Zu Gast bei den Patrioten

Antideutsche Demonstrant*innen mit einem Banner:

Die Stolzen: So deutsch, dass es zum weglaufen ist. MeinKöln | ©

Kein Thema scheint zur Zeit präsenter in Mainz als die Partei, die sich „Alternative für Deutschland“ nennt. Wir wollten uns deshalb ein Bild aus erster Hand machen. Wir – das sind rund 10 junge Menschen, die sich am 19. Februar spätnachmittags auf eine AfD-Wahlveranstaltung in Mainz-Finthen begeben haben. Außer uns sind etwa 80 Menschen durch die Blockade in den Saal gekommen. Sie wollen sich die Wahlwerbung der rechten Partei anhören.

Anfags werden wir dafür gelobt, uns als „junge Menschen“ ein unverfälschtes Bild der Partei zu verschaffen, deren Vertreter*innen sich selbst als rechts-konservativ beschreiben. Gleich darauf sind wir als Eindringlinge entlarvt, weil wir nicht applaudieren. Viele Anwesende streifen uns mit strengen und irritierten Blicken, als wollten wir sie persönlich angreifen. Dabei wollen wir uns doch mit den Inhalten auseinandersetzen.

Frauenverschwörung gegen die „einzig demokratische Partei“

Heute Abend kommt neben dem Spitzenkandidaten Uwe Junge und Parteimitbegründer Konrad Adams auch Ludger Sauerborn zu Wort. Der Ex-Grüne schildert seinen Bruch mit der Altpartei und den Wechsel zur AfD. Er will mit ihr schockieren. Ihn stört vor allem der fehlende Patriotismus der Deutschen. Er imitiert seine Ehefrau in kindlich, naiver Manier, um zu formulieren, dass sogar China zuerst an das eigene Volk denke, ganz im Gegensatz zu Bundeskanzlerin Merkel.

Danach folgt nur noch Empörung und Hetze gegenüber Frauen. Uwe Junge gibt den ruhigen, Sicherheit vermittelnden Veteran, der in voller Klarheit die Lösung für alle Ängste seiner Zuhörer*innen parat hat. Nachdrücklich empört sich der Spitzenkandidat über Frauen als „klare Verursacherinnen der Chaos-Politik“. Es sind Claudia Roth, Malu Dreyer aber auch die thematisch nähere Julia Klöckner, die angegriffen werden. Kein gutes Haar lässt Junge an ihnen.

So wird den Politikerinnen die Fähigkeit, rationale Entscheidungen zu treffen, abgesprochen und der Raum lacht über die verachtende Rhetorik. Es ist ein Raum voller weißer, älterer Männer, auf die wir von hinten blicken können. Nach der Einlage von Junge instrumentalisiert Sauerborn seine Ehefrau noch als Beweis dafür, dass er und seine Kamerad*innen nicht ausländerfeindlich sein können, sie sei schließlich aus dem Ausland hierher geflohen.

Definitiv keine Rassisten

„Vor Ihnen steht der typische Rechtsradikale,“ macht sich Junge am Anfang seiner Rede über seine Gegner*innen lustig. Eine besorgte Miene setzt Sauerborn auf, wenn er klagt, dass „die Nazi-Keule“ auch bald mal ausgeschwungen sei. Sein Heimatland sei nicht auf die Jahre zwischen 1933 und 1945 zu reduzieren. Hier können wir ihm zustimmen. Die deutsche Geschichte geht nun einmal etwas länger.

„Wer mal selbstständig denkt“ würde direkt als Nazi denunziert und damit mundtot gemacht, so Sauerborn weiter. Im Selbstverständnis der Parteimitglieder sei weit und breit kein Nazi-Gedankengut zu finden. Für die „Alternativen“ steht also die Frage im Raum, warum sie bloß in dieser „Schmuddelecke“ schmoren. Von der NPD distanzieren sich die Redner schnell. Deren Nähe hat hat sich zuletzt durch eine Plakatkampagne der Nazi-Partei gezeigt, die dazu aufrief, die Erststimme der AfD zu geben.

