Häuser besetzen, sowieso!

Transparente an der OA7

Für selbstverwaltete Freiräume: Transparente markieren die OA7 als besetztes Haus. OA7 | CC BY-NC-SA

Ein Raum frei von Sexismus und Rassismus, Nationalismus und Homophobie, Kaufzwang und Verwertung, einen Ort, in dem nicht Unterdrückung unser Leben leitet, sondern eine solidarische Politik des Miteinanders und der Selbstbestimmung, des kreativen Schaffens und Wachsens – das klingt in den meisten Ohren wie eine Utopie. In Mainz scheint es einen solchen Ort nicht zu geben, vielleicht hat es ihn nie gegeben. Doch es gab und gibt Versuche, diese Utopie Realität werden zu lassen. Einer davon ist die Hausbesetzung in der Oberen Austraße 7, deren Räumung sich gestern zum zweiten Mal jährte. Wie begann dieses Projekt eigentlich, was sollte dort genau erreicht werden und wie gestaltete sich das Leben dort?

Am 3. August 2012 zog zunächst nur eine Nachttanzdemo durch die Mainzer Innenstadt. Anlass zum Protest gaben vor allem die Wohnungsnot in Mainz, steigende Mieten und der Mangel an selbstverwalteten Freiräumen wie dem Haus Mainusch. Dagegen sollte auf offener Straße protestiert, aber auch laut gefeiert und getanzt werden, denn schon darin liegt ein Akt der Wiederaneignung des öffentlichen Raums. Doch an diesem Abend blieb es nicht dabei. Schon bald machte ein Gerücht die Runde: Gerade sei ein Haus in Mainz besetzt worden! Kai, der dabei war, erinnert sich: „Nach dem wir davon gehört hatten, hat uns das sofort begeistert. In einer großen Gruppe von etwa 60 Menschen sind wir dann mit der S-Bahn vom Römischen Theater zum Nordbahnhof gefahren und von dort zum Haus gelaufen.“

Vor dem besagten Haus in der Oberen Austraße 7, im Mainzer Industriegebiet in der Nähe des Zollhafens, hatten sich schon einige Leute versammelt. Gemeinsam wurde auf der Straße musiziert, diskutiert und getanzt. Eine positive Spannung lag in der Luft. Die Polizei blieb auf Distanz. Bald entschloss sich die Delegation von der Nachttanzdemo, das Gebäude zu betreten. Und schon am nächsten Tag riss der Zulauf zu der Besetzung nicht mehr ab – das Bedürfnis nach solch einem Ort war groß. Das bestätigen auch andere Instandbesetzer_innen der OA7. „Oft haben wir darüber diskutiert und uns Gedanken gemacht, wie ein solcher Ort entstehen könnte. Und dann waren wir plötzlich mittendrin!“, so Phillip.

Vier fröhliche, anstrengende Wochen

Michaela, die ich zusammen mit Phillip interviewe, sieht das ganz ähnlich: „Ich war am Wochenende unterwegs und hab nur eine SMS bekommen, dass da ein Haus besetzt ist. Das war genau unser Wunsch, ein solches Freiraum-Projekt zu haben! Nachdem ich wieder zurück war, bin ich direkt hin und gleich für den nächsten Monat geblieben.“ Gemeinsam mit vielen anderen bestritten sie lange Plena, in denen über die Organisation der gemeinsamen Nutzung des Hauses entschieden wurde und beteiligten sich an der praktischen Arbeit vor Ort. Zu tun gab es vieles: Das in der Hand der Stadtwerke arg heruntergekommene Haus musste entmüllt, Wohnzimmer, Schlafräume und ein Kompostklo eingerichtet werden, ein Infozimmer bestückt und die Küfa (Küche für alle) bekocht werden. Auch trafen permanent Material- und Lebensmittelspenden aus der Bevölkerung ein, die es zu sortieren und zur Nutzung zu verteilen galt.

