Mit Jesus gegen blaue Kraken

Aufkleber gegen Abtreibung

Zack, schon hat sie der Staat im Griff: So polemisieren radikale Christen. David Adler | CC BY-NC-SA

„Kinder als Staatseigentum?“ So titelt ein Aufkleber, der jüngst in Mainz verbreitet wurde. In Form einer Kinderzeichnung ist abgebildet, wie ein Kind durch einen blauen Kraken mit der Aufschrift „Staat“ von den Eltern weggerissen wird. Der Aufkleber verrät erst einmal nicht viel. So könnten sich Anarchistinnen gegen die Vereinnahmung der Menschen in ideologischen Staatsapparaten, besonders in der Schule wehren. Die sehr altbackene Kleidung der Eltern lässt jedoch erahnen, dass die Kritik hier aus einer sehr viel konservativeren Ecke kommt.

Hinter dem Aufkleber steckt, so erfährt man auf der angegebenen Homepage, Johannes Lerle. Der radikale protestantische Christ ist kein Unbekannter. Sein Kampf gegen Abtreibende, den Antichrist und seinen vermeintlichen säkularen Vollstreckerstaat kostete ihn gleich mehrere Verurteilungen. Ein Spiegelartikel aus dem Jahr 1999 zitiert eines seiner Flugblätter gegen einen Nürnberger Arzt, der Abtreibungen durchführte: „Seine Opfer werden zu Tode gequält und in Stücke gerissen – eine Horrorvision des Grauens, schlimmer als im KZ“.

Vor Gericht wurde dies nicht nur als Beleidigung, sondern auch als Relativierung der NS-Verbrechen aufgefasst. Angespornt durch solche Verurteilungen ging Lerle in Schriften wie „War Jesus Christus ein Volksverhetzer?“ nun ganz dazu über, die Shoa zu leugnen.

Dies verlieh ihm vermutlich auch die zweifelhafte Qualifikation dafür, als Autor für das christlich-menschenfeindliche Internetportal kreuz.net tätig zu werden. Hier konnte er bis zu dessen Ende 2012 hetzen. In der Gesellschaft homophober, sexistischer Antisemitinnen und Rassisten, die etwa den britischen Holocaustleugner Richard Williamson als „Heldenbischof“ feierten, hat sich Lerle sicherlich wohl gefühlt.

„Die Heilige Schrift lehrt homeschooling“

Im Jahr 2012 wurde Lerle schließlich in Lübeck festgenommen, nachdem er in den vorigen fünf Jahren untergetaucht und so der Strafverfolgung entgangen war. 16 Monate Haft später scheint er aber neue Fahrt zu gewinnen und zieht dabei besonders gegen die Schulpflicht zu Felde. Denn in der Schule werden die Kinder ja durch Sexualunterricht, Geschichtsunterricht und dergleichen verdorben. Auf seiner Homepage verweist er dementsprechend auf einen Artikel von Thomas Schaum mit dem schönen Titel „Die Heilige Schrift lehrt ‚homeschooling‘“.

Dort listet er auch in einem undatierten, aber wohl Ende vergangenen Jahres entstandenen Artikel all die Furchtbarkeiten des antichristlichen Schulsystems auf: etwa, dass doch in einer siebten Klasse tatsächlich Ottfried Preuslers unchristliches Kinderbuch Krabat auszugsweise gelesen wurde! Die offenbar große Nähe zu den Argumentationen gegen den Bildungsplan-Entwurf in Baden Würtemberg ist wohl kein Zufall. Sie deutet eher darauf hin, dass Lerle heute keinesfalls mehr der Einzelgänger und verschrobene Spinner ist, als den ihn frühere Zeitungsartikel darstellen.

Wie die Werbung für Lerles Seite in Mainz aufgetaucht ist, wäre in diesem Zusammenhang interessant. Es ist allerdings wohl klar, dass es nicht nur ein einmaliger Ausflug Lerles selbst nach Mainz war, der seine Spuren hinterlassen hat. Aufkleber, mit denen die Staatseigentum-Aufkleber überklebt wurden, sind zum Teil unmittelbar wieder entfernt worden.

David Adler

Über David Adler

David Adler studierte von 2006 bis 2013 in Mainz Soziologie, Philosophie und Politikwissenschaft. Inzwischen wohnhaft im hohen Norden ist er heute noch regelmäßiger Besucher in Mainz. Auf seinem Blog Per[spektiv[brocken versucht er sich in philosophischen Impressionen und engagiertem Denken.

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