Kampf um den Friedhof

Die bergige Landschaft sieht friedlich aus, aber Konflikte um Land und Ressourcen sind an der Tagesordnung. Maplogs.com | ©

Zwei benachbarte Dorfgemeinschaften im mexikanischen Bundesstaat Chiapas geraten in einen bewaffneten Konflikt um Territorium bei dem ein Dorfbewohner sein Leben verliert. Der mexikanische Staat gibt sich träge.
„Das geht mich nichts an, für diese Ortschaft bin ich nicht zuständig“, sagt der Beamte der Guardia Civil zu den Dorfbewohner*innen, die eine Menschentraube um ihn herum gebildet haben. Etwa zwei Kilometer weiter liegt der Friedhof von Nuevo León*, der seit einer Woche von den Männern des Dorfes besetzt gehalten wird. Dort liegen Großeltern und Urgroßeltern der Besetzer. Sie wollen mit der Aktion ihr Recht behaupten, weiter freien Zugang zu dem Friedhofsgelände zu erhalten.

Eine Gruppe aus dem Nachbardorf La Ansiedad will genau das verhindern und beansprucht das Land für sich. Der Konflikt besteht bereits seit einigen Jahren und erreichte im Mai letzten Jahres einen ersten traurigen Höhepunkt, als Arnulfo, einer der Dorfleute von Nuevo León, beim Gedenken an seine Angehörigen entführt und gefoltert wurde. Doch der Konflikt eskaliert weiter.

Um eine Lösung für den Landkonflikt zu finden, beraten sich die Dorfbewohner*innen Nuevo Leóns seit Monaten. Eine Kommission wurde mit der schwierigen Aufgabe betraut, einen Handlungsvorschlag zu unterbreiten, dem alle zustimmen können. Die Ausgangslage ist nicht einfach. Denn einige Dorfleute haben sich bereits um Ersatzland für einen neuen Friedhof gekümmert. Andere hingegen, wie Arnulfo und Jesús, sind entschlossen das alte Friedhofsgelände nicht aufzugeben.

Mitte des Monats schließlich ist die Gruppe von dreißig Männern aufgebrochen, um den Friedhof besetzt zu halten. Eine Mehrheit unterstützt das Vorgehen, die Minderheit toleriert es. Kurz nach der Besetzung verschickt die Gruppe eine Einladung an die Aggressoren und verständigt die Bauern des angrenzenden Gemeindelandes. Mit der Unterstützung einer Bauernorganisation berufen die Dorfleute von Nuevo León eine Versammlung ein, die den Konflikt durch ein wechselseitiges Einverständis beilegen soll.

Doch die Aggressoren tauchen nicht auf. Die Delegation aus Nueva León gibt nicht auf, sondern nutzt die Versammlung, um auf die Bauern einzuwirken, die das angrenzende Land bewirtschaften und mit den Aggressoren zusammen im Nachbardorf wohnen. Arnulfos Stimme ist schwer, er kämpft um seine Worte. Fast auf den Tag genau vor einem Jahr war er noch in den Händen der Aggressoren, die ihn gefoltert haben. „Wir wollen Frieden mit unseren Nachbarn. Unsere Vorfahren liegen hier begraben, der freie Zugang zu diesem Gelände, Einverständnis und wechselseitiger Respekt, mehr suchen wir nicht.“ Arnulfo appelliert an die Nachbarn, die Aggressoren zur Vernunft zu bringen, sie dazu zu bewegen, Gespräche aufzunehmen.

Die Tage nach der Versammlung sind hoffnungsvoll. Die Besetzung der Friedhofs verläuft ruhig, die Männer, die abends von ihrem Wachdienst abgelöst wurden und ins Dorf zurückkehren wirken geschafft, aber zuversichtlich. Haben die Nachbarn die Aggressoren beschwichtigt? Der Schein trügt.

