Die Grenze des Todes

Tödliche Grenze: Flüchtende auf dem Weg in die EU sind hier nicht zu sehen. Redaktion | CC BY-NC-SA

Ende vergangenen Jahres sind wir nach Bulgarien aufgebrochen: Eine Gruppe von mehr als 20 Leuten, mehrere Fahrzeuge, medizinische Ausrüstung, Spenden mit warmer Kleidung. Wir hatten uns vorgenommen, Flüchtende auf ihrem Weg über die sogenannte „Balkan-Route“ nach Europa zu unterstützen. Obwohl viele Medien über die Lebensgefahr und unmenschliche Behandlung auf dem Weg durch Bulgarien berichten und einige von uns bereits an der bulgarisch-serbischen Grenze gewesen waren, hatten wir doch keine Informationen aus erster Hand über die Situation an der türkisch-bulgarischen Grenze. So stellte sich unser ursprünglicher Plan, Flüchtende solidarisch mit Essen und medizinischer Erstversorgung unterstützen zu können, schnell als unmöglich heraus.

Zunächst brachten wir die Standorte von geschlossenen und „offenen“ Internierungs-Lagern im Süden Bulgariens in Erfahrung. Doch der Zugang zu allen Camps wurde uns verwehrt. Die Reisegruppe teilte sich daher: Ein Teil brach auf, um direkte Hilfe für Geflüchtete in Thessaloniki, Skopje, Dimitrovgrad und den griechischen Inseln zu leisten. Wir beschlossen zu fünft, die Flüchtenden direkt an den Abschnitten der türkisch-bulgarischen Grenze zu treffen, die noch nicht lückenlos kontrolliert werden. Wir wollten verstehen, was in diesem Abschnitt der „Balkan-Route“ passiert und wie den Flüchtenden dort direkt geholfen werden könnte. Doch entlang dieser Grenze trafen wir keine*n einzige*n Flüchtende*n. Warum ist die Grenzen so ausgestorben?

Die Grenze – ein militärisches Sperrgebiet

Die Grenze zwischen der Türkei und Bulgarien ist ein etwa 300 Kilometer langer Abschnitt der EU-Außengrenze – gesichert und bewacht durch bulgarische Grenzpolizei und türkisches Militär. Es gibt drei offizielle Übergänge. Im westlichen Teil, nur wenige Kilometer entfernt von Svilengrad, dem größten Grenzübergang zur Türkei, wird die Festung Europa buchstäblich greifbar: Die Grenze manifestiert sich dort als eine Sandwich-Konstruktion bestehend aus zwei Stahlgitter-Wänden mit einem unüberwindbaren Y-förmigen Aufbau, Nato-Draht mit rasiermesserscharfen Klingen darauf – auf beiden Seiten des Zauns und auch zwischen den beiden Gitterwänden.

Dieser Zaun ist alle 50 Meter mit Kameramasten ausgestattet, die beide Richtungen entlang des Zaunes überblicken. Zusätzlich gibt es in Abständen einiger hundert Meter größere Kameratürme, die offenbar mit Wärmebildkameras ausgestattet sind. Wie wir bald selbst erlebten, reagiert die Grenzpolizei Tag und Nacht in weniger als einer Viertelstunde auf jede verdächtige Bewegungen am Zaun. Zusätzlich überwachen bis 50 Kilometer ins Hinterland hinein weitere, noch größere Kameratürme, Wachtürme und Polizeistreifen in Geländewagen die Straßenkreuzungen und offenen Felder. Dieses Gebiet zu passieren, ohne von der bulgarischen Grenzpolizei gefasst zu werden, ist fast unmöglich. In unregelmäßigen Abständen zu dieser Konstruktion verläuft streckenweise parallel der alte Grenzzaun aus Betonpfeilern und herkömmlichem Stacheldraht.

Wo sind die Flüchtenden?

Das also ist die neue Grenze. An ihr wird seit zwei Jahren gebaut, um einen sicheren Grenzübertritt für diejenigen unmöglich zu machen, die nicht das Privileg haben, den Schutz und Wohlstand Europas genießen zu dürfen. Das ist nichts Neues: Europa schottet sich ab. Aber noch ist die Befestigungsanlage nicht lückenlos. Es gibt Orte, an denen noch Löcher in der Konstruktion bestehen, Pfade durch die Waldgebiete, die von der türkischen und der bulgarischen Seite erreichbar sind. Aber wo sind die Menschen, die es schaffen, diese Wege zu gehen, ungesehen von Militär und Grenzpolizei?

