Gasmasken und Molis

Demonstration sitzen auf einer Straße in Istanbul auf dem Boden

Die Ruhe vor dem Sturm: Noch hält sich die Polizei zurück. Rebecca Roßmann | CC BY-NC-SA

Mensch sollte in Istanbul nicht ohne Gasmaske auf eine Demonstration gehen. Zu dieser Erkenntnis kamen wir am heutigen Dienstagabend, dem 7.10., als wir an einer der Solidaritätsdemonstrationen für die umkämpfte kurdische Stadt Kobani im Istanbuler Stadtteil Kadikoy teilnehmen wollten.

Mit den Widerständigen in der nordsyrisch-kurdischen Stadt, die seit Tagen immer mehr von der Terrororganisation Islamischer Staat bedroht wird, fühlen sich unzählige in der gesamten Türkei verbunden. In den letzten Tagen bekündeten auch in zahlreichen Städten in Deutschland zur gleichen Zeit Menschen ihre Solidarität mit den kurdischen Kämpfer*innen in Kobani, demonstrierten und besetzten Plätze, Konsulate oder Flughäfen.

Im Vergleich zu Protesten in kurdisch-türkischen Gebieten wie Amed und Muş, wo das repressive Vorgehen der Polizei in den letzten Tagen bereits mehrere Tote gefordert hat, wirkte das Polizeiaufgebot in Kadikoy am heutigen Abend zunächst friedlich und zurückhaltend. Vor allem, wenn mensch das Spalierstehen, Abfilmen und Einkesseln der deutschen Polizei gewohnt ist.

Zunächst friedliche Demonstration von Polizei angegriffen

Zu Beginn des Demonstrationszuges hielten sich die Staatsdiener*innen in höflichem Abstand zur Demonstration einige Straßenzüge entfernt auf und schienen auf etwas zu warten. Unter ihnen befanden sich auch außergewöhnlich viele Beamt*innen in ziviler Kleidung, die allerdings unter anderem mit Schlagstöcken bewaffnet waren.

Die erste Kundgebung am Rand des Stadtzentrums von Kadikoy verlief weitgehend friedlich. Bis zu 1000 Menschen verschiedenen Alters und verschiedener politischer Zugehörigkeit hatten sich dort eingefunden und skandierten Solidaritätsparolen mit Kobani und den kurdischen Autonomiegebieten. Erst als der Hauptteil der Demonstration sich in Richtung der Innenstadt in Bewegung setzte, ging plötzlich alles sehr schnell.

Nachdem einige Demonstrierende begonnen hatten, in Richtung der wartenden Polizei zu skandieren, flogen plötzlich erste Tränengasgranaten. Die Straßen hallten wider vom Knallen der Patronen und die Menschenmenge rannte panisch in alle Richtungen auseinander.

Ein Katz-und-Maus-Spiel

Was nun folgte, war ein sehr ungleicher Kampf zwischen verängstigten, wütenden und von Tränengas eingenebelten Demonstrierenden auf der einen, und Zivil-Polizei und Uniformierten auf der anderen Seite, die die Menschen immer wieder aus der Distanz mit Gaspatronen und Gummigeschossen schießend durch die Straßen jagten und auch Passant*innen, Ladenbesitzer*innen und vor allem auch Kinder in gefährtdeten.

So rannte an einer Straßenecke, die völlig nebelverhangen vom Tränengas war, ein junger Mann an uns vorbei. Auf dem Arm trug er seine schreiende kleine Tochter, deren Augen schreckgeweitet und rot vom Tränengas waren. An einem anderen Platz steckten Demonstrierende aus Wut ein unbemanntes Wachhäuschen in Brand. Sie versuchten, die Scheiben der Baracke mit Stühlen und anderen Gegenständen einzuschlagen, bis die Polizei erneut mit Tränengas und Gummigeschossen anrückte.

Es war kaum möglich, zu mehreren an einem Ort länger als fünf Minuten zu stehen und die politische Botschaft der Demonstration, auf die Straße zu tragen: Solidarität mit Kobani und die Wut gegen die Untätigkeit der türkischen Regierung. Fanden sich mehr als ein paar Menschen an einem Ort zusammen und begannen zu skandieren, war die Polizei bereits zur Stelle und setzte ihr repressives Vorgehen ohne Umschweife fort.

So kann ‚Demokratie‘ aussehen

Nach etwa zwei Stunden war der Spuk schließlich vorbei. Während der Tross an Polizist*innen und zivilen Schlägertrupps in Richtung Mannschaftsbusse davonstampfte, blieben unter dem immer noch wallenden Geruch von Tränengas nur leergefegte Straßen und einige brennende Mülltonnen zurück. So sieht also ‚Demokratie‘ aus.

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