Nach einer Weile entstanden ein Werkzeug- und ein Lebensmittellager, um die Spendenflut noch produktiv nutzen zu können. Schnell begannen die Aktiven, ihren neu gewonnen Freiraum zu verzieren und zu verschönern. In dem Projekt sollten ja auch unkommerzielle Kunst und Kultur ein Zuhause finden. Sogar der Luxus einer improvisierten Solardusche hielt Einzug in das Haus – denn auch Besetzer_innen wollen irgendwann zwischen Barrikadenbau und Konsensworkshop mal duschen. Nicht zuletzt gehörte das riesige Veranstaltungsprogramm, dass die Besetzer_innen aufstellten, zu den größeren Gemeinschaftsleistungen des Projekts. In dem knappen Monat seines Bestehens gelang es dort, mehr als 100 verschiedene Programmpunkte zu organisieren, angefangen von Yoga-und Jonglageübungen über Lehrgänge zu Rebel-Clowning, Autorenlesungen, Vorträge oder feministische Workshops bis hin zu politischen Konzerten und Filmvorführungen.

Eine solche Leistung wäre wohl nicht möglich gewesen ohne die weitestgehend hierarchiefreie, dezentrale Organisation der Besetzer_innen. Anna, die fast den ganzen August im Haus verbracht hat, hebt das besonders hervor: „Es war immer sehr leicht und ohne Hürden möglich, sich selbst mit eigenen Ideen und Arbeiten in das Projekt einzubringen. Das ist so zu einem ganzen Teppich von Aktionen geworden.“ Doch nicht immer lief alles glatt und es kam zu vereinzelten Konflikten. So gab es Klagen über das manchmal akademische Auftreten einiger Besetzer_innen, mit dem sie sich Gehör verschafften. Auch sorgte die „T-Shirt-Debatte“, wie sie schnell genannt wurde, für viel Gesprächsstoff: Einige Frauen fühlten sich dadurch angegriffen, dass ein paar der männlichen Anwesenden unter demonstrativer Zurschaustellung ihrer Muskelmasse oberkörperfrei Kampfsporttrainings abhielten. Der vorgebrachte Begründung dafür ist, dass diese Freizügigkeit schlicht ein Privileg ist, das Frauen in der Regel nicht zugestanden wird.

Die Räumung ließ sich nicht abwenden

Nach einiger Zeit kam zur Grundstimmung im Haus, die viele der ehemaligen Besetzer_innen als euphorisch beschreiben, eine angespannte Nervosität hinzu. Schließlich war nicht sicher, wie lange das Projekt bestehen würde. Wiederholt versuchte die Mainzer Stadtverwaltung, die Hausbesetzung zu delegitimieren. Dabei wurden überwiegend angebliche hygienische und bauliche Mängel vorgeschoben, um das Projekt in die Illegalität zu drängen und ihm die Solidarität der Bevölkerung zu entziehen. Zwar konnten die Vorwürfe alle medienwirksam entkräftet werden: Dixie-Toiletten ersetzten nach einiger Zeit die Kompostklos, es wurde fließend Wasser in das Haus gelegt und ein hinzugezogener Architekt bestätigte, dass das Mauerwerk definitiv nicht einsturzgefährdet war. Doch die permanenten Verhandlungen mit Stadtwerken und Stadt, die sich stur stellten, ließen eine dauerhafte Etablierung des Projekts in immer weitere Ferne rücken.

Schließlich kam es wie es kommen musste und die Räumung stand vor der Tür der OA7. 500 Polizist_innen samt einem Sondereinsatzkommando, Räumfahrzeug, Hebebühne und Helikopter hatte die Staatsgewalt am 28.8. aufgeboten, um das Hausprojekt zu erobern. Dass es dabei nie um mehr als die Durchsetzung der Eigentumsideologie ging, bewies die Stadtverwaltung durch den noch am gleichen Tag folgenden Abriss des Hauses. Bis jetzt ist das Gelände leer und unbebaut. Zu erwähnen, wie unverhältnismäßig der Polizeieinsatz gegen die 50 Besetzer_innen und Unterstützer_innen war, ist kaum der Rede wert. Knapp 100.000 Euro ließ sich die Stadtverwaltung ihre martialische Machtdemonstration kosten – eine absurd hohe Summe angesichts der überschaubaren Personenzahl und der Ankündigung aus dem Haus, lediglich friedlichen Widerstand gegen die Räumung zu leisten. Gegen den Versuch, die Ausgaben auf die Geräumten abzuwälzen und sie strafrechtlich zu belangen, haben diese sich erfolgreich zur Wehr gesetzt. Dennoch kostete es alle Betroffenen Kraft und Nerven, der staatlichen Repression im Anschluss an die Räumung zu begegnen.

