehmenden Rassismus zuzuschreiben.

Des Weiteren wurde ein Konkurrenzdiskurs medial aufgemacht, der Geflüchtete und gesellschaftlich ausgegrenzte Menschen gegeneinander ausspielt und damit Rassismus noch weiter verstärkt.

Marie Blum

Über Marie Blum

Marie Blum schreibt für Lokalzeitungen über historische und aktuelle Themen. Sie ist regelmäßige Besucherin beim Open Ohr. Immer bedächtig, oft gechillt und selten fuchsteufelswild geht sie ihren Themen nach – und gibt nie auf.

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