Die ersten Kugeln werden im Morgengrauen abgefeuert

Am Montag, im Morgengrauen, zwischen vier und fünf, wird Jesús bei einem Angriff der Gruppe aus La Ansiedad von einer Kugel getroffen – zu dem Zeitpunkt ist unklar, ob sein Leben durch einen raschen Einsatz gerettet werden kann oder nicht. Doch auch Stunden nach dem morgendlichen Angriff, infolgedessen die Dorfbewohner*innen umgehend die Polizei verständigen haben, ist außer der mit drei Personen besetzten Streife keine staatliche Autorität in Sicht.

Zurück am Ortseingang von Nuevo León. Der Beamte der Guardia Civil wirbt weiter händeringend um Verständis für die Aufteilung der Zuständigkeiten seines Einsatzes, während sich die Frauen und Kinder vor das Fahrzeug der Guardia Civil stellen. Jemand holt einen großen Stein vom Wegesrand und legt ihn vor den Vorderreifen. Die Menschen von Nuevo León wollen die Guardia Civil zum Handeln zwingen, denn sie wissen, dass die Lage dringlich ist.

Als etwa einhundert Militärs nach geschlagenen neun Stunden am Ort des Geschehens eintreffen, haben sich die Angreifer längst zurückgezogen. Zurück bleibt der Leichnam von Jesús, Trauer, Wut und eine bittere, drängende Frage: Interessiert der Staat sich für das Leben und Sterben der mittellosen, indigenen Bevölkerung?

Die Landkonflikte könnten für einen Tagebau instrumentalisiert werden

Magdalena wohnt ihr ganzen Leben lang schon in Nuevo León. Die Vorstellung einer dauerhaften Militärpräsenz stößt bei der mehrfachen Großmutter auf massive Skepsis – obwohl sie einen kurzfristigen Einsatz zum Schutz der Besetzer befürwortet. „Wir erinnern uns an die Kämpfe von damals“, sagt sie im Hinblick auf eine aktuelle Konzession der Regierung, ein Minenprojekt in der Gegend zu verwirklichen.

Nuevo León stellt sich geschlossen gegen diese Pläne, zu deren Realisierung Landkonflikte zwischen den benachbarten Gemeinden ausschlaggebend sein könnten. Denn ein erheblicher Teil des Landes setzt sich aus unverkäuflichem Gemeindeland zusammen. Die Regierung, so die Befürchtung der Dorfleute, könnte den Konflikt ausnutzen, um auf eine Umwandlung hin zu Privatgrundstücken zu drängen – verkleidet als neutrale Schlichtungsinstanz.

Am Abend vor unserer Abreise treffen sich die Dorfleute Nuevo Leóns ein weiteres mal im Gemeindehaus. Sie trauern um Jesús, der morgen in ebenjenem Friedhof beigesetzt werden soll, zu dessen Verteidigung er gestorben ist. Er hinterlässt fünf Kinder, das kleinste ist einige Monate alt, das älteste neun Jahre. „Sein Tod ist ein weiteres Kapitel in unserem Kampf um Selbstbestimmung, für unsere Rechte auf Land, Frieden und Gemeinschaft. Der Krieg, das ist die Sache der Regierung. Jesús ist nicht für den Krieg gestorben, sondern in dem er verteidigt hat, was uns zusteht“, sagt Arnulfo unter Zuspruch, Kopfnicken und Tränen.

*Aus Sicherheitsgründen wurden alle Ortsnamen und die Namen aller Personen von der Redaktion verändert.

Dennis Firmansyah

Über Dennis Firmansyah

Dennis Firmansyah hat die Zwischenzeit 2013 mitbegründet und 2016 die Herausgeberschaft und Chefredaktion übernommen. Seine Themen sind Migrationspolitik, Recht auf Stadt und Regionalgeschichte. Neben der Zwischenzeit veröffentlicht er auch bei der Jungle World, Direkte Aktion und Graswurzel Revolution.