Es dauert nicht lange, bis uns die Intoleranz entgegenschlägt: Zu Beginn der Veranstaltungen legt ein Besucher seine Sorgen in Form von Handzetteln auf den Tisch: Es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis die Kirchen zu Moscheen werden und die abendländische Kultur völlig überrollt werde. „Der Islam ist die Flamme am Gebäude Deutschland,“ wird auch Junge mit seinem Hass konkreter. Sein Feuerschutzplan lautet: Stärkung der Sicherheit im Inneren durch Aufrüstung und mehr Personal der Polizei sowie des Grenzschutzes nach Außen. Es fordere niemand aus der Partei den Schießbefehl an den Grenzen. Das betont er immer wieder.

Gemeinsam Opfer der Moralisierung?

Den Patriotismus haben sie gemeinsam. Die AfD ist sich intern aber auch häufiger uneinig: Dort entsteht Sicherheit durch die Exekutive, hier muss sie nur in den Köpfen entstehen. Hier werden vom Alt-Grünen Kompromisse im Atomenergie-Programm gefordert, dort soll die unternehmerische Freiheit vor der Öko-Moralisierung geschützt werden. Die  Zukunft liegt in den Händen der Kinder – nicht in ihren Träumen.

Aber gerade in der Gegenwart gefährden graue Herren durch menschenfeindliche Ideen diese Zukunft. Die Pressearbeit der deutschen Medien wird mit der Manipulation Goebbels verglichen, die vielen Stimmen im Osten für die AfD auf die Unterdrückung Oppositioneller in der DDR zurückgeführt. Was hält die AfD also zusammen? Ist es nur die gemeinsame Angst vor der Moralisierung des Abendlandes?

Spiel mit Gewalt und Angst

Wir fühlen uns unterdessen einsam in diesem Raum. Es schmerzt, die geballte Zustimmung der Menschen für die menschenverachtenden Positionen der AfD ins Gesicht geschmissen zu bekommen. Die anfangs lobenden Worte für unser Erscheinen kommen uns irgendwann vor wie eine Drohung. So wird eine Frau, nachdem sie die zuvor auf den Tischen ausgelegten Propagandapapiere mit nach draußen nehmen möchte, tätlich von einem Security angegangen und gewaltsam zur Tür geführt.

Die Situation scheint für kurze Zeit außer Kontrolle zu sein. Rufe des Protestes von Menschen, die diesen Übergriff furchterregend finden, werden lauter. Doch von anderen Zuhörer*innen werden die Protestierenden angepöbelt und beschimpft. Mit der Gewissheit, dass die junge Frau wohlauf ist, kommen wir mit einer Besucherin ins Gespräch.

Sie zittert, als sie von ihrer Angst um die Sicherheit ihrer Tochter erzählt. Seit Jahren sei sie Nicht-Wählerin und ist nun äußerst besorgt. Die AfD trifft einen Nerv, den sie selbst offengelegt hat. Die Angst vor „dem Fremden“ oder auch eine Angst vor Veränderung. Diese Angst blitzt jetzt in den Augen unserer Gesprächspartnerin. Was würden wir tun? Keine menschenverachtende Partei zu wählen wäre zumindest ein Anfang.

Grenzen der Belastbarkeit

Grenzen sind das große Thema des Abends. Nach zwei Stunden in dieser Veranstaltung ist unsere Grenze der Belastbarkeit erreicht: Im Raum breitet sich mit steigendem Alkoholpegel eine grölende Leutseligkeit aus, die Angst macht. Gerade dann rückt Konrad Adam damit heraus, dass „deutsche“ Werte in die „barbarischen Kriegsgebiete“ gebracht werden sollen. Wir halten es nicht mehr länger dort aus.

Umso mehr freut es uns doch hin und wieder Rufe der Missachtung von draußen zu hören. Wir sollten uns bei den „Berufsdemonstranten“ für unsere vermasselte Zukunft bedanken, den Träumern und Narren, wettert Junge. Und wir bedanken uns: Für all diese Träumer und Narren, die uns bei den Schreckenspositionen der AfD ein Gefühl von Sicherheit geben.

Clara und Marlen

Über Clara und Marlen

Clara und Marlen sind Noch-Studentinnen, mal politikverdrossen, mal proaktiv. Am liebsten würden sie die Bretter vor den Köpfen der Rechten anmalen und einen großen Spielplatz damit bauen.

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