Kämpfen, Produzieren, Organisieren

Hier vernetzen sich Kollektivbetriebe. union coop | ©

„Ohne Chef arbeiten? Basisdemokratisch und selbstorganisiert? Wir wagen den Versuch, weil das für uns die einzig menschliche Art des Wirtschaftens ist.“ So beginnt die Selbstdarstellung der „union coop“, einer Föderation von Betrieben, die sich zusammengeschlossen haben um auf diesem Weg ihre gesellschaftliche Durchschlagskraft zu erhöhen. Es handelt sich dabei um Kollektivbetriebe, die nicht in einer kollektivistischen oder alternativen Nische vor sich hinwerkeln wollen, sondern im Verbund mit anderen Kollektivbetrieben und der anarchistischen Basisgewerkschaft FAU (Freie Arbeiter und Arbeiterinnen Union) versuchen, solidarische Antworten auf die Zumutungen der kapitalistischen Wirtschaftsweise zu finden. Ein erstes greifbares Ergebnis ist der „union coop // shop“, ein Kollektivbetrieb, der als Projekt aus dem Zusammenschluss entstanden ist und Produkte der beteiligten Betriebe, Gewerkschaftsmaterialien für eine kämpferische Gewerkschaftsbewegung, und Erzeugnisse vergleichbarer, selbstverwalteter Betriebe aus dem Ausland vertreibt.

Union-Coop meets Vio.Me

So können seit März 2018 über die Homepage auch Produkte der besetzten Seifenfabrik Vio.Me aus Thessaloniki bestellt werden. Neben den Klassikern, wie des auch in Deutschland bekannten Vio.Me-Solidaritäts-Seifenblocks, liegt der Fokus auf den neuen, verbesserten Produkten der ECO-Linie. Der Verkaufsstart der Vio.Me Produkte bei union coop fiel damit fast genau mit dem 5-jährigen Jubiläum der Wiederinbetriebnahme der Fabrik in Thessaloniki unter Eigenregie zusammen. Im Mai 2011 hatten die damaligen Eigentümer*innen die Fabrik für chemische Baustoffe mitsamt der seit Monaten unbezahlten Belegschaft sich selbst überlassen. Die Arbeiter*innen besetzten einen Teil des Betriebsgeländes und entschieden nach erfolgloser Investorensuche und langen Diskussionen im Februar 2013, die Produktion von biologischen Seifen, Wasch- und Reinigungsmitteln unter eigener Kontrolle zu beginnen.

Noch heute müssen sie um den Erhalt ihrer von polizeilicher Räumung und Zwangsversteigerung bedrohten Fabrik kämpfen. Vio.Me ist dabei längst zum Symbol über Griechenland hinaus geworden. Der Kampf der Belegschaft verbindet den Kampf um ein würdiges Leben der Arbeiter*innen mit dem Kampf um eine solidarische Welt. Die Belegschaft selbst ist neben ihrer Arbeit und ihrem alltäglichen Kampf in vielen Initiativen vor Ort aktiv. Mit der Aufnahme der Vio.Me-Produkte ins Sortiment von union coop schließt sich ein Kreis. Schließlich entstand die Idee, Produkte aus rückeroberten Fabriken hier in Deutschland zu vertreiben, auf dem euromediterranen Workers-Economy-Treffen auf dem besetzten Betriebsgelände von Vio.Me im Herbst 2016.

Ein Knackpunkt ist der Vertrieb

Damals ebenfalls in Thessaloniki vor Ort waren Delegierte der nach langjährigen Kämpfen nun selbstverwaltet produzierenden Tee-Fabrik Scop Ti aus Marseille. Das ihre Produkte nun über union coop auch endlich in Deutschland vertrieben werden, ist laut Kollektivist Hansi Oostinga nicht nur „konkrete Solidarität“ für einen selbstverwalteten Betrieb, „sondern auch als praktischer Ansatzpunkt für eine wirtschaftliche Gegenmacht zu verstehen“. Zumal die Belegschaft, wie Oostinga betont, einen ähnlichen Ansatz vertritt, und sich nicht nur während des jahrelangen Kampfes, sondern auch heute als Teil einer breiten Bewegung positioniert. „Ihr Kampf war immer auch ein gewerkschaftlicher Kampf. Das hat sich bis heute nicht geändert, auch wenn sie, wie ein Kollege es ausdrückte, den Kapitalismus nicht überwunden haben.“

Ein Ergebnis der von verschiedenen selbstverwalteten Betrieben, Basisgewerkschaften und politischen Gruppen besuchten Konferenz in Thessaloniki, war die Erkenntnis, dass ein Schwachpunkt aller selbstverwalteten Fabriken der Vertrieb ist. „Wir als Bewegung“, so Oostinga, haben gerade in diesem Bereich, „im Zusammenspiel mit dem kämpferischen Teil der Gewerkschaften, wesentlich mehr Möglichkeiten eigene Strukturen aufzubauen“. Deshalb wird es in Zukunft außer den bekannten Produkten von Vio.Me und Tee aus Marseille auch Liköre aus der besetzten Fabrik Rimaflow in Mailand und Olivenöl aus einer von der Landarbeiter*innen Gewerkschaft SAT besetzten Finca in Andalusien geben.

Ralf Dreis

Über Ralf Dreis

Früher hat Ralf Dreis beim Café-Klatsch-Kollektiv in Wiesbaden geabeitet, dem er sich bis jetzt verbunden fühlt. Heute ist er tätig als Gärtner, Mitglieder der FAU Frankfurt, freier Journalist und Griechisch-Übersetzer. Unter anderem veröffentlicht er in der Graswurzelrevolution und der Direkten Aktion.

2 Gedanken zu “Kämpfen, Produzieren, Organisieren

  1. Mimi

    Schön, etwas über union coop zu lesen! Als ich vor einiger Zeit auf das Projekt gestoßen bin, war ich sehr angetan von der Idee und auch von der ganzen Aufmachung. Denn die union coop kommt, finde ich, nicht szenemäßig daher, sondern wirkt erfrischend modern und seriös. Im Rahmen eines eigenen Kollektiv-Projektes bin ich jedoch an sie und an einen der Betriebe herangetreten und habe bis heute keine Antwort erhalten… Ein Verhalten, das ich aus anarchistischen und anarcho-syndikalistischen Kreisen leider schon sehr oft erfahren musste. Ich will keine Vorurteile schüren, aber es ist nun mal so. Also warum auch hier? Leute, lest doch eure E-Mails und beantwortet sie, so schwer ist das nicht ;-)

  2. union coop

    Hallo, welches Projekt soll das sein? Eigentlich beantworten wir alle Anfragen – sofern keine anderen gründe dagegen sprechen.

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