Graffiti gegen das System?

Meeting of Styles 2009 - MZ-Kastel Willfried Jaspers | CC BY-NC-SA

Zwischenzeit: In der Graffitiszene gibt es eine Diskussion über legales und illegales Malen. Worum geht’s da?

Manuel Gerullis: Es gibt einen Unterschied zwischen legalem und illegalem Malen. Manche machen beides. Die Leute, die legal malen, bekommen ihre Bekanntheit für ihre Produktionen. Wer legal malt, hat viel Zeit zur Verfügung. Als ich angefangen hab‘ zu malen, war das anders. Es gab keine legalen Flächen. Da musstest du dir deine Skills alle draußen erarbeiten, wo du schnell sein musst und Risiken auf dich nimmst. Ich glaube, das Subversive ist ein wesentlicher Bestandteil des Graffiti. Das hat sich das verändert, weil Graffitis als Kunstform mehr anerkannt werden. Das Subversive, das Illegale, Rebellische, Revolutionäre gehört einfach dazu. Die Szene hat sich Freiräume erkämpft. Kommunen geben jetzt viel mehr Flächen frei, wo Legalmaler_innen jetzt ihre Skills entwickeln können uns verdienen später Geld. Das sind oft Max Mustermänner. Leute, die illegal malen, sind eher anarchistisch drauf, es sind Revolutionäre, die sagen: „Der Zug gehört uns, deshalb können wir ihn auch bemalen.“ Wenn sie dabei erwischt werden, bestärkt sie das eigentlich nur in ihrem Anderssein.

Welche Rolle spielt Konkurrenz in der Szene?

Du gewinnst Fame, wenn dein Name überall auf den Wänden ist und an Zügen, Bussen und Straßenbahnen durch die Stadt fährt. Dann bist du „allcity“. Aber Fame ist ein falscher Gott. Das ist wie ein Statussymbol, ‘ne dicke Karre. Der wahre Fame sollte sein, seine Kreativität auszuleben um die Stadt zu beleben. Street Art ist da weit vorne, weil diese Kunstform die Stadt und ihre Architektur und besonderen Formen und Flächen miteinbezieht. Bei Street Art geht es nicht nur um Sprayen, sondern auch um Sticker oder Stencil, die auf Ampeln, Straßenschilder, Traffokästen, Zugtüren oder Bussitzen angebracht werden.

Wie hat sich deine persönliche Einstellung zum Ruhm geändert?

Mir persönlich ging’s irgendwann nicht mehr darum, Fame zu sammeln. Vielen Graffiti Artists gehts im Leben nicht um die dicke Karre, die sind nicht materialistisch drauf. Der Mainstream da draußen ist in einer konsumptiven Haltung: „Kauf dich glücklich“. Nach diesem Motto handeln viele Leute. In der Graffitiszene findest du das nicht in der Form. Dort wollen Leute Freiheit und Glück leben, nicht kaufen. Ich denke da oft an Erich Fromms Buch „Haben oder Sein“. Darin zitiert er einen Satz von Karl Marx: „Je weniger du bist, je weniger du dein Leben äußerst, um so mehr hast du, um so größer ist dein entäußertes Leben.“ Nach Fame zu streben war mir irgendwann zu sehr in dieser Logik des Habens. Es geht darum, zu sein – was zu machen, dich auszudrücken, intensive Momente zu erleben. Ich hab‘ mir irgendwann gesagt, dass ich lieber die Welt verändern will.

Dennis Firmansyah

Über Dennis Firmansyah

Dennis Firmansyah hat die Zwischenzeit 2013 mitbegründet und 2016 die Herausgeberschaft und Chefredaktion übernommen. Seine Themen sind Migrationspolitik, Recht auf Stadt und Regionalgeschichte. Neben der Zwischenzeit veröffentlicht er auch bei der Jungle World, Direkte Aktion und Graswurzel Revolution.

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