Gentrifizierung am Konsumtunnel

Räumungsverkauf - Wir ziehen um! Schaufensterbeschriftung in einem Laden.

So sieht er aus: Der Ausverkauf der Stadt an private Investoren. Gayatri Red | CC BY-NC-SA

Gegenüber der Römerpassage in der Mainzer Einkaufsmeile hat ein Trödelladen ein Schild aufgehängt: „Räumungsverkauf. Wir ziehen um!“ Der Trödelladen gehört zu einem von zwei verbleibenden Mieter_innen in dem Häuserblock, der direkt am Eingang zur Altstadt liegt. Der andere Mieter ist Sprungbrett e.V., ein Verein für sozialpädagogische Dienste, der Menschen in schwierigen Situationen in betreutem Wohnen unterbringt.

„Das alles steht sieben oder acht Jahre leer.“, erzählt Peter Giedt, der im Trödelladen arbeitet. Nachdem die Mainzer Aufbaugesellschaft (MAG) die Häuser Ende 2013 verkauft hat, wurden nur noch befristete Mietverträge abgeschlossen. Die drei Häuser mit ihren rund 50 Wohnungen sollen saniert und teuer vermietet werden. Der Investor, Gerüchten zufolge Gemünden Bau, sei bekannt dafür, Häuser günstig einzukaufen, kernzusanieren und teuer weiterzuverkaufen. „Das sind Spekulanten, Heuschrecken,“ urteilt Peter. Er findet, dass die Sanierung den falschen Leuten hilft.

„Ohne Klüngel geht gar nichts.“

„Mainz zählt mittlerweile zu den teuersten Städten. Es wäre besser gewesen, günstige Wohnungen für Studenten anstelle von mehr Luxuswohnungen zu bauen.“ Die Stadt habe selbst entscheiden können, was mit den Häusern geschieht und die Privatisierung gewählt. Peter wirkt nicht überrascht: „Deutschland ist einer der korruptesten Staaten der Welt. Ohne Klüngel geht gar nichts hier, so ist die Politik eben.“

Im Hinterhaus treffen wir Daniel, dem ein Zimmer von Sprungbrett e.V. vermittelt wurde. Im Treppenhaus gibt es keine Tapeten, von den Wänden bröckelt der Putz. Wir gehen hinauf zu seinem Zimmer. Es gibt in jedem Flur sieben Räume, eine Dusche und zwei Klos. Außerdem einen Büroraum für die Sozialpädagog_innen, die die Bewohner_innen betreuen. Auf dem Flur hängt ein Schild: „Bei nicht gemachtem Putzdienst 20€ Abzug/Putzen!!!“ Das Haus macht einen verwahrlosten Eindruck.

„Das ist hier einfach eine Bruchbude,“ sagt Daniel. Laut der MAG waren die „Veräußerungsabsichten“ Sprungbrett e.V. schon 2009 bekannt. Trotzdem weiß Daniel nur von Gerüchten, dass bald ein Umzug ansteht. Der Verein will sich gegenüber dieser Zeitung nicht äußern; telefonisch erreichen wir nur eine Praktikantin, die uns zu der Zukunft für die Bewohner_innen keine Auskunft geben kann.

„Die Stadt ist der Ort, wo sich verschiedene Menschen gegenseitig helfen.“

„Einige der Bewohner haben eine Familie, die Sie aufnehmen könnten. Für die anderen wird’s hart,“ schätzt Daniel die Lage ein. Er hat zwei verschiedene Jobs, kann sich aber trotzdem keine reguläre Wohnung leisten. Den Verkauf der Häuser erklärt er sich durch den Bodenwert der Immobilie: „Die Investoren wissen, dass die das Zehnfache verdienen können. Das ist ein Schmuckstück hier, diese Lage.“ Er selbst hatte seit Ende letzten Jahres keine Wohnung und lebt seit dem Frühjahr in der Adolf-Kolping-Straße.

Von dem Verein fühlte er sich anfangs wenig unterstützt. Als er die Wände in seinem Zimmer streichen wollte, musste er die Farbe selbst kaufen. Erst nach langen Diskussionen zahlte Sprungbrett e.V. endlich einen Teil der Kosten. Daniel ist trotzdem dankbar, dass er jetzt ein Zimmer hat. Die Verdrängung aus dem Stadtzentrum lehnt er ab: „Die Einrichtung sollte im Stadtzentrum bleiben.“ Denn die Stadt sei der Ort, wo „Menschen unterschiedlicher Herkunft“ zusammen kommen und sich gegenseitig helfen können. „Wenn Arme, Ausländer, Flüchtlinge oder Menschen mit Migrationshintergrund auch noch örtlich an den Rand gedrängt werden, fühlen sie sich nicht integriert.“ Gerade für Menschen, die es schwer haben, sei eine schöne Umgebung wichtig, findet Daniel. Damit „die Leute das Gefühl haben, dass es schön ist, nach Hause zu kommen.“

Dennis Firmansyah

Über Dennis Firmansyah

Dennis Firmansyah hat die Zwischenzeit 2013 mitbegründet und 2016 die Herausgeberschaft und Chefredaktion übernommen. Seine Themen sind Migrationspolitik, Recht auf Stadt und Regionalgeschichte. Neben der Zwischenzeit veröffentlicht er auch bei der Jungle World, Direkte Aktion und Graswurzel Revolution.

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