Es geht um’s Ganze!

IDAHOT in Mainz 2015

IDAHOT in Mainz 2015 GenderpAnks | CC BY-NC-SA

Wir leben in einer Gesellschaft von Ungleichheit, Ausgrenzung und Unterdrückung. Der IDAHOT (International Day against Homophobia and Transphobia) 2015, der am 17.05. auch in Mainz stattfand, wollte darauf aufmerksam machen. Eigentlich eine gute und unterstützenswerte Idee. Wäre da nicht eine LGBT-Szene, die diesen Namen kaum verdient, da sie zum Großteil aus weißen Cis-Männern besteht, die der Mittelschicht angehören und sich um ihre Renten sorgen. Der Kampf um grundlegende Menschenrechte wird dort oft auf Schwule und Lesben beschränkt und im günstigsten Fall noch auf transidente Menschen bezogen.

Auf einer Bühne auf dem Mainzer Marktplatz äußerten sich mehrere Vertreter_innen etablierter Parteien und anderer Organisation dementsprechend zur aktuellen Problem- bzw. Sonnenscheinlage aus ihrer jeweiligen Perspektive:

So wird der Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling nicht müde zu betonen, wie fortschrittlich und weltoffen Mainz doch sei. Freilich nur für diejenigen LGBTs, die einen europäischen Pass besitzen und deshalb nicht Gefahr laufen in ein Containerlager am Arsch der Stadt oder gar zurück in ein Krisengebiet geschickt zu werden. Auch Pia Schellhammer, zwar kein Cis-Mann, dafür aber bei den Grünen, blubbert in die gleiche Wohlfühlblase: Zwar gibt es noch keine Ehe für alle, dafür habe aber gerade die rot-grüne Landesregierung sehr viel für die Rechte queerer Menschen getan. LGBTs im Ingelheimer Abschiebeknast können auf Initiative der Landesgrünen bunte Blümchen auf der vormals grauen Betonmauer des Gefängnisses bestaunen. Und das kann schließlich kein Zynismus sein, hat doch die gleiche Partei 1999 Bomben auf Belgrad werfen lassen. Natürlich ebenfalls zum Schutz diverser Minderheiten.

An der Rede von Thorsten Barnickel, einem Vertreter der Giordano-Bruno-Stiftung Mainz/Rheinhessen (GBS), gibt es inhaltlich nicht viel auszusetzen. Es ging um die in der Tat miesen Arbeitsbedingungen in Einrichtungen in kirchlicher Trägerschaft für alle Beschäftigten, die sich nicht der kirchlichen Morallehre beugen möchten oder können. Dennoch muss mensch sich fragen, weshalb hier gerade der behindertenfeindlichen und platt-naturalistischen GBS ein Forum geboten wurde, die sich obendrein nach einem Vordenker des modernen Antisemitismus benannt hat. Nicht nur queere Menschen mit Behinderung, sondern all jene, die sich gegen menschenverachtendes Gedankengut einsetzen, sollten dies mit Sorge betrachten und dafür eintreten, dass die GBS beim nächsten Mal nicht eingeladen wird.

Das Leiden Einzelner geht uns alle an

Ein Lichtblick allerdings waren die Ausführungen von Livia Prüll, Professorin für Theorie und Ethik der Medizin. Sie hat das auf den Punkt gebracht, was in einer sich emanzipatorisch gebenden Bewegung eigentlich Konsens sein sollte: Im Kampf gegen Trans- und Homophobie geht es um’s Ganze! Es geht nicht um die Forderung nach einer Öffnung der Ehe, die im Einzelfall womöglich nachvollziehbar sein mag, strukturelle Unterdrückung aber unhinterfragt fortsetzt. Es geht schlicht um die Frage, in welcher Welt wir leben wollen. In einer menschenfreundlichen und solidarischen oder in der bisherigen Welt, die in unzähligen Fällen den Tod für bestimmte Menschen mit sich bringt?

Die Menschen, die in dieser Gesellschaft ihr Leben lassen sind unter anderem transidente, lesbische, schwule, queere Teenager, die in ihrer Schule angefeindet und zusammengeschlagen werden. Teenager, die sich von ‚besorgten Eltern‘ anhören müssen, sie seien nicht ’normal‘ und müssten gar von ihrer sexuellen Orientierung oder Identität ‚geheilt‘ werden. Es sind diejenigen, die zu Tausenden im Mittelmeer ertrinken, weil sich das ‚fortschrittliche‘ Europa wie eine Festung abschottet. Das gleiche Europa, das sich an anderer Stelle als Verteidigerin der Menschenrechte profiliert. Die Menschen, die ermordet werden, sind diejenigen, die von Nationalstaaten in den Tod geschickt werden, weil sie keine Papiere haben – ob LGBT oder nicht. Es sind die Jüd_innen, die von Faschisten in Paris und anderswo erschossen und deren Grabstätten geschändet werden. Es sind die Opfer des NSU und die Opfer staatlicher Repression und Folter.

In welcher Welt also wollen wir leben? Und wie wollen wir um sie kämpfen? Reicht es aus, sich selbst auf die Schulter zu klopfen und NGOs oder staatlichen Institutionen zu vertrauen, dass sie die erwünschte Welt in dieser Gesellschaft verwirklichen werden? Ist es genug, sich einmal im Jahr zum IDAHOT auf dem Domplatz zu treffen, um gemeinsam mit Repräsentant_innen kommunaler Politik das Tanzbein zu schwingen?

