Großdemo gegen Rechtsaußen

Verpiss dich, Marine! Im Hintergrund die Rhein-Mosel-Halle. Zwischenzeit | CC BY-NC-SA

Tausende Demonstrant*innen sind auf den Bahnhofsplatz in Koblenz zusammengekommen. Sie wollen es nicht hinnehmen, dass nur wenige Kilometer weiter in der Rhein-Mosel-Halle die rechtsradikale Europa-Fraktion ENF tagt. Zu den Gästen der Veranstaltung zählen bekannte Größen der europäischen Rechtsradikalen wie Geert Wilders, Marine Le Pen, Frauke Petry oder Marcus Pretzell. Sie wollen die Verbreitung ihrer rechtsradikalen, faschistoiden Ideologien in den kommenden Wahlkämpfen koordinieren. Dagegen hatte es bereits am Morgen Sitzblockaden gegeben. Allerdings hatte die Polizei Absperrungen errichtet, so dass der Eingang von den Rechtsradikalen ungehindert genutzt werden konnte.

Sigmar Gabriel muss gehen

Bevor sich die Demonstration in Bewegung setzt, kommt es kurz zu Aufregung, als SPD-Chef Sigmar Gabriel aus einem schwarzen Audi steigt. Er will zur Versammlung. Kameras klackern, die Presse läuft auf ihn zu. Einer der umherstehenden Demonstranten ruft Gabriel zu, dass Antifaschismus und Waffenexporte nicht gut zusammen passen. Ein anderer fragt, wie die Verschärfung des Asylrechts mit seiner Teilnahme an der Demo gegen Asylgegner*innen vereinbar ist. Die Menge macht ihrem Unmut Luft. Die Polizei schreitet ein und führt Gabriel aus der Demonstration heraus. Es gibt kein Durchkommen für ihn.

Entsetzen über die Verbrechen des Faschismus

Viele Fahnen wehen über den Köpfen der Demo. VVN-BdA steht auf einer, es ist die Organisation der Verfolgten des Faschismus. „Ich finde es katastrophal, dass Résistancegründer und Antifaschistinnen vom Verfassungsschutz beobachtet werden, weil sie sich auf den Schwur von Buchenwald berufen“, sagt Sascha. Er trägt die Fahne. Walter begleitet Sascha auf der Demo. Er ist 1973 zum VVN-BdA gestoßen, „Ich habe mich mit vielen Leuten unterhalten, die verfolgt wurden.“ Das Entsetzen über die Verbrechen, aber auch die Entschlossenheit, Faschismus nie wieder zuzulassen, hat Walter dazu bewogen, aktiv zu werden.

„Das erinnert mich an 1933“

Ein paar Meter weiter hat sich die Sinti-Initiative Koblenz versammelt. Gina erzählt uns, dass ihre Familie von den Nazis deportiert wurde. Ihre Tanten und Onkel wurden ermordet. Die Großeltern wurden nach Auschwitz gebracht und überlebten den Faschismus nur knapp. Gina organisiert Gedenkveranstaltungen am 10. März, dem Jahrestag der Deportation der Sinti aus Koblenz. Die Verbrechen der Nazis sollen nicht in Vergessenheit geraten. Doch auch in der aktuellen Politik gilt es, genau hinzusehen. „Die Entwicklungen heute erinnern mich an 1933. Man denke nur an die Sammelabschiebungen von Roma und Sinti, an den Hass, die Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte.“

Es geht darum, den aktuellen Entwicklungen gegenüber wachsam zu sein. Das sieht auch Walter vom VVN-BdA so: „Wir sind nicht mehr bei ‚Wehret den Anfängen‘, wir sind schon eine Stufe weiter.“ Die Demo setzt sich in Bewegung, Ältere, Junge, Gewerkschafter*innen, Studierende, Parteianhänger*innen und Anarch@s laufen zusammen.

Von einem Fenster winkt eine ältere Dame mit roten Handschuhen, ein paar Häuserblocks weiter hält jemand eine schwarze Fahne mit einem Totenkopf darauf aus dem Fenster im zweiten Stock. Zu dem schwarz gekleideten hinteren Teil der Demo gesellt sich ein Paar mit Kleinkind dazu, das Anti-AfD Aufkleber auf der Mütze hat. „Damit es von Anfang an gute Gesellschaft hat“, ruft der Vater. Die Vielfalt der Demo bringt zum Ausdruck, dass viele in einer freien Gesellschaft leben wollen. Und Freiheit, so wissen es die Sprechchöre in Frankfurt, Koblenz, Mainz, Trier, Wiesbaden und überall sonst, ist eine kämpfende Bewegung. Also egal ob Blockadeversuch, Latsch-Demo, direkte Aktion oder Kerzen-Symbolismus – Hauptsache, wir wehren uns.

Dennis Firmansyah

Über Dennis Firmansyah

Dennis Firmansyah hat die Zwischenzeit 2013 mitbegründet und 2016 die Herausgeberschaft und Chefredaktion übernommen. Seine Themen sind Migrationspolitik, Recht auf Stadt und Regionalgeschichte. Neben der Zwischenzeit veröffentlicht er auch bei der Jungle World, Direkte Aktion und Graswurzel Revolution.

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