„Die sollen erstmal kommen“

Ansicht eines der Mietshäuser in der Soemmeringstraße; daran Banner, die gegen den Abriss protestieren.

"Kein Abriss für Luxuswohnungen": Protest in der Soemmeringstraße. Jan Zombik | CC BY-NC-SA

Etwa 50 Menschen haben sich am frühen Abend des 4. Mai vor der Liebfrauengemeinde  in der nördlichen Neustadt versammelt. Hierhin hatte der Vorstand der Mainzer Wohnbau die Bewohner_innen der Soemmeringstraße 48-54 zu einer nicht-öffentlichen Mieter_innenversammlung geladen. Die betreffenden Gebäude sollen abgerissen werden. Eine Entschädigung gibt es dafür nicht, alternative Wohnungen bietet die Wohnbau den Mieter_innen nicht an. Um gegen die geschlossene Versammlung zu protestieren, hatten die Betroffenen die solidarische Öffentlichkeit eingeladen. Entweder würden alle eingelassen oder alle gemeinsam die Veranstaltung boykottieren.

Eine halbe Stunde vor offiziellem Beginn der Versammlung, die für 17:30 Uhr angesetzt war, wird vor der Liebfrauengemeinde angeregt und wütend diskutiert. „Was haben die da drinnen denn zu verbergen, dass die Presse nicht reindarf?“ fragt eine Bewohner_in der zum Abriss bestimmten Gebäude, die anonym bleiben will. 10 Jahre habe sie hier jetzt gelebt, und mit einer achtzigprozentigen Gehbehinderung sei es fast unmöglich für sie, eine geeignete und vor allem bezahlbare Alternative zu ihrer bisherigen Wohnung zu finden. An den Stadtrand ziehen will sie nicht: „Mein Lebensmittelpunkt ist hier, meine ganzen Freunde. Die Wohnbau interessiert sich überhaupt nicht für das Schicksal der Menschen, die hier wohnen.“

„Die wollen unsere Wohnungen – dann sollen sie erstmal kommen!“

Währenddessen wird drinnen die Abschottung gegenüber der Öffentlichkeit rigoros durchgesetzt: Nur Ortsbeiräte und die Mieter_innen der Häuser werden eingelassen, angeblich dient eine Liste mit Namen zur Kontrolle. Genaueres ist nicht in Erfahrung zu bringen, denn wir dürfen das Gebäude schließlich nicht betreten. Auch einer SWR-Journalistin wird der Zutritt nicht gestattet. Ebenso ausgeschlossen bleiben die deutschsprachigen Angehörigen derjenigen Mieter_innen, die auf eine Übersetzung in ihre Muttersprache angewiesen sind. Um dieser Politik der Geheimhaltung Nachdruck zu verleihen, patrouillieren zwei Polizist_innen vor der Liebfrauengemeinde auf und ab.

Nach etwa einer halben Stunde tritt schließlich der Ortsbeirat Sigi Aubel mit einem Megaphon vor die Versammelten und berichtet von drinnen: Dort würden die Wohnbau und der Sozialdezernent Kurt Merkator den Betroffenen nur aufs Neue weismachen wollen, sie könnten in die Neubauten der Wohnbau ziehen – was viele hier sich nicht leisten können. Anschließend spricht Uwe Höhn, der bisher die Öffentlichkeitsarbeit und den Widerstand gegen die Pläne der Wohnbau unter allen betroffenen Mieter_innen koordiniert hat: „Dann bleiben wir eben alle gemeinsam draußen. Das sind unsere Wohnungen, die die von uns wollen – dann sollen sie erstmal zu uns kommen!“ Zu einem nächsten Gespräch wollen die Mieter_innen nun selbst einladen, zu ihren eigenen Bedingungen.

Jan Zombik

Über Jan Zombik

Jan Zombik macht gerne Journalismus: Für alle, für die Leute, für die Politik, für die Freiheit. Wenn er gerade nicht journaliert oder philosophiert, dann musiziert er vielleicht. Anzutreffen ist er in der Regel vor seinem Bildschirm, an dem er etwas schreibt. Wenn ihr Jan etwas gutes tun wollt, dann flößt ihm beruhigenden Rooibos-Erdbeer-Sahne-Tee ein oder spendet ein paar Eurönchen für die Zwischenzeit.

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