Wir finden auf unseren Streifzügen durch bulgarisches Grenzgebiet Wasserflaschen aus der Türkei. Dorfbewohner berichten uns, dass Flüchtende „Tag und Nacht hindurch kommen“. Eines Nachts hören wir zur Gebetsstunde im Wald an der Grenze leise arabische Gesänge. Wir finden Spuren, Kleidungsstücke hängen am Zaun im Nato-Draht, Gerüchte in den Dorfschänken. Im Flur eines Grenzpolizeipostens kleben mehrsprachige Informationsblätter zu den Rechten der Flüchtenden neben Fotos von Polizei-Hundestaffeln. In Dimitrovgrad, einem Lager an der bulgarisch-serbischen Grenze, berichtet uns ein Flüchtender über seinen Weg über die türkisch-bulgarische Grenze: Von den Strapazen nächtelanger Märsche, der Kälte, der Erschöpfung. Den Leichen derer, die es nicht schaffen.

Unsichtbarkeit verhindert Solidarität

Diejenigen, die hier entlang reisen, werden unsichtbar gemacht, reduziert zu Geflüster und Gerüchten. Sichtbarkeit ist eine Bedrohung bei der Überwindung der Grenze: Entdeckt zu werden von einer Kamera, einem Grenzpolizisten oder auch nur einem*r Dorfbewohner*in könnte das sofortige Ende der Reise bedeuten. Die Sichtbarkeit der Flüchtenden beschränkt sich daher auf die weißen Kleinbusse mit getönten Scheiben, in denen sie vom Grenzgebiet zu Polizeistationen und Internierungslagern verfrachtet werden. Bis auf das ganz östliche Grenzland, das durch das sumpfige, „Dschungel“ genannte Flussdelta unpassierbar ist, wird die gesamte Grenze durch Polizeistreifen kontrolliert.

Es ist, als ob die Festung Europa hier die Existenz der Flüchtenden ausradiert. Doch wie soll mensch einer Person helfen, deren Existenz nicht zugelassen wird? Unser Vorhaben, Unterstützung und Solidarität mit Flüchtenden zu üben, die diese Grenze passieren, ist an den fehlenden Orten der Begegnungen gescheitert, die Hilfe erst ermöglichen. Mehr noch hätte jeder Versuch, Hilfe zu leisten, die Flüchtenden aus der Unsichtbarkeit zu holen und auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen, ihren gefährlichen Weg noch mehr zu einem Wagnis werden lassen.

Was bleibt: das brutale Europa zu enttarnen

Grenzen sind weit entfernte, kaum besiedelte und von unserem Alltag getrennte Gebiete. Und doch definieren sie das Leben in der Festung: An ihnen wird grausam entschieden, wer draußen bleiben muss und wer hinein darf. Wie sollen wir Solidarität üben mit Menschen, die nicht die Macht dieser Festung über ihr Leben akzeptieren wollen, wenn wir nicht den Sicherheitsapparat selbst angreifen, der uns so brutal privilegiert? Um Flüchtende auf ihrer Reise zu unterstützen, wenn wir das Sterben an den Grenzen nicht akzeptieren wollen, müssen wir erst die Widrigkeiten und Hindernisse auf ihrem Weg kennen. Wir müssen die Mechanismen dieser Festung verstehen, um sie öffentlich zu machen und gegen sie vorgehen zu können.

Unsere Reise entlang der türkisch-bulgarischen Grenze war ein Versuch, dieses Verständnis zu leisten. Dabei haben wir Kontakte zu gleichgesinnten Menschen in Bulgarien geknüpft und Informationen über den Grenzverlauf gesammelt. Nun hoffen wir, dass wir recht bald gemeinsam einladen können zu zukünftigen Aktionen an den Grenzen und gegen die Grenzen. Bislang wissen die Menschen in Europa kaum, was dort geschieht oder wo unsere Regierungen deren Ausbau finanzieren. Vor uns liegt die politische Aufgabe, Europa als das zu enttarnen, was es ist: Ein brutaler Apparat der Kontrolle und Unterdrückung.

Dieser Text ist eine gekürzte Version des Originalberichts der Reisegruppe 4. Den Volltext findet ihr auf dem Blog der Gruppe.

Reisegruppe 4

Über Reisegruppe 4

Die Reisegruppe IV ist Ende des Jahres 2015 als Balkan-Konvoi aufgebrochen, um Flüchtenden an den Grenzen der Festung Europa solidarische Hilfe zukommen zu lassen. Beteiligt waren über 30 Menschen aus unterschiedlichen Städten, die sich auf verschiedene Punkte entlang der sogenannten "Balkanroute" aufgeteilt haben. Auf dem Blog der Reisegruppe findet ihr Berichte von der Situation an den EU-Außengrenzen.

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