Im Kriegsgebiet

Die Lage vieler Geflüchteter ist prekär. Hier werden Nahrungsmittelspenden verteilt.

Die Lage vieler Geflüchteter in Kurdistan ist prekär. Hier werden Nahrungsmittelspenden verteilt. Raperin Botan | CC BY-NC-SA

Zwischenzeit: Raperin, kürzlich bist du nach Kurdistan, in den Nordirak gereist – eine politische Reise. Wie kamst du dazu, dich mit Politik auseinanderzusetzen?

Raperin: Schon als Kind hat mich mein Vater oft auf Komalas mitgenommen, Zusammenkünfte kurdischer Leute, auf denen mensch sich trifft, wiedersieht und austauscht. Dort wurde immer viel über Politik debattiert: Der kurdisch-türkische Konflikt, die Lage und Ereignisse in der PKK, deutsche Tagespolitik, Weltpolitik. Mein Vater, der früher selbst Peshmerga-Kämpfer war, hat sich dort viel eingebracht. Das habe ich gesehen und begonnen, mich für Politik zu interessieren.

Bist du dann später selbst politisch aktiv geworden?

Ich habe mich zwar bisher in keiner politischen Gruppe engagiert, aber hatte als Kurdin immer ein besonderes Interesse an Politik in Bezug auf Kurdistan. Deshalb habe ich angefangen Bücher zu lesen, zum Beispiel Werke von Leyla Zana oder Abdullah Öcalan. Vielleicht schließe ich mich ja dem kurdischen Studierendenverband YXK an, mal schauen. Aber dann werde ich mir die Gruppe erstmal genauer ansehen. Ich will schließlich wissen, wo ich mich beteilige. Meine Reise nach Kurdistan sehe ich durchaus als politischen Aktivismus, obwohl ich das ohne eine Gruppe gemacht habe.

Warum wolltest du gerade jetzt nach Kurdistan reisen?

Zum einen lebt fast meine ganze Familie, die ich leider nur sehr selten sehen kann, in Zaxo an der Grenze zur Türkei. Zum anderen hab ich wie mein Papa eine Leidenschaft fürs Fotografieren und wollte die Situation vor Ort dokumentieren. Außerdem habe ich Geld und Kleider mitgenommen, um damit armen Leuten zu helfen. Die Reise hatte ich schon vor einigen Monaten geplant – der Krieg mit dem IS ist kurz vor meiner Abreise ausgebrochen. Ich wollte deshalb aber meine Pläne nicht ändern.

Wie war das für dich, im Nordirak anzukommen?

Als ich im Irak gelandet bin, hieß es, dass die Truppen des IS nur ein oder zwei Stunden entfernt sind. Da stand ich also, mit Birkenstocks und Kamera und dachte: Fuck, ich bin hier wirklich in einem Kriegsgebiet. Der Gedanke war beängstigend, aber aufregend. Mir war schon klar, dass ich dann wohl mehr sehen würde als geplant, vielleicht mehr als mir lieb ist, doch ich war ja auch zum Fotografieren und Helfen gekommen. Ich bin also geblieben.

Und was hast du dann erlebt?

Die erste Woche verlief relativ ereignislos, ab der zweiten jedoch war die Stadt plötzlich mit Geflüchteten aus Shengal voll. Auf den Straßen, unter Brücken, in Bauruinen haben plötzlich ganze Familien mit Kindern in zerrissenen Kleidern und barfuß gehaust – bei 46°C im Schatten. Hier habe ich versucht, die Leute und gerade die Kinder mit Wasser und Kleidung zu versorgen. Mit meinem Onkel bin ich später dann auch an den Fuß der nahen Berge gefahren, wo viele Menschen Zuflucht gesucht hatten – ohne Essen, ohne Trinken.

