Dürfen wir uns Liebe gönnen?

Punks küssen sich mitten im Riot

Liebe in stürmischen Zeiten: Ist doch drin, oder? Unbekannt | Fair Use

„Ich hab keinen Bock gut drauf zu sein während so viel Scheiße passiert, so einfach ist das. Da will ich einfach alleine sein und nachdenken.“ Bämm. Das hat gesessen. Naja, eigentlich waren diese beiden Sätze sogar eher okay, denn sie waren die Erklärung für die harte Abfuhr, die ich einen Tag vorher bekommen hatte. Immerhin. Jetzt ließ sich wenigstens alles in einen Zusammenhang stellen, einordnen. Schon verständlich und in der Logik auch konsequent. Es war keine Absage an mich, sondern daran, sich womöglich in einer romantischen wie auch immer gelebten zwischenmenschlichen Beziehung einzurichten und sich dabei auch noch gut zu fühlen.

Sich bloß nicht von Gefühlen für eine Person ablenken lassen, sondern die Augen und den Verstand weiterhin geschärft haben für die Kritik an den herrschenden Verhältnissen. Den Blick nicht verlieren, für das was wirklich zählt. Nicht zusätzlich zum Genuss der Privilegien, in die wir so ohne eigenes Zutun hinein geboren wurden, auch noch Erfüllung durch Zärtlichkeit oder sogar Liebe finden. Wenigstens keine Zeit mit Gefühlen verschwenden im Kampf für eine bessere Welt. Das wäre zu viel der Schuld.

Und seitdem ich diese Zeilen gelesen habe, weiß ich einfach nicht, was ich darüber denken soll. Kritisiert wird der grenzenlose Egoismus der Menschen, das Streben nach Glück, der Hedonismus, das schamlose Ausnutzen der eigenen Privilegien. Und es stimmt ja auch: Es geht uns viel zu gut, geboren in einem der reichsten Länder der Erde, weiß, Bildungsbürgertum. Wir genießen Reisefreiheit, während andere gerade an der Festung Europa zerschellen.

Wir haben sogar durch aus Containern gesammelte Lebensmittel reichlich und gesund zu essen, während andere nicht wissen, wann sie das nächste Mal überhaupt essen können. Wir haben hier bei politischen Protest- und Widerstandsaktionen oft nicht mehr zu fürchten, als ein paar Stunden in Gewahrsam, während allein im letzten Monat in verschiedensten Erdteilen Menschen dafür umgebracht wurden, dass sie sich der Zerstörung ihrer Lebenswelten entgegen stellten. Seitenweise Papier könnte ich so füllen.

Bei all der Schuld, die wir durch unsere alltäglichen Handlungen auf uns nehmen, weil wir durch viele kleine Entscheidungen viel zu oft zustimmen, dass andere für unsere Wohlergehen ausgebeutet werden, müssen wir uns da nicht diese Gefühlsduselei versagen? Müssen wir nicht all unsere Kraft darauf verwenden, diese Verhältnisse zu verändern? Wäre es in Anbetracht der uns umgebenden Welt nicht verwerflich, würden wir hemmungslos dieser Verknalltheit nachgehen, einen (Groß-)Teil unserer Energie dafür aufbringen, uns dieser neuen zwischenmenschlichen Beziehung zu widmen und sie zu erforschen und auszuleben?

Wäre die Gefahr nicht zu groß, das Wichtige aus den Augen zu verlieren, uns blenden zu lassen, von den schönen und aufregenden Momenten? Und dabei ganz zu vergessen, dass wir uns auf eine Klimakatastrophe zubewegen, dass so viele Menschen wie nie auf der Flucht sind und dabei umkommen, dass sich die aktuelle Stimmung hier und in ganz Europa immer weiter nationalistisch aufheizt, dass die kapitalistische Expansion in alle Lebensbereiche unaufhörlich voran schreitet und dass das gute Leben für alle in immer weitere Ferne zu rücken scheint? Also ist es doch konsequent zu sagen, das geht jetzt nicht. Wir haben kein Recht auf noch mehr gute Zeit und wir haben Wichtigeres zu tun.

