Ehre wem Ehre gebührt

Lorbeerkranz nicht für Rassisten

Ein Lorbeerkranz drückt höchste Ehren aus - einem Rassisten gebührt er sicher nicht. dorena-wm | CC BY-ND

Zwischenzeit: 1898 wurde eine Straße und ein Platz in Mainz nach Samuel Thomas von Soemmerring benannt, der in der Stadtverordnetenversammlung von damals als „ausgezeichneter Astronom und Physiologe“ geehrt wird. Frau Bechhaus-Gerst, Sie haben sich mit Soemmerrings Forschung in Verbindung mit Rassismus und Sklavenhandel auseinandergesetzt. Sein Aufsatz „Über die körperliche Verschiedenheit des Mohren/Negers vom Europäer“ von 1784/5 spielt dabei eine wichtige Rolle. Können Sie den historisch-politischen Hintergrund beleuchten, in dem der Text verfasst wurde?

Marianne Bechhaus-Gerst: Der Text entstand in einer Zeit, in der der transatlantische Sklavenhandel enorme Ausmaße angenommen hatte und Afrikaner_innen zu Hunderttausenden versklavt und in die Amerikas verschleppt wurden. Dafür bedurfte es einer Legitimation, da ein solch grausames und gewalttätiges Vorgehen wohl kaum mit Vorstellungen von christlicher Nächstenliebe zu vereinbaren war. Medizin und Philosophie der Aufklärung kam die Aufgabe zu, die wissenschaftliche Legitimation für ein solches Vorgehen zu liefern. So diskutierte man ernsthaft die Frage, ob Afrikaner_innen überhaupt dem Menschengeschlecht zuzuordnen seien. Damit hätte man eine Rechtfertigung für die Versklavung gehabt. Philosophen der Aufklärung, allen voran Immanuel Kant, aber eben auch Mediziner wie Soemmerring oder Petrus Camper arbeiteten zum Thema „Rassenhierarchien“.

Welche Funktion hatte Soemmerrings Text im Hinblick auf Rassismus und Kolonialismus?

Soemmerrings Text ist insofern sehr interessant, als er von Anfang an vorgibt, was er als Resultat erhalten will. Und obwohl im gesamtem Text deutlich wird, dass er eigentlich nicht nachweisen kann, dass Afrikaner_innen anders sind, kommt er zum Ergebnis, dass sie es sind. Das ist beispielhaft für den Diskurs der Zeit: Man konstruiert sich die „Anderen“ und ordnet alle Untersuchungsergebnisse entsprechend dieser Konstruktion ein. Soemmerring hat mit seinen vermeintlichen Forschungsergebnissen maßgeblichen Anteil an der Entstehung eines rassistischen Diskurses gehabt, der Versklavung und Kolonialismus legitimierte und bis heute fortwirkt. An ihm kann man auch sehr schön zeigen, dass Wissenschaft von Beginn an nicht „neutral“ oder gar „objektiv“ war, sondern stets Teil eines Herrschaftsdiskurses, beziehungsweise diesen mitgestaltete.

Soemmerring führte seine Forschung an Leichen Schwarzer Menschen durch. Woher beschaffte er sich diese Leichen?

In Deutschland war es im 18. Jahrhundert in adeligen Kreisen in Mode gekommen, Afrikaner_innen als so genannte „Hofmohren“ zu beschäftigen, die man sich zum Beispiel von den Sklavenmärkten in Kairo und Khartum kommen ließ. Man verschleierte das sogar als humanitären Akt des „Loskaufens“ aus der Sklaverei. So gab es ab dieser Zeit Menschen afrikanischer Herkunft im deutschsprachigen Raum, die auch für die anatomische Forschung von großem Interesse waren. Soemmerring arbeitete in Kassel, wo es sogar eine größere Gruppe von etwa 50 Personen afrikanischer Herkunft gab. Diese Menschen kamen teils direkt vom afrikanischen Kontinent, teils waren es versklavte Afrikaner_innen, die von Hessischen Truppen aus Amerika mitgebracht worden waren. Sobald eine_r diese_r Frauen oder Männer gestorben waren oder es zu Todgeburten kam, wurde die Leiche von Soemmerring anatomisch untersucht.

Wie würden Sie Soemmerrings Umgang mit den toten Afrikaner_innen charakterisieren?

Zu Soemmerrings Zeiten etablierten sich gerade die Wissenschaften, nicht zuletzt die Anatomie. So sezierte man alle, die man unters Messer bekommen konnte. Trotzdem zeigt sich bei der Untersuchung von Afrikaner_innen auch bei Soemmerring eine besondere Respektlosigkeit. Er wollte ja gerade nachweisen, dass diese Menschen dem Tierreich näherstehen. Das zeigt sich auch im Umgang mit den Toten. So ist z.B. überliefert, dass er den Leichnam eines gerade verstorbenen Mannes einfach enthauptete, um ihn mit in eine Vorlesung zu nehmen.

Die Angaben, die die Stadt Mainz heute über Soemmerring macht, ähneln denen aus dem Jahr 1898. Denn die Stadt Mainz spricht von Soemmerring als „Arzt und Naturforscher, Professor der Anatomie und Physiologie an der Universität Mainz“. Damals wie heute wird Soemmerrings Beitrag zur Legitimation des sogenannten Stufenleiterkonzepts, also der Konstruktion von Rassen und ihrer hierarchischen Anordnung, nicht erwähnt. Der Verein „Kopfwelten“, in dem Sie aktiv sind, befasst sich mit Afrikabildern der Gegenwart. Inwiefern entfalten rassistische Denkmuster auch heute reale Macht über Schwarze Menschen?

Da eine Auseinandersetzung mit rassistischen Denkmustern und ihren historischen Wurzeln in der Öffentlichkeit immer noch zu kurz kommt, ist unser Umgang mit den vermeintlich „Anderen“ – und das sind für viele Menschen auch heute noch Menschen afrikanischer Herkunft, beziehungsweise generell People of Color – immer noch stark geprägt von rassistischen Vorstellungen, die seit dem 18. Jahrhundert bei uns vorherrschen. Bestimmte Stereotype und Vorteile, die dann während der Kolonialzeit noch einmal verstärkt wurden, werden auch heute noch ungehemmt verbreitet. Straßennamen sind Erinnerungsorte, und da sollte mensch sich ganz genau überlegen, wer warum geehrt werden sollte. Wo wird der Opfer von Sklaverei und Kolonialismus gedacht, wo der Menschen, die aktiven Widerstand geleistet haben?

Das Interview führte Dennis Firmansyah.

Dennis Firmansyah

Über Dennis Firmansyah

Dennis Firmansyah hat die Zwischenzeit 2013 mitbegründet und 2016 die Herausgeberschaft und Chefredaktion übernommen. Seine Themen sind Migrationspolitik, Recht auf Stadt und Regionalgeschichte. Neben der Zwischenzeit veröffentlicht er auch bei der Jungle World, Direkte Aktion und Graswurzel Revolution.

Ein Gedanke zu “Ehre wem Ehre gebührt

  1. Christian

    Glückwunsch zu dem gelungenen Artikel! Und so ein Unsympath hat einen Platz in meiner Nachbarschaft, tsts.

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