Schikane statt Schutz

Fluchtschiff auf dem Main

"Flüchtlingsfrauen werden laut!", lautet der Slogan von Women in Exile. fluchtschiff.de | ©

Auf Floßen quer durch Deutschland: Frauen der Geflüchteten-Initiative Women in Exile e.V. fahren zurzeit gemeinsam mit der Band „Strom und Wasser“ von Nürnberg nach Berlin, um ihre Stimme für die Belange geflohener Frauen zu zu erheben. In einer Mischung aus Konzerttournee und Protestaktion wollen sie auf die diskriminierende Asylgesetzgebung, strukturellen Rassismus und Sexismus aufmerksam machen. Am 27. Juli legten sie in Mainz und Wiesbaden an. Unsere Redakteurin hat mit zwei der Geflohenen  gesprochen und berichtet.

Wir sitzen zu dritt auf einer Bierbank vor dem Kulturcafé auf dem Campus der Uni Mainz. Es ist Sonntagabend und in einer Stunde wird die Band „Strom und Wasser“ ein Konzert geben. Meine Gesprächspartnerinnen, Wangar* und Grace*, beide geflüchtete Frauen aus Brandenburg, werden die Band um Sänger und Aktivist Heinz Ratz mit Gastauftritten tatkräftig unterstützen.

„Unser größtes Anliegen auf der Tour ist es, mit Frauen vor Ort in den Lagern zu sprechen und uns mit ihnen zu vernetzen. Wir möchten von ihren Problemen erfahren, sie publik machen und in unsere Kämpfe miteinbeziehen.“, erzählt Grace.

Auf dem „Fluchtschiff“ von Nürnberg nach Berlin

Die Initiative Women in Exile e.V., für die die beiden Frauen unterwegs sind, kämpft seit 2002 dafür, den Belangen geflüchteter Frauen in Deutschland Gehör zu verschaffen. Gemeinsam mit „Strom und Wasser“ und einem großen Unterstützer_innen-Kreis sind sie auf zwei kleinen Floßen angereist, Fluchtschiffen, wie der Name der Tour suggeriert, die die Protestierenden über Main, Neckar und Rhein bereits von Nürnberg nach Mainz und noch weiter bis nach Berlin tragen werden. Begonnen hat die Aktion am 14. Juli, mit ihrer Ankunft in Berlin wird erst in einem Monat gerechnet.

„Unsere wichtigsten Forderungen sind die Abschaffung der Lagerunterbringung, ein Ende von Essens-Gutscheinen und Residenzpflicht, sowie natürlich ein Stopp aller Abschiebungen.“, zählt Wangar auf. Dabei soll der Fokus speziell auf weiblichen Geflüchteten liegen, da diese im Diskurs über Flucht und Migration oft zu wenig zu Wort kommen, obwohl sie von strukturellem Rassismus und dem diskriminierenden deutschen Asylsystem besonders hart getroffen werden und zusätzlich noch mit genderspezifischen Problemen und Sexismus zu kämpfen haben.

Zustände in den Lagern und Arbeitsverbote machen krank

Geflüchtete Frauen, die oft bereits in ihren Herkunftsländern oder auf der Flucht Opfer von sexuellen Übergriffen und Misshandlungen werden, fühlen sich auch in den Lagern nicht sicher, erzählen mir die beiden. Statt Schutz zu finden, sehen sie sich durch die räumliche Enge und fehlende Privatsphäre in den Unterkünften mit einem Kontinuum ihrer prekären Situation konfrontiert. Zu sozialer Ausgrenzung und alltäglichem Rassismus kommt somit eine ständige Angst: Eine große psychische Belastung für die Betroffenen.

Auch das Arbeitsverbot für Geflüchtete empfinden die Frauen als großes Problem. „Manche Menschen sagen, wir Geflüchteten kämen nur hier her, um auf staatliche Kosten zu leben, dabei gibt man uns gar keine andere Möglichkeit, weil man uns verbietet, einer Arbeit nachzugehen. Anstatt sich einbringen und selbst versorgen zu können, wird man durch das Arbeitsverbot dazu gezwungen Tag ein, Tag aus in den Unterkünften zu warten und nichts zu tun. Das macht auf Dauer krank.“ Um dieser prekären Situation nicht weiter hilflos ausgeliefert zu sein, sondern sich aktiv gegen strukturelle Rassismen und Ausgrenzung zur Wehr setzen zu können, haben sich Grace und Wangar Women in Exile angeschlossen.

Bei den Zwischenstopps unterstützen lokale Initiativen

Mit dem Verlauf der Tour sind sie bis jetzt sehr zufrieden. Zwar gab es bereits einige wenige Zwischenfälle, auch Droh-Mails von Neonazis, doch alles in allem hat die Vernetzung unter den Geflüchteten gut funktioniert, auch hier in Mainz. Gemeinsam mit der lokalen Unterstützer_innen-Gruppe „Save Me“ haben die Aktivist_innen am Nachmittag Geflüchtete Menschen aus den Unterkünften der Ludwigstraße und der Zwerchallee getroffen, im Hartenberpark gab es ein Puppentheater und eine Clown-Show für die Kinder der geflüchteten Familien und zum Abschluss des Tages nun noch das Konzert von „Strom und Wasser“. Neben „Save Me“ sind auch noch weitere lokale Gruppen vor Ort, um die Aktivist_innen zu unterstützen. Unter anderem haben Medinetz Mainz, Teachers on the Road und der Verein Armut und Gesundheit Flyer ausgelegt.

Leider wird die Aktivist_innen auf ihrer Weiterfahrt keine der in Mainz untergebrachten Geflüchteten begleiten. Zu kompliziert ist das Procedere, um eine Reiseerlaubnis außerhalb des im Rahmen der Residenzpflicht eingegrenzten Bewegungsspielraums von Geflüchteten zu beantragen. Auch meine Gesprächspartnerinnen haben nur zeitlich begrenzte Reisegenehmigungen bekommen. In einem Monat müssen sie zurück in Brandenburg sein, wo sie selbst schon seit Jahren in einer Lagerunterkunft leben müssen.

Auf die Frage, ob diese Situation nicht entmutigend sei, lachen die beiden: „Forward ever, backward never! Das ist unser Motto. Wir haben die Residenzpflicht schon vom Landkreis auf das Bundesland ausweiten können. Es sind kleine Erfolge, aber es geht voran.

*Die Namen wurden von der Redaktion geändert.

Interview mit Heinz Ratz, dem Sänger und Gründer von Strom und Wasser, am 27.07.2014 in Mainz:

 

Redaktion

Über Redaktion

Das hier ist die Redaktion der Zwischenzeit selbst - unser Account, mit dem wir gemeinsam an der Seite herumbauen, moderieren, kommentieren. Wenn wir mal was gemeinsam zu sagen haben, dann veröffentlichen wir es auch als Redaktion.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *