Hartzer Käse

Angeblich erwerbslos: Drei Couchpotatoes bei der Arbeit. Clemens Karman | CC BY-NC-SA

Der Staat kennt mich: Lange war ich für ihn Schüler, ganz kurz mal Arbeiter, und dann ganz lange Student. Doch das Studium ist nun vorbei. Ich fühle mich ernsthaft sehr erleichtert. Eine große Last ist von meinen Schultern gefallen. Endlich bin ich dieses verflixte Studium los! Zum Schluss kam es mir nur noch wie eine große Zeitverschwendung vor und hat mich depressiv gemacht. Jetzt aber kann das richtige Leben losgehen! In das richtige Leben bringe ich viel mit: Ich bin Webdesigner. Programmierer. Grafiker. Musiker. Layouter. Sysadmin. Philosoph. Aktivist. Journalist. So sehe ich das. Für den Staat bin ich gerade nur Eines: Erwerbslos.

Meine Karriere hat also nicht in irgendeinem furchtbaren Stahl-und-Glas-Palast, in einer hippen Agentur voller geiler Design-Holzmöbel und Hipsterzombies oder in einem Unibüro neben grauen Köpfen voll grauer Gedanken begonnen. Meine Karriere beginnt im Jobcenter, als Hartzer, und ich bejahe dieses Schicksal von ganzem Herzen. Wirklich, das ist mein voller Ernst: Ich habe ein staatliches Stipendium für politischen Aktivismus, mehr Geld als ich vorher von meinen Eltern bekommen habe und krieg sogar noch die Krankenversicherung bezahlt. Mehr Aufstieg ist nur (erfolgreicher) Bankräuber.

Hartzen mit Vorsprung

Ich weiß, dass das nicht alle Hartzer*innen so sehen. Schließlich kann ich mich auf einem ganz schön dicken Privilegien-Pölsterchen ausruhen: Ich bin jung, weiß, männlich gelesen, kinderlos und körperlich nicht beeinträchtigt. Zudem komme ich aus einer bürgerlich-akademischen Familie, habe selbst einen Abschluss von der Uni und lebe in einem sozialen Umfeld, das mir finanziell aus der Patsche helfen könnte, wenn es hart auf hart kommt. Zudem trete ich ziemlich selbstsicher auf und bilde mir ein, redegewandt zu sein. Ohnehin beziehe ich Hartz IV erst seit zwei Monaten. Diesen Umständen habe ich es vielleicht auch zu verdanken, dass ich meinen ersten Jobvermittler nur ein einziges Mal gesehen habe, bevor er mich an einen anderen Mitarbeiter durchgereicht hat.

Anderen geht es da nicht so gut – wie dem jungen Kollegen, den ich vor der Arbeitsagentur in der Saarstraße getroffen habe. Gerade hatte ich triumphierend den Laden verlassen, weil mein Sachbearbeiter angekündigt hatte, mich bis zum Frühjahr in Ruhe und meine Jobsuche mir selbst zu überlassen. Der Kollege hatte seinen Termin noch vor sich. Er erzählte mir: Eine Ausbildung zum Altenpfleger hatte er gemacht und auch eine Weile in diesem Beruf gearbeitet. Dann wurde er aus dem Job gemobbt. Seine Freundin aus dem Iran hat das Weite gesucht, weil sie vor allem für ein dauerhaftes Leben in Schland eine Beziehung eingegangen ist. Ein legitimes Anliegen – nur hatte der Kollege etwas andere Erwartungen. Nun war er schon seit drei Monaten ungemeldet erwerbslos und hatte Angst, auf dem Jobcenter drangsaliert zu werden. Auf seiner schlabbrigen Jogginghose stand in großen, unsichtbaren Lettern „Maßnahme!“ geschrieben.

Ich habe bisher keine Maßnahme verpasst bekommen: Weder sollte ich das Schreiben von Bewerbungen üben, noch irgendeine therapeutische Fortbildung machen. Nur Arbeit soll ich mir suchen. Am Besten in Eigenregie, weil beide mit mir betrauten Jobvermittler von meiner Biographie und meinen (Anti-)Qualifikationen überfordert waren. Das habe ich sogar gemacht. Vielleicht nicht mit der Energie, die sich ein Jobvermittler wünscht. Um ehrlich zu sein, habe ich meine Suche bisher nur sehr halbherzig und mit dem größten Widerwillen betrieben. Ich hasse den Kapitalismus, und ich hasse Lohnarbeit. Damit meine ich: Ich hasse es, für Leute zu arbeiten, die mit meiner Arbeit und ihren sinnfreien Produkten einen Haufen Geld machen, das kein Mensch verdienen sollte. Die einzige ernstzunehmende, längerfristige Lohnarbeit, die ich dumm genug war anzunehmen, weil mir viel Geld versprochen wurde, hat mich körperlich und psychisch krank gemacht.

Arbeit? Aber dann bitte solidarisch und selbstbestimmt.

Damit ihr mich nicht missversteht: Arbeiten will ich schon. Ich brauche sinnvolle Tätigkeiten, um mich nicht schlecht zu fühlen. Das geht so weit, dass ich mich regelmäßig so mit Projekten zuschaufele, dass ich bis in die Nacht daran sitze – seien das nun die Unterstützung von meinen Freund*innen, die als Geflüchtete nach Schland gekommen sind, meine journalistische Arbeit, ein Webdesign-Projekt oder ein Flyer-Layoutjob. Ich will mich also schon „produktiv in die Welt veräußern“, wie es die Marxist*innen sagen würden. Aber dann bitte solidarisch, selbstbestimmt und mit Freude an der Sache. Und, fast versteht es sich von selbst: Ich will mein Leben nicht nur mit Arbeit verbringen. So sehr ich sinnvolle Arbeit mag, so wenig habe ich einen Arbeitsfetisch. Deshalb mag ich es genauso, die Beine vom Hochbett und die Seele baumeln zu lassen, ein Buch zu lesen, zu schreiben, nette Menschen zu treffen, oder meine Energie in so gloriosen, wie zweckfreien Zeitvertreiben zu verausgaben.

Meistens lehne ich es ab, mich für meine Arbeit bezahlen zu lassen. Entweder, weil es mir das Gefühl geben würde, für das Geld zu arbeiten und nicht mehr, weil meine Tätigkeit Sinn macht und gebraucht wird. Oder, weil die Empfänger*innen meiner Werke meine Freund*innen oder arm oder beides sind. Aber ganz ohne Kohle geht es nun leider doch noch nicht: Von meiner Krankenversicherung habe ich mich noch nicht trennen können, und mein Vermieter, der Ausbeuter, will immer noch Geld von mir. Ab und an will ich auch was essen, was nicht aus dem Container kommt. Oder ich brauche mal ein neues Paar Schuhe und habe nicht den Mut, es einfach zu klauen. Oder ein Ersatzteil für mein geliebtes Fahrrad. Und so weiter. Die Hartz-Kohle ist dabei nützlich, weil sie mir Zukunftsängste nimmt, denn damit komme ich, ein bisschen Kreativität vorausgesetzt, ganz gut über die Runden. Im Moment zumindest.

Clemens Ovenspitz

Über Clemens Ovenspitz

Clemens: Ein eigentlich ganz netter Mittzwanziger, der nicht mehr und nicht weniger will, als die Welt verändern. Natürlich mit System. Und ohne das System, versteht sich. Auf dem Weg dahin hat er erst mal studiert, viel über sich und andere nachgedacht, an der einen oder anderen staatszersetzenden Aktion teilgenommen, Freund*innen gefunden und viel dazugelernt. Hier schreibt er über seine Erfahrungen mit dem Jobcenter.

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