Islamgesetz – die Verschiebung des Sagbaren

"Kein Mensch ist illegal" Sebaso | CC BY

Die Landes- und Fraktionsvorsitzende der CDU Rheinland-Pfalz, Julia Klöckner, fordert mit ihrer Partei ein sogenanntes „Islamgesetz“. Was genau bedeutet das? Wir haben zwei Expertinnen gebeten, den Diskurs um das Islamgesetz einzuordnen und seine Folgen offen zu legen.

Zwischenzeit: Was fällt euch ein bei dem Begriff „Islamgesetz“?

Miene: Es ist eine Scheindebatte, die man aufzieht, um Menschen zu pauschalisieren. Es ist eine Diskussion, die unfair geführt wird, weil bestimmte Menschen nicht sprechen dürfen. Und wir wissen sowieso, dass es kein Islamgesetz geben wird. Weil man nicht einfach Sonderegulationen für eine bestimmte Religion einführen kann, das ist nämlich sonst Diskriminierung.

Nabila: Hier wird wieder eine bestimmte Religion instrumentalisiert und mit negativen Assoziationen belegt. Und hier wird eine bestimmte Gruppe unter Verdacht gestellt. Wieder dieselbe Diskussion, die in den letzten Wochen vorherrscht, wie die Integrationsdebatte oder das Kopftuchverbot. Dabei werden die rassistischen Strukturen nicht aufgedeckt oder, wie rassistisch die Debatte überhaupt ist. Das macht ja auch was mit den Menschen.

Was bedeutet Instrumentalisierung oder Scheindebatte?

Nabila: Die Religion wird instrumentalisiert für die Forderungen der Mehrheitsgesellschaft. Die Lebensweise bestimmter Menschen sollen eingeschränkt werden. Zudem wird die christliche Religion beispielsweise nicht hinterfragt, sondern stillschweigend angenommen, hingegen spielt der Islam nur dann eine Rolle, wenn gesellschaftliche Probleme auftauchen. Und das ist das gefährliche an dieser ganzen Debatte, denn es hinterlässt den Anschein, dass nur „die“ Muslime oder auch „der“ Islam Probleme und Schwierigkeiten hervorrufen, und dabei handelt es sich um gesellschaftliche Probleme, die auf Muslime projiziert werden.

Miene: Hier wird der Eindruck erweckt, dass der Islam die Terrorgefahr darstellt. Dabei werden die meisten Terroranschläge von weißen Männern verübt. Dazu gibt es auch Daten.

Kannst du darauf näher eingehen, dass Terror vorwiegend von weißen Männern verübt wird?

Miene: Es kommt darauf an, was als Terror verstanden wird, und zurzeit ist es eben islamistisch-motivierter Terror. Alles andere wird auf die individuelle Ebene gebracht, statt den Terrorismus dahinter sichtbar zu machen. Zum Beispiel das Charlston Shooting in den USA oder der Amok-Läufer von München, der ausschließlich PoCs zur Zielscheibe gemacht hatte.

Was macht es mit euch, solche Debatten zu führen?

Nabila: Ich bin ja erkennbare Muslimin. Die Art, wie Menschen mit mir in öffentlichen Räumen umgehen, hat sich verändert. Ich fühle mich zunehmend dadurch eingeschränkt. Es ist anstrengend und zugleich mühsam, sich ständig mit solchen Diskursen auseinanderzusetzen und Vorurteile abzuräumen. Solche Debatten führen eben dazu, dass mir negative Merkmale und Eigenschaften seitens der Mehrheitsgesellschaft zugesprochen werden und ich nur in diesem Zusammenhang wahrgenommen werde. Zudem werden mir meine Kompetenzen, Meinungen und auch Perspektiven abgesprochen, denn ich werde nur auf mein Muslima-Sein reduziert, was natürlich meine Handlungsmöglichkeit massiv einschränkt.

Miene: Mein Muslimisch-Sein nimmt viel mehr Raum in meinem Leben ein, als ich ihm geben möchte. Ich sehe mich permanent markiert. Wir Musliminnen denken häufig nach dem Aufstehen nicht als erstes: Wir sind Musliminnen. Aber die Omnipräsenz der Islamdebatten zwingt mich dazu, mich so sehr mit dem Thema zu identifizieren. Obwohl ich mich nicht nur und primär als Muslimin sehe.

Nabila: Und so kann auch Radikalisierung stattfinden. Es wird zunehmend unangenehmer, muslimisch zu sein, und die Antwort darauf ist Rückzug oder Radikalität, das heißt Überidentifikation mit dem Muslimisch-Sein.

Wir wissen, dass ein sogenanntes „Islamgesetz“ gegen unsere Verfassung verstößt. Dennoch wird es in den Medien aufgegriffen und ausgerechnet von einer Regierungspartei initiiert. Was bedeutet das?

Nabila: Das, was in den Medien repräsentiert wird, macht auch was mit uns und mit der Mehrheit. Die Menschen glauben, dass, wenn über das „Islamgesetz“ debattiert wird, wohl auch eine Notwendigkeit dafür besteht. Also etwas, das die Muslime selbst hervorgerufen haben. Obwohl es ja nicht so ist! Allein, dass solch eine Debatte in diesem Maß geführt wird, ist ziemlich erschreckend. Es macht dadurch sichtbar, wie tief rassistische Strukturen in der Gesellschaft verankert sind.

Miene: Die Grenze des Diskutierbaren hat sich ganz weit nach rechts verschoben. Vor ein paar Jahren wäre die Debatte um ein „Islamgesetz“ nicht denkbar gewesen, jedenfalls in dem Ausmaß. Es geht jetzt nur noch darum, die AfD rechts zu überholen, die Wählerschaft vor der Bundestagswahl für sich zu gewinnen und die eigene Regierungspartei als handlungsfähig darzustellen. Auf dem Rücken marginalisierter Gruppen werden demokratische Werte ausgehöhlt, wie Artikel 4 des Grundgesetzes [Anm. d. Red.: Religionsfreiheit], um sich zu profilieren. Man muss sich schon fragen wer die Demokratie eigentlich bedroht mit solchen Einfällen.

Und es geht hier auch ganz konkret um einzelne Menschen, die davon in ihrem Alltag betroffen sind und eingeschränkt werden. Stachelt das weiter die rassistische Gewalt an?

Nabila: Genau, es geht meistens um die Ängste von weißen Menschen, aber nie um die der PoCs. Erst wenn weiße Menschen betroffen sind von Gewalt, reden wir in der Gesellschaft darüber. Aber die ganze rechte und rassistische Gewalt, die sich bei den Anschlägen auf Asylunterkünften entlädt, steht nicht zur Debatte. Was ist mit meinen Ängsten als muslimische Frau?

Miene: Weiße Körper werden als wertvoller stilisiert als die Körper von PoCs. Wir verhandeln erst dann Werte unserer demokratischen Gesellschaft, wenn die Bedrohung angeblich von dem muslimischen Mann ausgeht. Und die Missinterpretation solcher Diskurse spiegelt sich auch in den weißen Redaktionen der Republik wider. Es wird künstlich eine Paranoia hergestellt, die sich selbst legitimiert.

Durch jede neue Polit-Talkshow-Sendung über das Thema wird die Grenze des Sagbaren bis zur Menschenverachtung geschoben. Die Medien entziehen sich ihrer Verantwortung, weil sie auf gesellschaftliche Relevanz verweisen, die aber so vielleicht nicht existiert, vielmehr künstlich hergestellt wird. Was können wir tun um die Grenze des Diskutierbaren wieder zurück zu schieben?

Nabila: Personen, die bestimmte Positionen in der Gesellschaft haben und somit Macht, sollten Raum für Betroffene schaffen und sie sprechen lassen. Zudem sollten Bildungseinrichtungen und Institutionen, die eine weite Reichweite haben sich klar positionieren, um rassistische Parteien keine Plattform zu ermöglichen.

Miene: Solche Diskussionen sollten mit in die Familien getragen werden, weil auch da Wählerinnen und Wähler dabei sind. Das Ziel sollte nicht ausschließlich sein, die AfD im Bundestag zu verhindern, sondern rassistische, menschenverachtende Politiken in allen Parteien zu entlarven.

Und Medienmacherinnen und -macher auch vermehrt als Akteuerinnen und Akteure der Gesellschaft zu sehen, die sich nicht aus der Verantwortung entziehen können. Vielmehr sollten sie sich den Konsequenzen, die solche aufgebauschten, menschenverachtenden Diskurse haben, stellen und reflektieren. Schließlich geht es hier um unsere demokratischen Werte.

11 Gedanken zu “Islamgesetz – die Verschiebung des Sagbaren

  1. Maharak

    Die Debatte zu führen ist wichtig und es ist gut, dass hier Betroffene ihre Positionen erläutern. Einen Kritikpunkt hätte ich aber schon. Es wird gesagt: „Hier wird der Eindruck erweckt, dass der Islam die Terrorgefahr darstellt. Dabei werden die meisten Terroranschläge von weißen Männern verübt.“ (dann der Link zu Ereignissen in den USA). Wenn man sich jetzt mal global, oder auch nur europäisch, die Lage anschaut, sieht es schon anders aus. Klar, es gab Breivik und es gibt den rechten Terrorismus in Deutschland (NSU, Gruppe Freital, usw.), aber es wurden und werden islamistische Anschläge verübt, die zu hohen Opferzahlen führen, siehe z.B. Brüssel, 2x Paris (Charlie Hebdo, Bataclan), Nizza, Orlando, Berlin, Stockholm, oder auch immer wieder in Israel – dies ist eine Tatsache. Die Aussagen in dem Interview relativieren diese Begebenheiten in einer nicht hinnehmbaren Weise, da es wie eine mediale Konstruktion dargestellt wird, wenn islamistischer Terrorismus überhaupt mit dem Islam in Verbindung gebracht und problematisiert wird. Festzuhalten wäre nämlich: ja, es gibt islamistischen Terror und diesem ist Einhalt zu gebieten UND es gibt rechten Terror und dieser ist ebenfalls zu bekämpfen.
    Gegen jeden Rassismus – gegen jeden Fanatismus!
    (Es war mir wichtig, in Kürze auf diese Schieflage hinzuweisen, deshalb fehlt die gebotene Differenzierung, dass TerroristInnen in islamischen Gemeinden eine Minderheit sind, dass natürlich rassistische Verallgemeinerungen zu unterlassen sind, usw. usw. -sorry for that!)

    • Puja Kaur Matta Autor

      Das gesamte Interview dreht sich um die Aussage, dass „der“ Islam eben keine Terrorgefahr ist, sondern in dem derzeitigen Diskurs so dargestellt wird. Die von dir angeführten Anschläge, die verübt worden sind, wurden nicht von „dem“ Islam verübt, sondern von politischen Gruppierungen. Es ist genau die verzerrte Wahrnehmung der Realität, die hier thematisiert wird. Es wird absolut gar nichts relativiert oder klein geredet.
      Und was auch hier in deinem Kommentar fehlt ist, ist dass „islamistisch“-motivierte Anschläge in nicht-westlichen, nicht-europäischen Staaten weitaus häufiger geschehen als wahrgenommen wird.

      • Maharak

        „Die von dir angeführten Anschläge, die verübt worden sind, wurden nicht von „dem“ Islam verübt, sondern von politischen Gruppierungen.“ Genau. Da diese Gruppierungen ihre Taten aber irgendwie islamisch begründen wollen, ist hier schon zu schauen, wie das denn sein kann. D.h. die Ideologie des politischen Islams muss kritisiert werden können – natürlich in Abgrenzung zu geschützter Religionsausübung als privates Bekenntnis, diese ist schließlich individuelle Religionsfreiheit.
        „Und was auch hier in deinem Kommentar fehlt ist, ist dass „islamistisch“-motivierte Anschläge in nicht-westlichen, nicht-europäischen Staaten weitaus häufiger geschehen als wahrgenommen wird.“ Hier hast du absolut recht, was aber auch eine These des Interviews: „Dabei werden die meisten Terroranschläge von weißen Männern verübt“, entkräftet. Hierbei wird aber klar, was RechtspopulistInnen gerne unter den Tisch fallen lassen – die meisten Terroropfer weltweit sind Muslime.

        • Puja Kaur Matta Autor

          Bei dem von dir kritisierten Satz im Interview handelt es sich um eine Dekonstruktion des Verständnisses von „Terror“, das wird auch weiterhin im Interview thematisiert. Bei Anschlägen, Übergriffe und anderen Formen von Gewalt wird in unserer Gesellschaft nicht gesprochen, wenn die Täter*innen weiß waren/sind. Erst dann wenn es braune Menschen Täter*in sind, verhandeln wir die vermeintlichen Werte unserer Gesellschaft.
          Im Interview sprechen wir über den Globalen Norden/ den Westen. Der Link auf das Charelston Shooting verweist darauf, dass in den USA mehr Menschen durch Rassisten umkommen als durch islamitisch-motivierten Terror. Nur werden Rassisten nicht als Gefahr gewertet. Und genau das ist problematisch an der Gesellschaft.
          Mehr kann ich nicht erklären, im Interview wird ersichtlich worum es geht und der Kontext gut erklärt.

  2. Struppi

    Eben genau weil es vor allem Anschläge in Muslimische Länder gibt, muss doch analysiert werden warum diese Gewalt dort ausgeübt wird und gegen wen. Es ist doch die Frage, gegen was kämpfen die und für was? So zu tun, als ob die Täter Moslems sind, verhindert jede Analyse und damit jeden Weg um dagegen etwas zu tun.

    Und ob ein Islamgesetz eine „Scheindebatte“ ist halte ich auch für etwas abgehoben. Denn natürlich werden in nahezu allen Ländern der Welt Religion und deren Stellung innerhalb des Staates gesetzlich geregelt. Und die Auseinandersetzung zwischen Staat und Kirche ist eine Grundlage unseres zusammenlebens der letzten 200 Jahre. Diese Auseinandersetzung mit der Kirche hat zu vielen Gesetzen und Regeln geführt (die sicher nicht alle gut sind, aber auch von vielen Christen nur schwer akzeptiert wurden). Was aber in Angesicht der zurückliegenden Hexenverfolgungen und Kreuzzügen bitter nötig war.

    Wenn sich junge Menschen hinstellen und behaupten die Debatte über die Stellung von Religion innerhalb der Gesellschaft ist eine Scheindebatte, klingt das nach einer akzeptierten Obrigkeitsgläubigkeit, um die es genau geht. Religion ist eine private Angelegenheit und darf im Staat keine Rolle spielen. Deshalb braucht es auch Gesetze, die diese Rolle von Glaubensgemeinschaften regeln.

    Das solche Gesetze gegen die Verfassung (die es in deuschland nicht gibt) verstossen zeigt schon den falschen Denkansatz. Im Grundgesetz wird durchaus auch der Rahmen der Religionsausübung geregelt:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Religionsfreiheit_in_Deutschland#Grundlagen_im_Grundgesetz

    Die Diskussion um ein „Islamgesetz“ kam übrigens aktuell aus Österreich, wo dieses Gesetz seit über 100 Jahren existiert.
    http://www.zeit.de/politik/ausland/2015-02/oesterreich-islamgesetz-verabschiedet-auslandsfinanzierung

    Aber auch in D gibt es Gesetze die Rahmenbedigungen der Religionsausübung regeln. Insofern ist die Aussage „Vor ein paar Jahren wäre die Debatte um ein „Islamgesetz“ nicht denkbar gewesen“, Unsinn.

    Aber was mich am meisten wundert, wenn diese Seite eine Linke Seite ist – was ich bisher dachte – dann sollte Religionskritik ein fundamentaler Aspekt sein. Religionen üben Macht aus und haben in Europa lange Zeit die Macht missbraucht (und mit meiner bescheidenen Kenntniss tut sie es auch heute noch in vielen Ländern).

    Für mich ist es aus Linker Sicht nicht nachvollziehbar Religionen – egal welche – zu verteidigen. Religion ist ein ganz privates Mittel, um seine eigene Existenz zu begründen. Als Grundlage für ein friedliches zusammenleben sind sie aber nicht geeignet. Daher muss die Gesellschaft dafür sorgen, dass Religion keinen Einfluss auf den Staat hat und genau deshalb braucht es auch Religionsgesetze die diesen Einfluss beschneiden.

    Religion ist das Opium für das Volk (Lenin)

    • Puja Kaur Matta Autor

      Ich gehe mal deinen Kommentar Schritt für Schritt durch:
      Im Interview geht es darum was eine Debatte um das „Islamgesetz“ mit den Menschen hier macht. Der Fokus richtet sich also auf die Lebenswirklichkeit von vielen Menschen in Deutschland. Keine Analyse zu dem Thema „Terror“ oder sonstiges, lediglich wird es hinterfragt und der enge Rahmen des Begriffs kritisiert.

      Bei der Debatte um das „Islamgesetz“ geht es darum, auch das wird im Interview ersichtlich, dass eine Religion heraus gepickt wird. Dabei sollte sich die ganze Debatte um insgesamt die Religionsfreiheit drehen um keine Religion bzw. bestimmte Menschen mit einer religiösen Zugehörigkeit zu diskriminieren. Und wenn Menschen sich dahinstellen und genau das kritisieren, dann hat es wenig mit Obrigkeitsgefühl zu tun, sondern viel mehr mit kritischen Denken.

      Laut dem Grundgesetz, welches durchaus Verfassungsrang hat, darf keine spezifische Religion einfach heraus gepickt werden um ihr bestimmte Regulationen zu unterwerfen. In keinem Gesetz funktioniert das. Alle Gesetze müssen allgemein gehalten werden und dürfen sich nicht an spezifisch gerichtete Unternehmen, Vereine, Organisationen oder natürliche Personen richten.

      Die Debatte wurde kürzlich von Jens Spahn (CDU) erneut in den medialen Diskurs eingebracht, zuvor hatte es bereits Julia Klöckner (CDU) thematisiert. Weil es in Österreich bereits existiert, führt es nicht automatisch dazu, dass es legitim ist. Gesetze und ihre Rechtmäßigkeit sollten hinterfragt werden. Und hier wird die Forderung nach einem Gesetz hinterfragt.

      Die Zwischenzeit ist das, was sie ist. Und hier wird Kritik an rassistischen Strukturen in der deutschen Gesellschaft geübt. Das ganze Interview dreht sich darum wie die rassistischen Strukturen am Beispiel der Forderung nach dem „Islamgesetz“ sich zeigen.

      Es gibt inner-muslimische Debatten rund darum wie der Koran ausgelegt werden könnte. Und auch verschiedene Glaubensrichtungen innerhalb „des“ Islams. Weshalb wir ja nicht von „dem“ Islam sprechen.

      Ich denke es ist unangebracht sogenannte fundamentale Kritik an Religion zu üben. Je nach dem welche Religion kritisiert werden soll, steckt ein anderes Religionsverständnis dahinter. Religion ist viel zu komplex um nur eine einzige Definition zu haben. Oder pauschalisiert darüber sprechen zu können. Zudem wird sogn. „Religionskritik“ von vielen genutzt, um ihre rassistischen Gedanken in eine scheinbar hinnehmbare „Kritik“ zu äußern. Wenn „Religionskritik“ geäußert werden soll, dann muss ganz spezifisch gesagt werden um welche Religion, welche Strömung und welche Gemeinde es sich genau handelt.

      Hinter deinem Religionsbegriff steckt vermutlich das Christentum. Aber das Christentum repräsentiert nicht automatisch jede Religion, die existiert. Die Zuschreibung ist problematisch und reproduziert ein vereinfachtes Bild der Realität.

      Aus meiner linker Sicht ist es höchst-problematisch, dass rassistische Strukturen in unserer Gesellschaft nicht angesprochen werden sollen, nur weil einige Linke ihr Verständnis von „Religion“ nicht hinterfragen möchten.

      • Maharak

        „Religionen üben Macht aus und haben in Europa lange Zeit die Macht missbraucht (und mit meiner bescheidenen Kenntniss tut sie es auch heute noch in vielen Ländern).“ Hier hat Struppi doch eindeutig klar gemacht, warum es wichtig ist, Religionskritik zu betreiben – und das immer und ohne Ausnahme, wenn Menschen in ihrem Namen unterdrückt, gefoltert, versklavt und ermordet werden. Dies bedeutet dann klarerweise, dass es unumgänglich ist, auch die islamischen Richtungen, Gruppen und Einzelpersonen, die solches propagieren und ausüben, zu kritisieren und zu bekämpfen. Diese Kritik muss natürlich stets den Rassismus mitdenken, um sich von der rassistischen Hetze von Mitte bis Rechtsaußen klar abzusetzen. (Das sollte nicht so schwer sein, da z.B die AKP und die AfD beispielsweise in der Frage des Antifeminismus eine recht ähnliche Haltung vertreten.)

      • Struppi

        Ich weiß nicht woher du deine juristischen Kenntnisse hast, aber das Gesetze nicht spezifisch sein dürfen klingt für mich nicht plausibel, woher weißt du das?

        Es gibt z.b. Gesetze die Regeln das bestimmte Minderheiten besondere Rechte bekommen. Aber ich bin kein Jurist, du weißt es anscheinend besser.

        Mir scheint aber, dass du die Erwartungen die du hast projezierst. Das es bei der Debatte um ein Islamgesetz um eine Diskriminierung geht, wird ja schon durch die bestehenden Islamgesetze, z.b. in Österreich, ad absurdum geführt. Dort ist das Islamgesetz eine Sammlung von Regelungen, die die Privilegien der Religion definieren.

        Allerdings finde ich genau das problematisch. Meines erachtens dürfen Religionen, egal ob Christlich oder Muslimisch keine Privilegien haben. Ich möchte in einem Säkularen Staat leben. Daher müßte ein Religionsgesetz, egal für welche Konfession, eher das gegenteil sein, als das was in dem Rahmen debattiert wird/wurde.

        Wie du Religion und Religionskritk siehst ist mir eigentlich egal, mir ging es darum ob es ein linkes Verständnis sein kann, wenn jemand eine Institution verteidigt, die im Kern Rückwärtsgewand und patriarchiale Herrschaftstrukturen als „Gottgeben“ definiert.

        Und hinter meinem Religionsverständnis stehen alle größeren Religionen. Sie sind alle Teil der Herrschaft und waren und sind immer an Unterdrückung und Gewalt beteiligt. Wenn du das bestreitest musst du in einer anderen Welt leben.

        Mein Verständnis von linker Religionskritk ist fundamental gegenüber allen Religionen. Dabei geht es darum, dass Religionen Teil des Herrschaftssytem sind und nicht sein sollen. Was die Menschen in ihrem privaten Umfeld machen ist egal. Aber Religionen waren und sind ein großer Teil des Übels auf dieser Welt und ihre Macht und Einfluss gehört beendet.

        Kein Mensch darf auf Grundlage einer Religionsvorschrift bestraft werden“

        Leider waren wir was diese Diskussion angeht in den 80ern schon weiter. Die letzten Jahren haben den Einfluss von Religion im öffentlichen Leben stark erhöht, was zu diesen unsäglichen Diskussionen geführt hat. Religion als Teil der Menschen die es brauchen, ging kaum über das Samstägliche Wort zu Sonntag hinaus. Heute sind die Prediger wieder ständig in den Nachrichten um sich zu allen Möglichen Dingen zu äußern. Ich möchte aber nicht, dass auf mein Leben die Bibel, der Koran oder Tora einen Einfluss hat.

  3. Danza Dei Banditi

    Das Problem großenteils der weiß-deutschen Linke ist ihre Borniertheit und unerschütterliches Überlegenheitsgefühl (damit stehen sie in deutscher Tradition) aber leider auch ihr Unwille zu Lesen, sich zu informieren und Theorie zu bilden. Sonst würden sie vielleicht bemerken, dass überall dort, wo in islamisch-geprägten Gemeinschaften erfolgreich gegen Patriarchat und Homofeindlichkeit gekämpft sich niemand hinstellt und zu aller erst rumheult, dass irgendjemand an einen Gott glaubt, sonder dass der Feminismus dort mit der Religion arbeitet um sich Rechte zu erkämpfen. Und auch in den muslimischen Communities in Deutschland scheint es mir so, als seien diejenigen, die tatsächlich sexistische und homefeindliche Strukturen verändern oft gläubig. Aber vielleicht interessieret die Emanzipation dieser Menschen die „islamkritischen Linken“ gar nicht, sondern sie wollen einfach drauf beharren, dass sie es eh am Besten wissen. typisch deutsch eben…
    Ein weiterer Punkt ist, dass nicht mal die linken kurdischen Kräfte um PKK und YPG, die im Todeskampf mit Daesh stehen, ein derart pathologisches Verhältnis zu Religion oder dem Islam haben. Sie hierzu zB das kürzlich verfasste Statement der YPG-internationalist*innen nach dem Anschlag in London.
    Des weiteren scheint es, als würden diese „islamkritschen Linken“ oft eher sehr bürgerlich-liberale Religionskritik üben. Denn sie bemühen sich ständig, Gläubige Menschen zu diskreditieren oder irgendwelche Koranverse zu zitieren, in denen sie dann die größte Barberei sehen. Das Religionskritik aus Linker Perspektive eigentlich immer Kritik an den Verhältnissen ist, die Religion hervorbringen oder sie erhalten, wird gerne vergessen. Daraus würde ja folgen, dass man selbst etwas tun muss um diese zu überwinden und es nicht ausreicht Muslim*innen immer wieder eine anti-emanzipatorische Grundhaltung anzulasten während man selbst erhaben und aufgeklärt ist.
    sorry leute, die deutsche Linke muss sich halt entscheiden, ob sie sich tatsächlich für Emanzipation interessiert oder einfach nur gerne recht haben will….

    • Struppi

      Ich denke mal es gibt sicher auch braune-ausländische Kritik an Religion. Wer schon im ersten Satz ein dermassen auf Herkunft spezifiziertes Denken äußert, sollte sich erstmal über die eigene Borniertheit Gedanken machen.

      Das es in Muslismisch geprägten Ländern gefährlich wäre nicht mit Religionshütern zusammen zu arbeiten, ist sicher richtig. Das hier aber als Paradebeispiel von Emanzipation darzustellen ist aber fragwürdig.

      Ich wüßte auch nicht, wo linke Religionskritiker Koranverse zitieren oder es „am besten Wissen“.

      Um zu fordern, dass Religion kein Teil der staatlichen Macht sein darf, muss man keine Verse zitieren. Und das Religion als Teil der Macht zu schrecklichen Dingen führen sollte man auch als Gläubiger wahrnehmen können. Was ist daran Besserwisserei, wenn man Verhältnisse kritisert?

      Aber was die Menschen privat machen und ob sie Traditionel Leben wollen, ist jedem seine persönliche Sache. Und ich kenne auch keine Linken die das nicht so schreiben. Da du dich Informierst und liest, kannst du aber vielleicht auch Beispiele geben wo Linke diese Besserwisserei verkünden und wo die Koranverse zitiert werden?
      Ich habe von sdolchen Thesen tatsächlich noch nicht gelesen und würde gerne deinem Vorwurf entgegen treten und mich Informieren.

      Und was das „rumheulen“ angeht. die Dinge die du beschreibst haben zumindest bei uns alle ihre Ursachen in Religion. Homofeindlichkeit und patriarchiale Strukturen sind vor allem darin begründet, dass die christliche Religion früh dazu Stellung bezogen hat. Und Jahrhunderte lang grausam verteidigt hat. Insofern ist diese Kritik in dem zusammenhang mehr als berechtigt.

      Bei anderen linken Themen spielt Religion weitaus seltener eine Rolle.

      Und ob jemand an einem Gott glaubt, ist zwar unverständlich, aber dagegen kann niemand etwas sagen.

  4. Maharak

    Worin äußert sich denn ein „pathologisches Verhältnis“ zu Religion allgemein oder Islam speziell, das Linke haben sollen? Und den letzten Satz verstehe ich auf mehreren Ebenen überhaupt nicht: „sorry leute, die deutsche Linke muss sich halt entscheiden, ob sie sich tatsächlich für Emanzipation interessiert oder einfach nur gerne recht haben will….“ 1. Es gibt keine einheitliche deutsche Linke, die irgendwas für alle entscheiden könnte 2. Warum „muss“ man sich hier entscheiden, welche Notwendigkeit? 3. Warum fallen Emanzipation und Wahrheitsinteresse (wenn das mit „recht haben“ gemeint sein soll) auseinander? Gehört für mich zusammen.
    Ansonsten würde ich noch mal bekräftigen, dass das individuelle islamische (oder sonstige) Glaubensbekenntnis konkreter Menschen ohne Diskussion Privatsache ist. Wenn (religiöse) Ideologien aber im Politischen, in der Öffentlichkeit, wirkmächtig werden (sollen), sind sie radikal zu kritisieren und wenn nötig, zu bekämpfen, wie alles andere Reaktionäre auch. Für die Befreiung aller Menschen aus Zwangskollektiven und für die freie Assoziation!

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