“Freiheit entsteht als kämpfende Bewegung…”

Es geht hier nicht darum, die gesamte LGBT-Szene schlechtzureden: Wir schätzen jede Form emanzipatorischer Arbeit queerer Gruppen und ähnlicher Initiativen, die herrschende Sex- oder Gender-Normen hinterfragen. Unsere Kritik richtet sich vielmehr gegen hierarchische Organisationsformen und Parteipolitik: Wir sehen es als hochproblematisch, wenn Politiker_innen oder Funktionär_innen soziale Kämpfe zur eigenen Profilierung vereinnahmen.

Sich allein auf Gesetze zu verlassen ist gefährlich: sie können sicherlich relevant sein, um Verbesserungen im Status quo einer erstarrten Gesellschaft zu erreichen. Allerdings führt allein dieser Weg genauso wenig zu gesellschaftlichem Wandel wie Verbote – etwa wenn Tabuworte entstehen, ohne zu erklären, was bestimmte Begriffe problematisch macht. Wandel kann nicht von oben auferlegt werde. Er entsteht durch Dialog tagtäglich aufs Neue und ist niemals abgeschlossen.

Was Politiker_innen und Funktionär_innen repräsentieren ist eine Gesellschaftsordnung, die auf eine Barbarisierung aller Lebensbereiche hinausläuft. Weshalb sollten wir uns damit noch weiter beschäftigen? Müssen wir das Gelaber derjenigen ertragen, die ohnehin zu den Privilegiertesten dieser Gesellschaft gehören? Diejenigen, die etwas bewegen, sind Aktivist_innen und Menschen, die tagtäglich für eine Welt kämpfen, in der wir alle frei leben können. Ist es nicht an der Zeit, Strukturen von unten für unten aufzubauen, die die Keimzellen des besseren Lebens sein können? Ist es nicht notwendig, diese Strukturen auch vehement zu verteidigen, wo wir sie bereits erkämpft haben?

Weiter gehen!

Dazu erscheint es uns notwendig, mit dem transidentitären Radikalismus ernst zu machen. Eine Umwälzung der Verhältnisse kann nur dann gelingen, wenn wir unsere verschiedenen Identitäten respektiert und wahren können. Politischer Aktivismus darf, soll er fruchtbar sein, aber nicht identitär und damit exklusiv werden – wir müssen ihn vielmehr transidentitär denken. Wir müssen die Grenzen zwischen Menschen überbrücken, um die Herausbildung informeller Hierarchien zu verhindern. Dann ist ein gemeinsamer Prozess des Voranschreitens möglich, der die eigenen Standpunkte immer wieder hinterfragt.

Das bedeutet einen Schulterschluss mit all denjenigen, die von verschiedenen Diskriminierungen und auch von Mehrfachdiskriminierungen betroffen sind und sich gegen die menschenverachtenden Zustände auf eine menschenfreundliche Weise erheben. Genauso heißt das, diejenigen zurückzuweisen, die den Wandel auf eine reaktionäre Weise vorantreiben wollen und die Menschenverachtung damit nur noch bewässern.

Wir verurteilen die anfangs erwähnten weißen Cis-Männer der Mainzer Szene nicht per se. Was uns stört sind Privilegierte, die ihre Position nicht hinterfragen und nichts daran verändern, sondern auf Kosten anderer von ihren Privilegien profitieren. Was Gender anbelangt zählt also Feminismus zur Basis jeglicher emanzipatorischen Politik. Denn der Kampf gegen das Patriarchat und Sexismus meint, die Unterdrückung und die (männlichen) Privilegien aufzulösen, sich selbst zu verteidigen und dafür zu sorgen, dass alle die gleichen Möglichkeiten haben. Gegen Trans- und Homophobie zu kämpfen, bedeutet ganz ähnlichen Mechanismen der Diskriminierung entgegenzutreten.

Und mit dieser Basis möchten wir weiter gehen, um konsequent sämtliche Machtstrukturen anzugreifen – denn diese sind schließlich die Ursache für Ungleichheit und Unterdrückung. Darunter fällt es, die scheinbare Normalität des binären Denkens in weiblich und männlich zu dekonstruieren. Die Norm von Cisgender* und Heterosexualität in den Köpfen muss zerstört werden. Das Queere soll nicht länger als das Abweichende (Andere) verstanden werden. Stattdessen müssen verschiedenste Formen das eigene Geschlecht oder eigene die Sexualität zu leben gleichberechtigt nebeneinander stehen können.

Die verschiedenen sozialen Kämpfe sind nicht voneinander zu trennen! Ein wahrlich besseres Leben ist nur für uns alle möglich! Wenn wir die verschiedenen marginalisierten Gruppen gegeneinander ausspielen, reproduzieren wir die Logik der herrschenden Verhältnisse.

In welcher Gesellschaft also wollen wir leben?
Wir wollen ein gutes Leben für alle! Es geht um’s Ganze!

GenderpAnks

Über GenderpAnks

Die Genderpanks sind eine queere Gruppe in Mainz, die für eine solidarische Welt ohne Diskriminierung streitet. Nicht nur queere Menschen, sondern alle, die sich mit den Utopien der Gruppe verbunden fühlen, sind herzlich willkommen, um diese gemeinsam zu verteidigen und auszubauen.

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