Für sie haben wir viele Nahrungsmittel und Getränke gekauft. Meine Tante hat dreißig Kilo Reis gekocht. Die Geflüchteten haben uns das regelrecht aus den Händen gerissen. Wir kamen uns auf unserem Pickup vor wie auf einer kranken Fassenacht. Oft konnte ich aber gar nicht so viel helfen, wie ich wollte. Das war das Deprimierendste. Besonders das Schicksal der Kinder hat mich berührt, die einfach nur Frieden und Freiheit wollten und durch ihre Erlebnisse alle ziemlich traumatisiert sind. Hier habe ich oft einfach nur versucht, ein wenig Mut zu machen. Es war deutlich zu spüren, wie dringend die Kinder meine Hilfe benötigt haben.

Hier hört mensch davon, dass der IS immer weiter in die kurdischen Gebiete vordringt. Wie nah war der Krieg dort, wo du warst?

Einmal wurden wir mitten in der Nacht von einem Anruf geweckt: Der IS könnte in drei Stunden hier sein. Die ganze Stadt war in heller Panik. Auch meine Mutter wollte mit mir und einer ihrer Schwestern fliehen, aber wir haben uns dagegen entschieden und wollten nicht einfach aufgeben. Viele andere konnten schließlich auch nicht weg, und wir haben uns diesen Menschen verbunden gefühlt. Letztlich hat sich die Nachricht vom Vormarsch des IS nur als Gerücht herausgestellt und es ist gar nichts passiert.

Und dann gab es da noch so einen Zwischenfall: Der irakische Geheimdienst wollte mich beim Fotografieren verhaften. Die dachten, dass ich eine Spionin für den IS sein könnte, die schon mal die Lage auskundschaftet. Ich habe dann auf Rat meines Onkels so getan, als ob ich nur eine Touristin wäre und die ganze Zeit nur Englisch mit dem Geheimdienst geredet. Zum Schluss ließen sie mich laufen – nochmal Glück gehabt.

Du hast mir vorhin kurz erzählt, dass du auch die PKK besucht hast. Wie war das für dich?

Ja, genau: Ich war bei der PKK, weil ich mir selbst vor Ort ein Bild machen wollte. Hier hört mensch ja nur von den Peshmerga. Ich bin also wieder in die Berge gezogen, habe einfach die Leute nach dem Weg gefragt, und tatsächlich wurde ich dann zu einem Camp gebracht. Das waren nicht mehr als ein paar Hütten. Ich wurde sehr freundlich und herzlich empfangen. Die Kämpfer haben mir Tee angeboten und mit mir gesprochen, als wäre ich ein Teil der Familie. Überhaupt werden Frauen dort als gleichberechtigt angesehen. In den Reihen der PKK kämpfen schließlich auch Frauen – das finde ich sehr interessant.

Nach vier Wochen bist du wieder zurück nach Deutschland gereist. Hat sich das nicht seltsam für dich angefühlt?

Das war schon komisch: Einerseits war ich natürlich sehr glücklich, wieder zurückzufliegen, andererseits wurde mir bewusst, was für Privilegien ich eigentlich habe. Es ist kaum vorstellbar, dass Krieg und Elend in Kurdistan und Friede und Wohlstand in Deutschland nur durch ein paar tausend Kilometer getrennt sind. Dort habe ich tote und sterbende Menschen gesehen. Die Leute sprechen über nichts anderes mehr als den Krieg. Es ist nicht möglich, das einfach so hinter sich zu lassen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Danke für das Interview!

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Jan Zombik

Über Jan Zombik

Jan Zombik macht gerne Journalismus: Für alle, für die Leute, für die Politik, für die Freiheit. Wenn er gerade nicht journaliert oder philosophiert, dann musiziert er vielleicht. Anzutreffen ist er in der Regel vor seinem Bildschirm, an dem er etwas schreibt. Wenn ihr Jan etwas gutes tun wollt, dann flößt ihm beruhigenden Rooibos-Erdbeer-Sahne-Tee ein oder spendet ein paar Eurönchen für die Zwischenzeit.

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