Friede, Freude, Eierkuchen und die Auslöschung der Menschheit

Die Blockadebausteine inkl. roter Linie bei der Klimaaktion am 12.12.

Jetzt bloß nicht abheben! Anma | CC BY

Am vergangenen Wochenende gibt es aus Paris lauter schöne Bilder: hier erschöpfte, aber lächelnde Politiker, die nach endlosen Gesprächen ein gemeinsames Papier verabschiedet haben, dort zufriedene Medien und Organisationen, deren Erwartungen übertroffen wurden, und mittendrin die erleichterte Zivilbevölkerung, die beschwingt symbolische rote Linien durch die Stadt zieht oder aber nur die allgemeine Friedfertigkeit der Szenerie bejubelt. Auch ich bin überrascht, wie gut die Stimmung in der Stadt ist. Am Freitag in der ZAC (die „Klimaaktionszone“ in einem Museumskomplex im Norden) und am Samstag auf der Straße ist von der Eskalation der Demo am letzten Novemberwochende in Paris und den Repressionen des französischen Staatsapparats kaum etwas zu spüren. Lediglich die Aktionstrainings erinnern daran, in denen wir die Namen von Anwält_innen memorieren und lernen, wie wir die Arme an den Kopf legen müssen, damit uns der Schlagstock nicht Finger oder Nase bricht.

Noch am Freitagabend werden gar alle zuvor illegalisierten Aktion für den kommenden Tag erlaubt und um die 15 000 Menschen nehmen beamtlich unbehelligt teil. Sogar die verhängten Hausarreste von Organisator_innen sind aufgehoben. Wie lautet doch das Mantra dieser Tage? Alles gut! (Ich frage mich noch immer woher diese allgegenwärtige Wendung mit einem Mal gekommen ist – aufklärende Hinweise bitte an die Redaktion.) Frankreich inszeniert diese Konferenz und ihren Ausgang so vortrefflich, dass jede kritisch-trotzende Stimme nur elendigen Quälgeistern, Nörgler_innen oder Bremser_innen gehören kann.

Auch als ich mich durch das mit einiger Verspätung am Samstagabend verabschiedete Schriftstück kämpfe, mag sich einfach nicht die (berechtigte?) Endzeitstimmung einstellen. Liest sich wunderschön: Unter 2°C soll die Erderwärmung gehalten werden, 1,5°C sind angestrebt, die Treibhausgasemissionen müssen drastisch sinken. Die Konferenzteilnehmenden verpflichten sich zu Maßnahmen, die über die jetzigen hinausgehen und so ambitioniert wie möglich sind. Schließlich sind „weitaus größere Bemühen um Emmissionsreduktion notwendig,“ so die Konferenz, während sie sich gleichfalls zum  „Konzept der ‚Klimagerechtigkeit'“ bekennt. Nicht nur, dass die westlichen Staaten und weniger industrialisierten auf Augenhöhe zu verhandeln scheinen, sie  betonen „dass Klimawandel eine geteilte Problematik der Menschheit ist […] [und]die beteiligten Akteure […] ihre jeweiligen Verpflichtungen gegenüber den Menschenrechten, […] Rechten indigener Völker, […], Migrant_innen, Kinder, Personen mit Behinderungen und in prekären Verhältnissen sowie Gender-Gleichberechtigung, Emanzipation der Frau […] respektieren, fördern und berücksichtigen“ sollen.

Heiße Luft, überall

Friede, Freude, crêpes suzette? Nicht ganz. Schon bei der abschließenden Kundgebung am Samstagnachmittag wird zaghaft auf Schwachpunkte des zu dem Zeitpunkt noch vorläufigen Papieres hingewiesen. Journalistin und Aktivistin Naomi Klein bemängelt, dass die Worte „fossile Energieträger“ nicht auftauchen.  Genausowenig geht das Schriftstück auf gängige Produktionsweisen, seien es die zur Ernergiegewinnung für Transport oder für die Güter- und Nahrungsmittelherstellung ein. Kritik am globalen, neoliberalen Kapitalismus war natürlich nicht zu erwarten (bei den Sponsoren… s. Artikel vom 29.11.), doch wenn weiterhin wachsende Profite die Handlungen der Wirtschaftenden leiten, wird sich am bisherigen Verlauf der Emissionskurven wohl wenig ändern. Wo Regenwaldholz gehobelt wird, um lukrative Erdölreservoirs anzuzapfen, fallen eben Späne. „Und wir hatten nicht das letzte Wort!“ beklagt ein Aktivist an diesem Samstagabend.