Und trotzdem fällt es mir schwer, diese Sicht der Dinge zu akzeptieren. Unaufhörlich kreisen meine Gedanken um diese Fragen. Wenn die Welt in der wir leben bestimmt ist von uns Egoist*innen und Hedonist*innen, wenn es keine Hoffnung gibt, diese Verhältnisse zu überwinden, weil wir als Menschen so konzipiert sind, immer nur nach unserem eigenen Glück zu streben und notfalls dafür Ausbeutung und Mord in Kauf zu nehmen, was ist es dann, wofür es sich zu kämpfen lohnt? Ist dann nicht alles schon verloren? Können wir dann nicht aufhören zu grübeln, aufhören zu streiten, aufhören uns zu organisieren?

Warum reden wir dann noch von der Revolution? Und warum gibt es sie eigentlich, diese positiven Gefühle? Warum empfinden wir denn sowas wie Freundschaft, Liebe, Verbundenheit? Warum macht es uns so froh, wenn wir einer Person mit etwas helfen können, wenn sich eine Person über ein Geschenk freut, wenn wir ein gutes und tiefes Gespräch geführt haben, wenn wir gemeinsam mit anderen lachen? Warum kümmern wir uns um Menschen, sorgen uns, leiden und freuen uns mit ihnen? Wie kommt es, dass Menschen sogar in den verrücktesten, schlimmsten Situationen weiterhin lieben? Woher kommen diese Emotionen, wenn da doch eigentlich nur Egoismus und Eigeninteresse vorherrschen sollte?

Aus meiner Sicht tragen wir alles in uns – die größte Dunkelheit und das strahlendste Licht. Wir sind Egoist*innen, Despot*innen, Hedonist*innen – und wir sind ebenso Liebende, Sorgende, Widerständige. Die Frage ist, wie wir leben wollen und wofür – und ob wir uns vorstellen können – und wollen – unsere Utopie zu erreichen und jeden Tag dafür zu kämpfen. In meiner Utopie zählt nicht mehr, was eine Person besitzt, was sie weiß, woher sie kommt und was sie zu sein vorgibt. Dann zählt, wer sie ist, wie sie mit den Menschen in ihrer Umgebung umgeht, was ihre Leidenschaften sind und wovon sie träumt.

Dann zählt, dass sie nicht mehr nimmt als möglich, damit alle anderen ebenso viel haben können und trotzdem noch genug übrig bleibt, um auch morgen noch zu überleben. Die Besitztümer werden weniger sein, die Wohnungen kleiner, wir werden vielleicht keine Autos mehr fahren oder in andere Länder fliegen – aber wir werden uns wieder freuen können, an dem was uns umgibt – an der Frühlingsblüte, an vorbei ziehenden Wolken, an den geliebten Menschen. Wir werden uns wärmen an Freundschaften, an herzlichen, philosophischen oder Streit-Gesprächen, an durchtanzten Nächten und verknutschten Tagen.

Das klingt so gut, dass ich heute damit anfangen möchte. Ich will nicht auf den Tag warten, an dem die Utopie in ihrer Gänze Wirklichkeit wird, um das alles zu leben. Wo sollen wir denn anfangen, wenn nicht direkt bei uns – in unserer unmittelbaren Umgebung? In unseren Freundschaften, in unseren Wohngemeinschaften, in unseren Polit- und Umweltgruppen – bei den Menschen die wir lieben oder lieben könnten? Warum nicht heute schon Nächte durchtanzen und Tage verknutschen, um am nächsten Tag zehnmal stärker für unsere Überzeugungen eintreten zu können?

Warum nicht füreinander da sein und die Kälte unserer Welt erträglicher machen, gemeinsam fragen, diskutieren, Antworten suchen und kämpfen? Gemeinsam den Mut verlieren, weinen, sich stützen und wieder aufstehen? Gemeinsam lernen loszulassen – Besitztümer, Egoismen und Ängste? Heute schon nach dem richtigen Leben im Falschen suchen – einfach anfangen, aber zusammen statt grübelnd allein? Das heißt ja nicht, dass wir damit das Ziel aus den Augen verlieren, dass unsere Herzen erfüllt, aber die Köpfe leer sein sollen. Nur dass wir den Weg gemeinsam gehen könnten, zumindest ein Stück.

