Feuer im Maisfeld

Im Südosten Mexikos ist es so üblich, das Maisfeld vor der Aussaat in Brand zu stecken. Das Feuer verschlingt die abgeernteten Pflanzen, das Unkraut, die Wucherungen. Wenn die neue Saat aufgeht, entsteht ein Bild, das wie ein Symbol meiner letzten zwei Wochen ist: Kleine, grüne Pflänzchen erheben sich aus der schwarzen, verbrannten Erde. Wie Hoffnung und Neuanfang, umgeben von Asche.

Die letzten beiden Wochen habe ich als Menschenrechtsbeobachter in einer gespaltenen Dorfgemeinschaft im Südosten Mexikos, im Bundesstaat Chiapas verbracht. Von den 50 Familien, die das kleine Dorf bewohnen, gehören zwei Familien der zapatistischen Bewegung an, einer indigenen Autonomiebewegung. Die Zapatist*innen glaube nicht daran, dass sie vom Staat, seinen Parteien oder dem kapitalistischen Wirtschaftssystem irgendeinen Erfolg, irgendeine Unterstützung oder Nutzen erwarten können. Die große Mehrheit im Dorf ist aber von der Politik der Parteien überzeugt – und macht den Zapatist*innen das Leben schwer.

Wasserleitungen mit Macheten zerschnitten

Die aufständischen Bäuer*innen werden oft beleidigt und angeschrien, die Rechtmäßigkeit ihrer Ländereien wird ihnen abgesprochen und häufig werden die Gummileitungen, die die Zapatist*innen mit fließendem Wasser versorgen, mit der Machete zerschnitten. Agosto* und Lyvia* leben mit ihrer Familie hier und haben uns aufgenommen. Sie sind für eine Hotelanlage verantwortlich, die an dem türkisfarbenen Fluss liegt, der unterhalb des Dorfes entlang dicht bewachsener Hügel inmitten des Dschungels verläuft.

Das Gelände wurde im Zuge des bewaffneten Aufstands der Zapatist*innen am 1. Januar 1994 beansprucht, nachdem es davor einem Großgrundbesitzer gehörte. Die Regierung veranlasste den Bau der Hotelanlage als Teil ihres Plans, das Bundesland dem Tourismus gegenüber zu öffnen. Die Infrastrukturprojekte, die in diesem Zusammenhang angestoßen wurden, gehen häufig an den Bedürfnissen der lokalen, oft indigenen, Bevölkerung vorbei – Misswirtschaft, die Verletzung indigener Souveränitätsrechte und Korruption sind an der Tagesordnung.

Die Hotelanlage floppt – die Zapatisten setzen auf Subsistenzwirtschaft

Agosto und Lyvia vermieten alle paar Tage ein Zimmer unter, nachdem die Regierungsanhänger*innen im Jahre 2008 den Anspruch auf das Gelände aufgegeben haben. Die Hotelanlage hat sich als Flop erwiesen. Doch das schriftliche Abkommen zwischen Regierungsanhänger*innen und Zapatist*innen hat sich als brüchig erwiesen. Allein in den letzten zwei Wochen kam es dreimal zu Einschüchterungsversuchen. „Ohne die EZLN„, so Agosto, wären viele der Dorfbewohner*innen nie zu ihrem Stück Land gekommen. „Das alles“, Agosto breitet die Arme aus, „wäre heute noch Großgrundbesitz.“

Die Familie stützt sich neben der Bewirtschaftung der Hotelanlage vor allem auf die Landwirtschaft. Der Großteil des Alltags ist von Subsistenzwirtschaft geprägt: Mais, Frijol, Brennholz, Honig, Hühnchen, Schweine, Mango, Bananen. Das alles erwirtschaftet die Familie aus eigener Kraft und zum eigenen Unterhalt. Daneben nimmt die politisch-administrative Selbstverwaltung viel Raum im Alltag ein.

Der Widerstand ist Basisdemokratisch

Der Zapatismus ist ein direktdemokratisches Rätesystem mit repräsentativen Elementen. Versammlung auf einer der drei Ebenen – Dorfgemeinschaft, Landkreis oder Zone – werden häufig abgehalten und erfordern das ständige Engagement aller. Für Hunderttausende Zapatist*innen erweist sich dieses System als das effizienteste und am besten geeignete System zur Organisierung ihrer Belange.

Trotz der Anfeindungen, die Agosto und Lyvia umgeben, bleiben sie stark. Die beiden, die sich wie viele Nachkommen der Maya im Einklang mit dem Schöpfungsmythos als „Gente de Maiz“, Menschen aus Mais, sehen, sind entschlossen. „Wir haben schon vor 1994 angefangen, im Widerstand zu leben und werden weiter machen, solange wir leben.“ Das Bild von den jungen Maispflanzen, die aus der verbrannten Erde herauswachsen kommt mir wieder in den Sinn.

*Alle Namen geändert

Dennis Firmansyah

Über Dennis Firmansyah

Dennis Firmansyah hat die Zwischenzeit 2013 mitbegründet und 2016 die Herausgeberschaft und Chefredaktion übernommen. Seine Themen sind Migrationspolitik, Recht auf Stadt und Regionalgeschichte. Neben der Zwischenzeit veröffentlicht er auch bei der Jungle World, Direkte Aktion und Graswurzel Revolution.

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