Helau Leitkultur

Ein Schwellkopp in der Mainzer Fassenachts-Prozession.

Möglicherweise undeutsch: Vermummter Schwellkopp auf der Fassenacht. Nonchalente | CC BY-NC

In einem Zeitungsartikel fordert Bundesinnenminister De Maizière die deutsche Leitkultur – selbstverständlich in einem Axel-Springer-Medium. Darin wird er konkret, was den guten „Deutschen“ ausmacht: Deutsche nennen ihren Klarnamen und schütteln sich die Hand, sind leistungsbewusst und vor allem patriotisch. Ja, ihr habt richtig gelesen: Der deutsche Patriot ist nun wünschenswert, weil er aufgeklärt ist. Denn die Probleme mit dem Nationalismus, die den deutschen Michel davon abhielten, seine Nation zu lieben, sind „vorbei“. Da habt ihr gar nichts zu befürchten: Schließlich ist der Deutsche nicht nur volksbewusst, sondern auch kulturverwurzelt, gebildet und tolerant, so der Innenminister.

Also alles ganz harmlos? Auf Demonstrationen zeige ich mein Gesicht nicht, weil ich dann abgefilmt werde. Ich schüttele auch keine Hände, erst recht nicht den deutschen Spackos. Leistungsbewusst bin ich nicht. Ich habe schon gehartzt, obwohl ich hätte arbeiten können. Auch habe ich keinerlei Karriereambitionen und keine Lust, mich in Lohnarbeit ausbeuten zu lassen. Und patriotisch? My ass, digga. Dann bin ich wohl kein Deutscher. Und das ist auch gut so. Ein Trost bleibt, dass dann die Hälfte von Mainz auch nicht deutsch ist – die vermummt sich zur Fassenacht regelmäßig mit Begeisterung.

Doch meint der Innenminister wirklich mich? Egal was ich tue, und egal wie abfällig ich mich bisher über sämtliche von De Maizières deutschen Werte geäußert habe, nehmen mich meine Mitmenschen immer als deutsch wahr. Liegt es daran, dass ich weiß bin? Wenn ich mit diesem Gedanken im Hinterkopf die Thesen zur Leitkultur lese, erscheinen sie noch etwas furchterregender: Entweder unterstellen sie Schwarzen Deutschen und People Of Color, dass sie nicht deutsch sein können. Das ist schlicht rassistisch. Oder sie drohen, dass nun politische Säuberungen anstehen, wenn die Toleranz der Kartoffeln für alle faulen Verweigerer des Fahnenappells aufgebraucht ist. Wer wundert sich da noch über den Erfolg der AfD, wenn schon die Regierung mit völkischen Klischees spielt?

Clemens Ovenspitz

Über Clemens Ovenspitz

Clemens: Ein eigentlich ganz netter Mittzwanziger, der nicht mehr und nicht weniger will, als die Welt verändern. Natürlich mit System. Und ohne das System, versteht sich. Auf dem Weg dahin hat er erst mal studiert, viel über sich und andere nachgedacht, an der einen oder anderen staatszersetzenden Aktion teilgenommen, Freund*innen gefunden und viel dazugelernt. Hier schreibt er über seine Erfahrungen mit dem Jobcenter.

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