Inszenierte Flucht

Schauspieler_innen auf der Fluch

Schauspieler_innen auf der Flucht: Heute aber nur vor der CDU-Blaskapelle. Jan Zombik | CC BY-NC-SA

Samstagmittag in Mainz, gegenüber dem Staatstheater. Eine Gruppe von Menschen steigt in ein imaginäres Boot auf dem Boden und zerrt an unsichtbaren Rudern, wie um eine Überfahrt zu bestehen. Eine Sprecherin informiert dazu: Nach Zahlen der UNO sind derzeit mehr als 45 Millionen Menschen auf der Flucht. Sie müssen ihre Heimat verlassen auf der Flucht vor Armut, Hunger, Krieg und Gewalt, weil sie wegen ihrer Homosexualität verfolgt werden oder vergewaltigt wurden. In Europa, wenn sie dort lebend ankommen, erwarten sie oft neue Probleme. Viele werden abgeschoben, andere müssen jahrelang auf die Bewilligung ihrer Asylanträge warten. Die Straßentheater-Performance der Projektgruppe „Global bewegt“ thematisiert auch die ökonomische Ausbeutung der Geflüchteten: In der in 5 Minuten dargestellten Flucht inszenieren die Darsteller_innen einen Integrationskurs, indem die Migrant_innen die Worte „Klomann“ und „Klofrau“ buchstabieren lernen, um danach als solche zu arbeiten – bis sie, mit rassistischen Parolen konfrontiert, aufgeben.

Von seiner Situation in Deutschland ist auch Rabi (39), der aus Syrien fliehen musste, frustriert. Obwohl er Deutschland ganz nett findet, wäre er lieber in seinem Heimatland geblieben. Der gelernte Buchhalter, der zuvor schon in Frankreich, den Niederlanden sowie der Schweiz gewesen ist, hält sich nun schon etwa ein Jahr in Mainz auf. Ob er hier bleiben kann, weiß er nicht. Aufgrund seines Aufenthaltsstatus darf er nicht einmal arbeiten – was er eigentlich sehr gerne will. So verbringt er die Zeit mit Sport, geht schwimmen oder joggen. Manchmal besucht er auch die Universitätsbibliothek und liest. Eine Perspektive kann er in einem solchen Leben aber nicht sehen. Nun möchte er zumindest eine ehrenamtliche Tätigkeit finden, um nicht nur ziellos in den Tag hinein zu leben. Jetzt gerade verteilt er am Rande der Aktion Flyer für die Aktionswoche „Flucht – Neue Wege gehen“, die von einer Reihe kirchlicher und anderer Träger_innen seit 2010 jährlich unter einem anderem Motto organisiert wird.

Nicht nur Zustimmung für die Aktion

Bald zieht die Straßentheatergruppe weiter, denn Blasmusik, die lautstark von einem CDU-Stand am Theater herüberdringt, macht es den engagierten Frauen und Männern der Gruppe schwer, ihre Botschaft zu vermitteln. Als nächstes machen sie halt in der Augustinergasse, Ecke Kirschgarten. Dort wird die Performance erneut aufgeführt. Einige Passant_innen bleiben interessiert stehen, mensch hört vereinzelt Lachen. An einem in der Nähe aufgebauten Flohmarktstand stehen zwei junge Menschen, die die Aktion skeptisch beobachten. Anni (21) und Josip (14) wissen Bescheid: Was da in Syrien passiert, das ist eine riesengroße Scheiße für die Menschen dort. Anni sieht jedoch mehr ein Problem darin, dass die Geflüchteten nun in Europa Asyl finden sollen. Die Lager in Italien sind alle überfüllt – doch hier gebe es auch zu wenig Geld und Arbeitsplätze, da könnten wir eben nicht so viele Menschen unterbringen.

Dass 10.000 Syrier_innen, denen die Bundesregierung Aufenthalt gewähren will, geradezu beschämend wenig sind gegen die dreiviertel Million syrischer Flüchtlinge und die 80 Millionen Einwohner_innen Deutschlands, spricht Anni hingegen nicht an. Später auf dem Marktplatz ist auch eine schimpfende Rentnerin zu hören: „Die sollen erstmal alle arbeiten gehen! Wir haben doch selbst kein Geld!“ Offenbar weiß sie wie viele andere nicht, dass Geflüchteten, deren Asylantrag noch nicht bewilligt wurde, hier verboten wird, einer bezahlten Tätigkeit nachzugehen. Ein älterer Mann, der seinen Namen nicht in der Zeitung stehen sehen will, ist da ganz anders eingestellt. Er findet es wichtig, dass Geflüchtete hier ein neues Zuhause finden können. Von Grenzen hält er nichts. Trotz dieses Lichtblicks scheint die Straßentheater-Aktion ihre Berechtigung zu haben angesichts der Ressentiments, mit denen viele Bundesbürger_innen den Migrant_innen gegenübertreten.

Doch wie kommt es eigentlich, dass fast ausschließlich weiße Menschen aus bürgerlichen Verhältnissen das kurze Stück über Migration spielen? Sarina (22), die an der Performance mitwirkt, sieht das kritisch: „Das fühlt sich schon ein bisschen seltsam an, so für die Geflüchteten zu sprechen, statt sie selbst ihre Lage und ihre politischen Ziele in die Öffentlichkeit tragen zu lassen. Aber alle, mit denen ich vorher geredet habe und die selbst eine Flucht über das Mittelmeer hinter sich haben, finden gut, was wir hier machen.“ Auch Rabi ist mit der Aktion zufrieden und einverstanden. Zwar hatte er selbst genug Glück und Geld, um mit dem Flugzeug und einem gültigen Visum einzureisen. Dennoch weiß er von all denen, die den gefährlichen Weg über das Mittelmeer nehmen müssen. Hoffentlich hat die heutige Aktion ein klein wenig dazu beigetragen, mehr Menschen über das Schicksal von Geflüchteten anschaulich zu informieren.

Jan Zombik

Über Jan Zombik

Jan Zombik macht gerne Journalismus: Für alle, für die Leute, für die Politik, für die Freiheit. Wenn er gerade nicht journaliert oder philosophiert, dann musiziert er vielleicht. Anzutreffen ist er in der Regel vor seinem Bildschirm, an dem er etwas schreibt. Wenn ihr Jan etwas gutes tun wollt, dann flößt ihm beruhigenden Rooibos-Erdbeer-Sahne-Tee ein oder spendet ein paar Eurönchen für die Zwischenzeit.

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