Eine Kleinstadt im Umbruch

Diese Vögel lesen sicher Projekt A – Wandbild am selbstverwalteten Lebensmittelgeschäft Abraxas in Neustadt. Zwischenzeit | CC BY-NC

1984 gehen Raubdrucke eines schmalen Büchleins über die Ladentheken vieler autonomer Zentren, Info- und Buchläden, Briefumschläge mit dem Text darin werden in Briefkästen überall in der Republik eingeworfen. Der Titel: Projekt A. Die Schrift schlägt vor, eine Kleinstadt mit selbstverwalteten Betrieben zu beleben und dabei drei Ziele gleichzeitig zu erreichen: Das eigene Geld zum Leben verdienen, sich politisch betätigen und sich selbst zu verwirklichen. Ein Klima der positiven Toleranz gegenüber libertären Ideen und Lebensentwürfen sollte dabei in der Kleinstadt entstehen, die durch alternative Angebote von der Kinderbetreuung über Lebensmittelgeschäfte, Wohnungen und Schreinereien bereichert wird.

Wenige Jahre nach der Verbreitung der Schrift kommt es zu einem ersten Versuch in der Kleinstadt Alsfeld. Der Enthusiasmus der dortigen Aktivist*innen war leider größer als umsetzbare Planungen, sodass der Versuch wenige Jahre danach als gescheitert galt. Viele Aktive und Interessierte am Projekt A sind daraufhin nach Neustadt an der Weinstraße gekommen, um ihre Ideen dort zu verwirklichen – gemeinsam mit den schon vorhandenen Strukturen um das Werk Selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen (WESPE). Mit dabei: Der Autor und Aktivist Horst Stowasser, Verfasser von Projekt A.

In Neustadt entstehen selbstverwaltete Betriebe, Wohnprojekte und Kultur

Michael arbeitet im AnArchiv, ein Archiv anarchistischer Literatur und Gedächtnis der Selbstverwaltungsversuche in Neustadt. „Wir wollten nicht aufs Land und weg vom Fenster, wir wollten die Kleinstadt verändern, auf die Menschen zugehen“, beschreibt er die Ausgangsmotivation. Das Projekt als Ganzes habe zehn Jahre gut funktioniert. „Wir hatten am Anfang das Glück, dass da zwei dabei waren, die Geld hatten und direkt was kaufen konnten.“ Anfang der 90er. Die Neustädter legen los. In wenigen Jahren entstehen viele Betriebe: Fahrradladen, Buchladen, Lebensmittelgeschäft, Bio-Baumarkt, Kneipe, Chemielabor, Schreinerei, Speditionsunternehmen, Kindergarten.

In den ersten Jahren kommt viel Besuch nach Neustadt, aus der Schweiz, Frankreich, dem Baskenland und Katalonien. Horst Stowasser geht zusammen mit anderen Aktiven immer wieder auf Veranstaltungsreisen, zu Hochzeiten interessieren sich über 600 Menschen für das Projekt A. Die Neustädter investieren ihre Energie in den Aufbau von Alternativen. „Denn warum“, fragt Michael, „sollen die Leute ihr Leben für irgendeinen Eppes in der Zukunft ändern?“. „Wir müssen zeigen, dass es anders geht, im hier und jetzt.“ Die Politik findet hier im Alltag statt. Anstatt nur von Anarchie zu reden, soll sie hier gelebt werden, eine andere, bessere Arbeits- und Lebenswelt erschaffen werden.

Ein Fest fällt ins Wasser, die Aktiven zerstreiten sich

Doch es kommt Ende der Neunziger zu Zerwürfnissen. Michael: „Viele hatten höhere Ansprüche, teilweise ideologischer Art. Die hehren Ziele konnten nicht alle erreicht werden, sodass viele Leute auch irgendwann frustriert waren.“ Ein Fest am Hambacher Schloss wird von Vergewaltigungsvorwürfen überschattet, die Kneipe gibt die Selbstverwaltung auf, es kommt zu gerichtlichen Auseinandersetzungen innerhalb des Projektes. Und auch die Stadtpolitik leistet ihren Beitrag, indem sie, wie Michael sagt, bei der Vergabe von Räumlichkeiten versuche, das Projekt zu behindern.

„Das Projekte scheiterte an einer Mischung aus nicht bewältigter Gruppendynamik und wirtschaftlichen Problemen.“, so die Einschätzung der Publizistin Elisabeth Voss. Doch in Neustadt an der Weinstraße bleiben Überreste der Hochzeit der Selbstverwaltung: Das AnArchiv macht anarchistische Literatur zugänglich, unter anderem den Nachlass von Horst Stowasser und Augustin Souchy – über fünfhundert Zeitschriften und hunderte Bücher werden hier aufbereitet und katalogisiert. Die WESPE veranstaltet regelmäßige kulturelle Events, organisiert das Gauklerfest, veranstaltet Konzerte und bietet Musikunterricht an. Im Lebensmittelgeschäft Abraxas verkauft ein Kollektiv biologische Produkte, und der Buchladen Quodlibet bietet neben der Bibel auch die Junge Welt und die Graswurzel Revolution zum Kauf an.

Das Projekt A soll bald neu erscheinen, mit Kommentaren und einer Aufarbeitung der Fehler und Errungenschaften. Neustadt an der Weinstraße ist vielleicht nicht die selbstverwaltete, anarchistische Kleinstadt-Utopie geworden, von der viele früher geträumt haben, aber es bleibt bis heute eine Inspiration für Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben.

Dennis Firmansyah

Über Dennis Firmansyah

Dennis Firmansyah hat die Zwischenzeit 2013 mitbegründet und 2016 die Herausgeberschaft und Chefredaktion übernommen. Seine Themen sind Migrationspolitik, Recht auf Stadt und Regionalgeschichte. Neben der Zwischenzeit veröffentlicht er auch bei der Jungle World, Direkte Aktion und Graswurzel Revolution.

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