Druck machen

Schon bald ein Vierteljahrhundert gibt es sie: Die linke Druckerei Gegendruck im Wiesbadener Westend. In einem Hinterhof in der Nettelbeckstraße haben Uwe(50) und Peter(43) ihren kleinen Laden eingerichtet, den ersterer 1989 mit seinem Kumpel Knut gegründet hatte. Seitdem gehen dort mal mehr, mal weniger Flyer, Bücher, Plakate, Broschüren und Filtertips in den Druck.

Knut und Uwe machten zu Gründungszeiten gemeinsam ihre Ausbildung in der Berufsschule, Uwe zum Industriebuchbinder, Knut zum Drucker. Und Uwe wusste schon damals: „Hier will ich raus.“ – Raus aus der lauten, stickigen Werkhalle der Binderei, in der er arbeitete, aus der Ausbeutung durch den Eigentümer des Unternehmens, aber auch aus der Fremdbestimmung. Eine Tätigkeit in Freiheit, nicht für den „dicken Benz, den dann irgendwer fährt“, war sein Ziel.

Um jedoch den Traum des Produzierens mit Sinn, selbst gewählten Arbeitszeiten und ohne Chef zu realisieren, brauchte es zunächst Geld. Das konnte sich Uwe von seinen Eltern besorgen: Damals 16.000 DM reichten, um eine erste Druckmaschine, eine Schneidemaschine und weitere Geräte zu besorgen. Auch Räume konnten sich Uwe und Knut davon mieten. Der Laden lief.

Druck machen!

Nach 3 Jahren verließ Knut dann das Projekt in Richtung Berlin, um dort Häuser zu besetzen, und Uwe musste den Laden erstmal alleine schmeißen. Doch bald stieß Peter hinzu. Peter, damals Punk „mit einem riesen Iro“ und Zivi bei einer NGO, fand eigentlich nur mit einem Druckauftrag seinen Weg in die Gegendruckerei. Weil es ihm so gut gefiel, kam er aber öfter wieder, bis er schließlich sein Bauingenieurs-Studium abbrach und auch Gegendrucker wurde.

In dieser Besetzung besteht die Druckerei bis jetzt. Zwar wird die Konkurrenz durch Internetandruckereien  zunehmend härter, doch sind Uwe und Peter gut aufgestellt: Eine solidarische Stammkundschaft auf dem Gebiet der halben Bundesrepublik sorgt für ausreichend Aufträge, im Moment etwa 120 im Jahr. Auch ist die Qualität der Druckerzeugnisse hoch, wie die beiden Gegendrucker betonen. Viel Geld wirft die Arbeit dennoch nicht ab, doch der Betrieb und seine beiden Kollektivisten kommen über die Runden.

Dabei wird in der Nettelbeckstraße beileibe nicht alles gedruckt, was Kund_innen einreichen, auch wenn sie gut bezahlen wollen. „Wir haben hier klare Grenzen: Homophobie, Nazikram oder ähnliche Sachen gehen gar nicht.“ Einmal wollten gar die Kritischen Polizisten, wie sie sich selbst nennen, eine Drucksache in Auftrag geben. „Aber so was geht nicht. Wir drucken doch auch nicht für die CDU!“

Kein Ende in Sicht

Glücklicherweise stehen die Gegendrucker mit ihrer konsequenten politischen Haltung nicht alleine da: Die Kontakte zu anderen selbstverwalteten Betrieben sind gut. Im Café Klatsch trinken die Drucker ihren Kaffee, beim Kollektiv Kolbenfresser lassen sie ihre Autos reparieren. Im Gegenzug erledigen sie dann die Druckaufträge für diese Betriebe.

Eine Ende der linken Druckerei ist nicht absehbar. Natürlich sind Uwe und Peter im Laufe ihrer 25 Jahre Selbstverwaltung nie reich geworden. Dennoch machen seit ihrer Gründung vor, wie ein anderes Arbeiten und Leben möglich ist. Deshalb sind sie zuversichtlich, dass es so weitergehen wird, und haben vor der Zukunft keine Angst. Den digitalen Wandel beispielsweise haben sie als Autodidakten bereits überstanden; ihre Finanzen haben sie immer in den Griff bekommen. Und in der Not verkaufen sie einfach ihre alten Druckplatten beim Schrotthändler.

Jan Zombik

Über Jan Zombik

Jan Zombik macht gerne Journalismus: Für alle, für die Leute, für die Politik, für die Freiheit. Wenn er gerade nicht journaliert oder philosophiert, dann musiziert er vielleicht. Anzutreffen ist er in der Regel vor seinem Bildschirm, an dem er etwas schreibt. Wenn ihr Jan etwas gutes tun wollt, dann flößt ihm beruhigenden Rooibos-Erdbeer-Sahne-Tee ein oder spendet ein paar Eurönchen für die Zwischenzeit.

Dennis Firmansyah

Über Dennis Firmansyah

Dennis Firmansyah hat die Zwischenzeit 2013 mitbegründet und 2016 die Herausgeberschaft und Chefredaktion übernommen. Seine Themen sind Migrationspolitik, Recht auf Stadt und Regionalgeschichte. Neben der Zwischenzeit veröffentlicht er auch bei der Jungle World, Direkte Aktion und Graswurzel Revolution.

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