Wenn in den „Entwicklungsländern“ der Ausbau erneuerbarer Energien gefördert, weltweit der Wald unter Schutz gestellt oder der sogenannte Emissions-Peak „so schnell wie möglich“ erreicht werden soll, dann bleibt genug Auslegungsspielraum. Die beliebten Schlagworte Nachhaltigkeit, Resilienz usw. fehlen natürlich nicht und sind ebenso offen. Was darunter zu verstehen ist, bleibt den Akteuren auf staatlicher, zivilgesellschaftlicher aber eben auch wirtschaftlicher Ebene überlassen. Außerdem begnügt sich Paris mit der bloßen Netto-Null. Heißt das nicht, solange nur die verursachten Treibhausgasemissionen – in einer frisierten Statistik beispielsweise –  kompensiert werden, ist alles im Butter? Deutschland könnte beispielsweise seine ertragsreichen Kohlekraftanlagen munter weiter betreiben, wenn im Gegenzug nur genug Bäume, sagen wir in Bolivien, wo das Land so schön billig ist, gepflanzt werden.

Nach uns die Sintflut

In den 90er Jahren hat das Kyotoprotokoll derlei Ablasshandel mit Emissionen möglich gemacht und uns in die jetzige klimatische Notlage hineinmanövriert. Schön wäre es ja, wenn sie sich Zeit bis zu unserem Ableben ließen, die Sintflut und sonstige Klimaapokalypsen. Doch schon jetzt versinken Inselstaaten, vertrocknen ehemals fruchtbare Böden, sterben Tausende bei Überflutungen, Stürmen, Unwettern.  Zudem tritt das Paris-Papier erst nach Auslaufen des verlängerten Kyotoprotokolls im Jahr 2020 in Kraft. 2018 wird es die erste Runde geben, bei der die Staaten von ihren Bemühungen Bericht erstatten. Bis dahin bleibt nur zu hoffen, dass nicht eventuelle „tipping points“, also Kipppunkte wie das Abschmelzen der Polkappen unvorhersehbare Verheerungen mit sich bringen. Das Klima ist ein komplexes, chaotisches System und aktuelle Prognosen und Modelle haben ihre (engen) Grenzen.

1,5°C-Ziel hin oder her, das Paris Agreement steht weder auf sicherem Fundament noch ist es verbindlich – ja kann es in dieser Form des Völkervertrages gar nicht sein – und ist daher in gewisser Weise sowieso witzlos. Die größte Gefahr jedoch besteht darin, so glaube ich einige Tage danach, dass sich nun allerorts zurückgelehnt wird. Nach der ach so glorreichen COP21 mit ihren hehren Zielen wiegen wir uns in Sicherheit. Allen, sogar dem rückständigsten autokratischen Staat und den korruptesten Lobbyisten ist offenbar die Dringlichkeit bewusst, mit der die Erderwärmung bekämpft werden muss, damit der Planet noch ein Weilchen bewohnbar bleibt. Dieses Papier wird es also richten? Nein, im Gegenteil: Das Motto mag gesetzt sein. Wir müssen „die Integrität aller Ökosysteme inklusive der Ozeane sichern sowie den Erhalt der Biodiversität […] [, von] Mutter Erde.“ Die eigentliche Arbeit aber fängt jetzt erst an.

Anne-Marie Butzek

Über Anne-Marie Butzek

Eigentlich eher an den Rahmenbedingungen der Textproduktion (sprich: Verlagswesen und Literaturwissenschaft) interessiert, bemächtigt sich das aktive journalistische Schreiben in letzter Zeit immer mehr des wahlmainzerischen Nordlichts. Der Anspruch dabei: Die Welt besser machen oder zumindest ganz famos dabei scheitern.

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