Gegen das Vergessen

Gedenkstunde

Gedenkstunde zur Deportation Mainzer Sinti und Roma. Willfried Jaspers | CC BY

Sie wurde 58 Jahre zu spät und nur aufgrund der Initiative der Mainzerin Hildegard Coester errichtet – die Stele zum Gedenken an die deportierten Mainzer Sinti und Roma vor dem städtischen Altenheim in der Altenauer Gasse. Es war wieder Frau Coester, die im zweiten Jahr nach deren Einweihung  am 16. Mai, dem Jahrestag der Deportation, eine Gedenkstunde organisierte. Etwa 20 Menschen hatten sich am frühen Nachmittag Zeit genommen, um vor dem Altenheim der Ermordung der verschleppten MainzerInnen zu gedenken. Frau Coester fand kaum Worte angesichts der Verbrechen; sie las die Namen der Familien der ermordeten Sinti und Roma vor und ließ für jede eine weiße Rose vor die Stele legen. Der Flamenco-Gitarrist Manolo Lohnes untermalte die Feierstunde mit getragenen Liedern.

Auf der Tafel wird an den Rassenwahn der Nationalsozialisten erinnert, der auch vor den in Mainz lebenden Sinti nicht haltmachte. Am 16. Mai 1940 wurden 107 Mainzer Sinti in das damals von deutschen Truppen besetzte Polen deportiert, darunter 61 Säuglinge, Kinder und Jugendliche. Dort mussten die als „rassisch minderwertig“ diffamierten Sinti Zwangsarbeit leisten. Viele von ihnen starben vor Erschöpfung und Hunger, wurden erschossen oder in den Gaskammern des sogenannten Zigeunerlagers Ausschwitz-Birkenau ermordet. Nur wenige Mainzer Sinti überlebten den Terror der NS-Diktatur. So wichtig und richtig die Zeilen auf der Stele für das Andenken an die Ermordeten sind, so wäre doch zusätzlich die Annerkennung einer Mitschuld ein angemessenes Zeichen dafür gewesen, dass die wieder in Mainz lebenden Sinti und Roma willkommen sind.

Der Kampf gegen das Vergessen

Es war der „Zug der Erinnerung“, durch den Hildegard Coester auf das Schicksal der Mainzer Sinti und Roma aufmerksam wurde.  Dieser hatte 1990 auf Bahnhöfen in der Bundesrepublik, auch in Mainz, über die Beteiligung der Deutschen Reichsbahn an den Deportationen erinnert. „Das ließ mich nicht mehr los. Ich musste etwas tun!“ erzählt Frau Coester im Anschluss der Gedenkstunde. Es folgte eine aufwendige Recherche, um die Wohnorte anhand der Namen der Verschleppten zu ermitteln. Zudem sei es ein langer Kampf gewesen, bis die Stele unter Mitwirkung des Ortsbeirates Mainz-Altstadt aufgestellt werden konnte.

Aber nicht an den Stellen, fügt Frau Coester sichtlich erregt hinzu, wo einige der Sinti und Roma gewohnt hätten, denn keiner der jetzigen Besitzer der Häuser habe der Errichtung eines Mahnmals zugestimmt. Zum tatsächlichen Bau konnte es nur kommen, weil die Stadt einen Platz vor dem Altenheim zur Verfügung stellte. Allein weil es das einzige ist, was ich noch als Wiedergutmachung leisten kann, würde ich eine Gedenktafel vor meinem Haus begrüßen. Die heutigen Eigentümer tragen natürlich keine Schuld mehr an der nachfolgenden Enteignung dieser Häuser, aber Verantwortung dafür, dass sich die Geschichte nicht wiederholt, hat jeder Mensch.

Wenig Unterstützung durch die Stadt

Zur Einweihung 2013 konnte OB Michael Ebling selbstverständlich nicht fehlen. Ganz anders sieht es schon ein Jahr später aus. Immerhin vertritt ihn diesmal noch die Ortsvorsteherin der Altstadt – ich ahne aber schon, wie sich das in den nächsten Jahren weiterentwickeln könnte. Die Homepage der Landeshauptstadt beschreibt zwar das Leid der Deportierten und erwähnt, dass sie Mainzer BürgerInnen waren. Jedoch findet selbst hier die Mitschuld der damaligen Stadtbevölkerung keine Erwähnung, was für die letztliche Aufarbeitung unzureichend ist. Die Stadt Mainz verharrt im  „unfassbaren Entsetzen“.

Deutlicher beklagt Frau Coester die fehlende Zivilcourage der MainzerInnen damals: Die Mainzer Sinti und Roma seien „vor den Augen und wohl vielfach auch mit Zustimmung der Öffentlichkeit aus dem Leben unserer Stadt gerissen“ worden. Frau Coester hält uns mit ihrem ausdauernden Engagement einen Spiegel vor. An das vergessene Schicksal der Sinti und Roma und die dafür Verantwortlichen zu erinnern, bleibt immer aktuell. Denn wieder läuft gegen diese Volksgruppe unter dem Stichwort „Armutseinwanderung“ eine Diffamierungskampagne. Sie sollen damit von der europaweiten Bewegungsfreiheit  ausgeschlossen werden.

Willfried Jaspers

Über Willfried Jaspers

Schon seit vielen Jahren erstellt und veröffentlicht Willfried Videos als Quer-TV für Initiativen und Gruppen im linksalternativen Spektrum, um ihnen ein Sprachrohr für ihr Anliegen anzubieten, vorrangig zu lokalen Themen. Bei der Zwischenzeit arbeitet er unter anderem am Ausbau der Videoproduktion und organisiert dazu Workshops.

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