Trotz Räumung nicht gescheitert

Die Solidarität der Betroffenen untereinander verhinderte, dass die Räumung für das Hausprojekt zu einem Fiasko wurde. Die gegenseitige Unterstützung bewahrte viele vor einer Vereinzelung durch die Justiz, wie Anna, deren Strafverfahren wegen Hausfriedensbruchs als erstes in einen Prozess mündete. Dank der gemeinsamen Vorbereitung auf die Verhandlung und den wertvollen Erfahrungen anderer Aktivist_innen bekam sie das Gefühl, die Kontrolle über ihre Situation zurückzugewinnen. Bei dem Prozess stand viel auf dem Spiel: Es ging nicht nur um sie – das Urteil sollte auch für alle nachfolgenden Verfahren Bedeutung haben. Für den Prozess selbst, den Richter und das Justizwesen findet Anna deutliche Worte: „Der Ausschluss der Öffentlichkeit war reine Schikane und eine Unterdrückungsmaßnahme. Da war es erstmal nicht leicht, sich von diesem ganzen Apparat nicht einschüchtern zu lassen.“  Doch zum Schluss war die ganze Mühe nicht umsonst und es gelang Anna und den anderen Betroffenen, eine Einstellung der Strafverfahren zu erreichen.

Ist die Hausbesetzung in der OA7 also gescheitert? Die meisten der ehemaligen Besetzer_innen sind sich sicher, dass das Projekt trotz der Räumung als voller Erfolg zu werten ist. Schließlich ging es nicht alleine darum, das Haus selbst nutzen zu können. Im Vordergrund standen vor allem die Erfahrungen, die die aktiven Menschen dort machen konnten, das Erlebnis, einen kollektiven Raum zu erschaffen und selbstbestimmt zu gestalten oder das Erproben neuer sozialer Beziehungen und Formen der Arbeit. Auch ist es gelungen, ein stadtpolitisches Fanal zu entfachen, dessen Erinnerung immer noch die Mainzer Kulturpolitik auf die eine oder andere Weise prägt. Berbel, die das Projekt ein paar Mal besucht hat, ist sich nicht ganz so sicher: „Es wurde zwar ein Zeichen gesetzt, aber wenn es nicht wieder ähnliche Aktionen gibt, wird die OA7 bald in Vergessenheit geraten.“

Nur ein Projekt ist nicht genug

Doch das wird wohl kaum passieren. In dem Projekt sind neue Freundschaften entstanden, viele Menschen haben dort begonnen, sich für selbstverwaltete Politik zu interessieren oder haben Bestätigung in ihren politischen Einstellungen gefunden. Genauso haben sich viele dort angesichts der offenbaren Unfähigkeit und Illegitimität der städtischen Kultur- und Wohnungspolitik in Mainz erst radikalisiert. Sie sind nun zu weitaus weniger Zugeständnissen an die herrschenden Verhältnissen bereit. Das verwundert nicht, hat doch die Stadtverwaltung demonstriert, dass emanzipatorische Politik nicht in oder mit ihren Institutionen zu machen ist, sondern abseits des Staates erkämpft werden muss.

Die meisten haben sich durch die Repression nach der Räumung von ihrem Aktivismus nicht entmutigen lassen. Neue Projekte wie die Zwischenzeit oder das Infocafé Cronopios sind entstanden, die ohne den Geist der OA7 nicht möglich gewesen wären. Und schließlich kann es jederzeit zu Neubesetzungen kommen wie vor einem halben Jahr in der Nackstraße geschehen – an dem starken Wunsch nach einem selbstverwalteten, diskriminierungsfreien Hausprojekt hat sich nichts geändert. Der Wille der Bewegung ist ungebrochen. Anna kommentiert ihr Engagement für die Besetzung: „Ich würde das jederzeit wieder tun!“

Jan Zombik

Über Jan Zombik

Jan Zombik macht gerne Journalismus: Für alle, für die Leute, für die Politik, für die Freiheit. Wenn er gerade nicht journaliert oder philosophiert, dann musiziert er vielleicht. Anzutreffen ist er in der Regel vor seinem Bildschirm, an dem er etwas schreibt. Wenn ihr Jan etwas gutes tun wollt, dann flößt ihm beruhigenden Rooibos-Erdbeer-Sahne-Tee ein oder spendet ein paar Eurönchen für die Zwischenzeit.

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