Die tun nix, die stehen nur!

Leere Puppen an Zaun

"Aktion gegen herzlose Regulierungen" des Kostheimer Künstlers Wilhelm Adam. Willfried | ©

„Die Bäume stören!“, bringt Mechtild Coigné von den Linken/Piraten in Wiesbaden die Situation auf den Punkt. Die 70 Kastanien der Lesselallee in der Maaraue sollen nach dem Willen des Wiesbadener Ordnungsdezernenten Oliver Franz (CDU) im Herbst diesen Jahres gerodet werden. Um die Verkehrssicherheit für die Menschen im Kostheimer Naherholungs- und Landschaftsschutzgebiet zu gewährleisten, müssten die über hundertjährigen Bäume mit einem hohen finanziellen Aufwand gepflegt werden. Die Stadt plant an ihrer Stelle eine neue Allee mit 4 m hohen Flatterulmen. 225 000 € sind für das Grünflächenamt bei den Haushaltsberatungen 2013 locker gemacht worden.

Die politisch Verantwortlichen in Wiesbaden vermuten richtig, dass diese Aktion auf den Widerstand der Bevölkerung stößt. „Baumfällungen sind oft emotional behaftet“, heißt es auf ihrer Website. Deshalb veranlasste sie Roland Dengler, einen unabhängigen Gutachter, die Allee zu untersuchen. Schon 2008 hat dieser der Allee einen schlechten Zustand bescheinigt, denn der Pilz Phytophtora sei  über die Kastanienwurzeln in die Stämme der Bäume eingedrungen. Er beschwörte eine Sommerbruchgefahr von grünen Ästen, die überhaupt nur von Pappeln bekannt ist. Der „Niedergang“ der Kastanienallee sei nicht mehr aufzuhalten.

Die Zaunkönige von der Stadtverwaltung

Um ihren Bürgern diese Gefahr zu verdeutlichen, ist nach Beschluss der Stadtverwaltung Wiesbaden mit nur einer Stimme Mehrheit im Kostheimer Ortsbeirat durch CDU, FDP und FWG, am 27. März über Nacht ein Bauzaun aufgestellt worden. Die Stadtverordnetenversammlung in Wiesbaden war dazu nicht befragt worden, der Umweltausschuss nicht gehört. Die Allee diente bisher als Fuß- und Radweg. Nun ist sie eine Gefahr, weil die Straße daneben zu eng ist.

Eine Kostheimerin, der ich nach dem schweren Sturm Anfang Juli begegne, lässt es sich nicht nehmen, in der Allee mit ihrem Hund spazieren zu gehen. Sie empörte sich: „Für wie dumm halten uns die Politiker in Wiesbaden? Hier ist kein einziger Ast heruntergekommen. Das war bei allen Stürmen in der Vergangenheit so, die Kostheimer wissen das.“ Ganz offensichtlich hat also das Grünflächenamt seine Arbeit in der Vergangenheit gut gemacht hat und damit selbst den Gegenbeweis für die vermeintliche Astbruchgefahr geliefert.

Die Grünen im Wiesbadener Stadtrat haben nach dem Alleingang der Verwaltung beantragt, dass darüber demokratisch im Stadtrat entschieden werden sollte. Von dort ist die Sache in den Umweltausschuss überwiesen worden. Hier war ein von den Grünen bestellter Gegengutachter, Professor Ulrich Weihs, ein Spezialist für alte Bäume, eingeladen. Ulrich Weihs bescheinigt allen Bäumen einen sehr guten Zustand und sieht überhaupt keine Gefahr für Astbruch. Er attestiert den Kastanien sogar eine Überlebensdauer von mindestens 10 bis zu 60 Jahren – bei guter Pflege. Über dem Weg sei auf jeden Fall die Verkehrssicherheit gegeben. Wenn man denn meine, die Leute auf Gefahren in der Allee hinzuweisen, würden in diesem Falle Schilder völlig ausreichen.

