„Aus nächster Nähe in die Augen“

Bullen setzten Pfeffer ein, einer schaut grimmig und raucht dabei.

Grimmig bei der Sache: Bullen beim Pfeffern (hier in Hamburg). Christian Jäger | ©

Clara ist Studentin in Mainz und hat am vergangenen Samstag (21.11.), an der Gegenkundgebung gegen eine Kundgebung der AfD teilgenommen. Von der Polizeigewalt, die den Teilnehmer*innen der Proteste dort entgegenschlug, wurde sie vollkommen überrascht. Hier spricht sie über ihre Erfahrungen.

Zwischenzeit: Clara, bist du sicher zur Gegenkundgebung gelangt?

Clara: Ich habe über das Ficko-Magazin von den geplanten Blockaden erfahren und habe mich mit ein paar Freund*innen verabredet. Auf dem Weg zur Gegenkundgebung war alles voll von Polizei. Aber ich habe es ohne Zwischenfälle zum Blockadepunkt beim Karstadt geschafft, wo ich dann kurz vor fünf die anderen getroffen habe.

Wie hast du die Situation bei deiner Ankunft erlebt?

Auf der Blockade war alles friedlich, etwa 20 oder 30 Menschen hatten sich bei Karstadt versammelt. Wir haben schnell Ketten gebildet, damit auch wirklich keine Rechten auf den Platz gelangen. Ab und zu kamen dann auch welche an, die dann aber abgezogen sind, als sie verstanden haben, dass es kein Durchkommen gibt. Gelegentlich haben uns die Bullen von hinten angesprochen, weil Menschen den Platz verlassen wollten. Die haben wir auch durchgelassen.

Wie wir wissen, blieb die Lage am Karstadt aber nicht die ganze Zeit so friedlich. Wie kam es dazu?

Das erste Mal ist die Situation eskaliert, als eine Gruppe von privaten Securities eine Person auf den Platz einschleusen wollte – Frauke Petry, wie sich dann bald herausgestellt hat. Die Securities gingen dann ganz plötzlich, unterstützt von der Polizei, mit Fäusten gegen uns vor.

Moment mal, es ging also auch aktiv Gewalt von den Securities aus?

Ja, tatsächlich. Nicht nur die Leute von der Polizei, sondern auch die Securities haben anlasslos mit Fäusten und Ellenbogen gegen uns ausgeteilt, während sie versuchten, uns zur Seite zu drängen. Das hat mich umso mehr überrascht, da wir überfallartig und ohne Vorwarnung mit dieser Gewalt konfrontiert waren. Wir wussten überhaupt nicht, was uns da erwartet. Auch von hinten habe ich von einem Bullen eins mit dem Ellenbogen in den Nacken versetzt bekommen.

Was ist dann passiert?

Zunächst hat sich die Lage danach wieder entspannt. Natürlich war bei uns der Schock groß, dass gerade die Petry durchgekommen ist, und wie das durchgesetzt wurde. Für gut 20 Minuten war es nun wieder so ruhig wie zuvor: Ab und an kamen AfD-Anhänger*innen und haben wieder umgedreht. Auch die Bullen hatten sich wieder hinter ihr Gitter zurückgezogen und blieben da auch die meiste Zeit, obwohl sie auch ihre Helme aufbehielten.

Richtig übel wurde es dann, als so ein gewaltbereiter junger Rechter aufgetaucht ist. Der ist sehr aggressiv auf die Leute zugegangen, hat sie angepöbelt und bedroht, aber wurde schnell von den Blockier*innen zurückgedrängt. Trotzdem kam er direkt wieder.

Die Bullen haben da nicht eingegriffen?

Die kamen jetzt plötzlich in voller Montur und Helmen von vorne und von hinten auf uns zugestürmt. Sie haben uns zusammengedrängt, während sie uns mit Fäusten geschlagen und getreten haben. Kurz darauf haben sie angefangen, uns mit Pfefferspray anzugreifen. Ich hatte mich nur kurz umgedreht, da sprühte mir so ein Bulle das Zeug direkt in die Augen, es können kaum 50 Zentimeter Abstand gewesen sein.

Ich bin fast ohnmächtig geworden, weil ich nicht mehr richtig Luft bekommen habe. Weg konnte ich ja auch nicht – ich war mitten in der Menge eingequetscht und die Bullen haben auch keine Anstalten gemacht, mich rauszulassen. Ein Kumpel hat es dann schließlich geschafft, mich rauszuziehen und mich erstmal auf den Boden gelegt. Mir wurden dann die Augen mit Wasser ausgespült, trotzdem hatte ich höllische Schmerzen. Die Bullen haben sich einen Scheiß für die Verletzten interessiert, Sanis gab es auch nirgendwo.

Irgendwann war dann endlich der Krankenwagen da und ich bin mit zwei anderen Verletzten ins Krankenhaus gebracht worden. Dort mussten uns die Augen noch mehrfach ausgespült werden. Einen der beiden anderen hatten die auch richtig übel erwischt: Er hat mir erzählt, dass er das Pfefferspray wie ich aus sehr kurzer Distanz abbekommen hätte. Während er einen zu Boden Geschlagenen stützte, hat ihm ein Bulle von hinten kommend die Sprühdose gerade vors Gesicht gehalten und abgedrückt.

Gab es eigentlich zu irgendeinem Zeitpunkt eine Durchsage der Polizei, die Blockade zu räumen?

Nein, die ganze Zeit nicht.

Kannst du dir erklären, warum die Polizei so gewaltsam vorgegangen ist?

Ehrlich gesagt nicht wirklich. Wir haben uns die ganze Zeit friedlich verhalten, es gab auch keine Angriffe auf die Rechten, die immer wieder bei uns vorbeigeschaut haben. Die Leute waren echt alle total zurückhaltend.

Was für Konsequenzen ziehst du für dich aus dem Erlebten?

Bisher dachte ich, dass diese Polizeigewalt durch ein passives und friedliches Auftreten vermeidbar ist. Daran glaube ich jetzt nicht mehr, und deshalb habe ich auch keine Lust mehr, nur friedlich auf Demos unterwegs zu sein. Wie können wir uns vor der Polizei schützen? Zumindest nicht durch Friedfertigkeit. Ich bin wütend und ich fand diese absolute Ohnmacht schlimm. Auch wenn ich mich jetzt nicht komplett anders benehmen werde, weil ich Gewalt eigentlich ablehne: Wenn es egal ist, wie ich mich verhalte, kann ich ja viel aggressiver vorgehen.

Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg auf der nächsten Demo!

Christian Borchert

Über Christian Borchert

Christian Borchert hat in Mainz Politikwissenschaften und Soziologie studiert, um dann nach Abschluss seines Studiums 2012 erstmal nach Frankreich zu verschwinden. Dort hat er Häuser besetzt und verschiedene urbane, linke Projekte bei ihrer Pressearbeit unterstützt. Sein Arbeitsschwerpunkt sind populistische, politische Strömungen und die Hausbesetzer_innenszene. Seit April 2014 wirkt er auch als Autor bei der Zwischenzeit mit.

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