Mila N

Über Mila N

Mila_N ist Frankreichfan, Kaffeeaddict und Faulpelz, kämpft sich seit wenigen Jahren langsam aber stetig aus der kollektiven und persönlichen Ignoranz hervor und beschäftigt sich akuell mit Klimawandel, Freihandel, Neokolonialismus und den dahinterliegenden Wirtschafts- und Herrschaftsverhältnissen. Zum jahrelang praktizierten Verschlingen von Artikeln und Büchern sind kürzlich das Engagement in Graswurzelbewegungen und direkten Aktionen, sowie das Schreiben zum Ordnen und Bewältigen der eigenen Gedankengänge hinzugekommen. Mila_N wäscht sich nie - ANARCHIE!

4 Gedanken zu “Dürfen wir uns Liebe gönnen?

  1. Dino

    Hi Mila,

    schau Dir doch auf youtube mal den Kabarettisten Hagen Rether, „über die Liebe“ an. Vielleicht fühlst Du Dich ja ein wenig verstanden.

    Liebe Grüße

  2. Mila_N

    Hallo Dino,
    ich habe Hagen Rehter’s Programm „Liebe“ schon ein paarmal gesehen. Aber meiner Meinung nach geht er auf ganz andere Themen ein. Kannst du mir genauer sagen, wo du die Verbindung zu meinem Text siehst?

  3. Hanna

    Hi,
    ja, du sollst dir Liebe gönnen.Einerseits gibt ihr das Kraft allen Scheiß, den du um dich täglich wahrnimmst auszuhalten.Sagst du, du darfst sie dir nicht gönnen,dann meidest du doch alles was für dich liebenswert sein könnte. Liebenswert? Ein Mensch, machen was Spaß macht,nicht die Welt auf einmal verändern wollen, aber damit anfangen,Pausen gönnen und sich auf kleine Dinge zurückziehen,weiter machen,sich sehnen,ist nicht schon Sehnsucht nach der Utopie auch schon Liebe? Ich gönne mir Liebe.

  4. Dino

    Liebe Mila,

    „Und dabei ganz zu vergessen, dass wir uns auf eine Klimakatastrophe zubewegen, dass so viele Menschen wie nie auf der Flucht sind und dabei umkommen, dass sich die aktuelle Stimmung hier und in ganz Europa immer weiter nationalistisch aufheizt, dass die kapitalistische Expansion in alle Lebensbereiche unaufhörlich voran schreitet und dass das gute Leben für alle in immer weitere Ferne zu rücken scheint?“

    Hierauf geht Hagen Rether in den ersten zwei Minuten bei „über die Liebe 2015“ z. B. ein. Liebe kostet nichts, Mila. Sie belastet auch nicht die Umwelt. – im Gegenteil: Sie ist eine der besten Methoden, wenn nicht überhaupt die Beste, um das Gegenteil von Krieg und Ausbeutung vorzuleben.
    Wenn Du gegen aktiv sein willst, wähle keine etablierten Parteien, sondern solche, die mit guten Alternativen werben. Zu hoffen bleibt dann, dass Versprochenes auch gehalten wird. Ich finde es zwar löblich, aber übertrieben, in ferne Länder zu reisen, um Flüchtlingen über die Grenzen zu helfen, weil man damit auch sein eigenes Leben in Gefahr bringt, welches man schätzen und lieben lernen sollte. Wenn Du Liebe und Respekt in Deiner Heimat auslebst, wird sich das meiner Erfahrung nach auch verbreiten.
    Der Mensch, von dem Du berichtet hast, der Dir „eine Abfuhr“ gegeben hat, scheint frustriert gewesen zu sein. Dafür kannst Du nichts.

    Herzliche Grüße

    Dino

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