Die Allee, so Professor Weihs, müsse man in seiner Gesamtheit sehen, also auch mit den Bäumen am Ufer und der angrenzenden Weichholzaue. Sie sei ein sich selbst stabilisierendes und gewachsenes System, das nicht umsonst über 100 Jahre allen Widrigkeiten hervorragend standgehalten hätte. Einen Befall des Phytophtora-Pilzes habe er bei keiner der weißblühenden Rosskastanien entdecken können. Lediglich bei den 3 rotblühenden seien die typischen nässenden Wunden zu sehen. Doch auch diese alten Bäume könnten sich wehren: „Wenn die Bäume vital sind, dann können die dem lange widerstehen. Selbst wenn da was geschädigt ist, können die das reparieren, durch neues Wachstum.“ Es gäbe so viele Baumkrankheiten, gerade Phyotopthora sei praktisch überall. Es gäbe kaum einen Park mehr ohne entsprechende Fälle und Flatterulmen seien ebenfalls anfällig. „Also keine Panik vor diesem Pilz!“

Expertise gegen Gutachten

Im öffentlich tagenden Umweltausschuss am 1. Juli ist dann auch Ulrich Weihs Gutachten von CDU und SPD genüsslich auseinandergenommen worden. Sie sei doch nur eine Expertise von 16 Seiten und der Professor habe die Baumkronen gar nicht geprüft. Dieser verteidigte seine schonende Prüfung vom Boden aus als gängige und fachlich qualifizierte Methode „Man muss nicht immer bohren, Löcher in die Bäume machen, wo dann Pilze eindringen und sie zusätzlich schädigen!“ Das würde man nur machen, wenn danach berechtigte Zweifel am Zustand der Bäume übrigblieben. Ein Skandal auch, weil Roland Dengler die Geräte für die Untersuchungen selbst entwickelt und vertreibt.

Um den einmaligen, kulturhistorischen und ökologischen Wert der alten Bäume war es im Ausschuss nie gegangen. Weder wurde überlegt, wie sie durch Pflege verkehrssicher gemacht werden könnten. Noch in Betracht gezogen, gutachterlich feststellen zu lassen, wie lange sie dann gefahrlos für die Bevölkerung erhalten werden könnten. Obwohl das Natuschutzgesetz die vorrangige Pflege solcher Biotope vorschreibt. Die Vertreter der CDU und SPD trieb lediglich die Sorge um mögliche Schadensersatzklagen aufgrund von Unfällen um. Dabei ist Angst bekanntlich ein schlechter Ratgeber.

Die Stadtverordneten köderten die anwesenden Bürger_innen, indem sie betonten, die Allee erhalten zu wollen. Mit neuen Bäumen würde sie schöner als zuvor! Den erschienenen Bürgern_innen, sichtlich empört, wurde sogar gedroht: Wenn die Bäume in der Lesselallee nach und nach ausgedünnt werden müssten, bestehe keine Pflicht für die Stadt mehr, eine neue Allee anzulegen. Lediglich ein Stadtrat von der SPD schlug eine Informationsveranstaltung in Mainz-Kostheim vor, um die Bürger_innen „mitzunehmen“.

Die Zeit der Argumente ist vorbei

Nun wird am 31. Juli der Magistrat zusammen mit ihrem Gutachter Roland Dengler eine Ortsbegehung in der Lesselallee durchführen. Ulrich Weihs sagte nach der Sitzung des Umweltausschusses: „Die wussten, dass ich an dem Tag verhindert bin!“ Anschließend ist für 19 Uhr im Kostheimer Bürgerhaus eine Informationsveranstaltung geplant – eine unverhohlene Vortäuschung von Bürger_innenbeteiligung. Auf der Homepage der Stadt Wiesbaden ist nämlich aktuell zu lesen, dass die reservierten Flatterulmen „für eine Neupflanzung im Herbst“ in den Baumschulen geprüft werden.

Deutlich wird: Wer die Macht hat, kann sich bürgerliche Mitsprache offensichtlich nur als Mitnahme bei getroffenen Entscheidungen vorstellen. „Die Zeit der Argumente ist vorbei“ so Marion Mück-Raab von der AUF (Arbeitskreis Umwelt und Frieden) . Zusammen mit der Bürgerinitative BIRMA (Bügerinitiative Rettet die Maaraue) will sie ab 15 Uhr dem Magistrat bei ihrer Begehung mit kreativen Protestaktionen und einer Demo einen würdevollen Empfang bereiten.

Willfried Jaspers

Über Willfried Jaspers

Schon seit vielen Jahren erstellt und veröffentlicht Willfried Videos als Quer-TV für Initiativen und Gruppen im linksalternativen Spektrum, um ihnen ein Sprachrohr für ihr Anliegen anzubieten, vorrangig zu lokalen Themen. Bei der Zwischenzeit arbeitet er unter anderem am Ausbau der Videoproduktion und organisiert dazu Workshops.

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