Der Kampf um die Esso-Häuser

Protestierende gegen den Abriss der Esso-Häuser halten Schilder hoch, auf ihnen ist zu lesen:

Keine halben Sachen - Die Bewohner*innen der Essohäuser protestieren gegen den Abriss. Buy Buy St. Pauli | CC BY-NC-SA

Buy Buy St. Pauli – so heißt der neue Film eines Hamburger Filmkollektivs, das bereits 2009 mit der Dokumentation Empire St. Pauli einige Aufmerksamkeit erregt hatte. In der aktuellen Reportage befassen sich die Filmer*innen Irene Bude, Olaf Sobczak und Steffen Jörg mit der Geschichte der Hamburger Esso-Häuser, einem Gebäudekomplex der Nachkriegszeit, der einem rentableren Neubau zum Opfer fallen soll. Mit Blick fürs zwischenmenschliche Detail begleiten die drei Filmschaffenden den Widerstand der Mieter*innen gegen den drohenden Abriss. Dabei entsteht ein vielschichtiges Bild ihres Protests ohne klares Fazit.

Im Mittelpunkt von Buy Buy St. Pauli steht die Geschichte der Bewohner*innen der Esso-Häuser: Da ist Jürgen, dessen Wohnzimmer ausschließlich aus Fan-Devotionalien für den FC St.Pauli besteht, und der sichtbar mit seinem Stadtteil verbunden ist. Wir begegnen Evi, die trotz Rentenalter ihre Häuser besetzen will, falls diese abgerissen werden, und darin ein Vorbild für ihren Enkel sieht. Oder Hans-Herrmann, der mit seiner Frau seit mehr als 30 Jahren ein kleines Hotel in den Esso-Häusern betreibt und um seine Existenz fürchtet.

Politischer Widerstand als alltägliche Handlung

Es sind gerade die scheinbar alltäglichen und unwichtigen Details ihres Lebens, die die Protagonist*innen der Dokumentation lebendig werden lassen. Die intime und selten feinfühlige Nähe, die der Film zu den Protestierenden herstellt, verleiht ihnen Würde und Individualität: Sie sind mehr als nur abstrakte Elemente einer aufständigen Masse, sondern Leute wie du und ich, mit ihrem Alltag und ihren Wünschen, ihrer Vergangenheit und ihren Träumen, schrullig und skurril, eingeklemmt irgendwo auf halber Strecke zwischen Kleinbürgerlichkeit und überzeugter Ablehnung des Kapitalismus. Jürgen, Evi und wie sie nicht alle heißen, das könnten unsere Nachbar*innen sein – ganz normale Leute, die aus sehr nachvollziehbaren Gründen gegen den Verlust ihrer Existenz und Lebensgrundlage aufbegehren.

Dadurch erreicht der Film zweierlei: Einerseits erfahren wir, dass Politik immer das Gesicht derjenigen trägt, von denen sie gemacht wird – egal ob beim wilden Plakatieren, bei der Sabotage eines Sichtschutzes oder auf Stadtteilversammlungen. Buy Buy St. Pauli spricht sich klar gegen das immergleiche seelenlose Credo von Sachzwängen und vermeintlicher Alternativlosigkeit aus, das die zeitgenössische Stadtpolitik kennzeichnet. Andererseits gelingt es den Filmer*innen,  das Sich-Nicht-Abfinden-Wollen mit der kapitalistischen Normalität als die neue Norm zu inszenieren. Die Grenze zwischen den Zuschauer*innen des Films und seinen Protagonist*innen verwischt, wie auch deren Alltag und die Politik des Widerstandes verschmelzen. Ganz unverhohlen lädt Buy Buy St. Pauli zur Identifikation mit diesem Widerstand ein und erreicht dabei möglicherweise selbst Kreise außerhalb der üblichen Verdächtigen.

Feindbild: Investor*in

Doch wo führt der so beschworene Protest eigentlich hin? Womit genau soll mensch sich da eigentlich identifizieren? An diesem Punkt wird die unkommentierte Erzählweise zum Problem, denn ohne großes Hinterfragen übernimmt der Film die oft eher simplen Gegensatzvorstellungen der Protagonist*innen: Hier die armen, aber authentischen Mieter*innen, dort der profitgeile und charakterlose Immobilienhai, an seiner Seite der von der Macht korrumpierte Politbonze; hier der anonyme Neubau aus Stahl und Glas, dort die alten Häuser voller Charme und Geschichte. Dass die Bewohner*innen der Esso-Häuser nicht aus dem Stand in der Lage sind, eine differenziertere Kapitalismuskritik vor der Kamera auszudrücken, ist verständlich. Dass die Filmemacher*innen es jedoch versäumen, die manchmal sehr pauschalen oder sogar leicht verschwörungstheoretischen Aussagen einiger Bewohner*innen in einen größeren Kontext einzureihen, ist schade.

Ein weiterer Aspekt der individualisierten Erzählweise ist, dass die Esso-Häuser kaum in größere Zusammenhänge von kommerzialisierter, neoliberaler Raum- und Stadtpolitik eingeordnet werden. Durch den Fokus auf die raffgierigen Investor*innen bleibt kaum Platz für die Rolle des Staates. Gut kommt die Politik in Person des SPD-Bezirkspolitikers Andy Grote zwar nicht weg, allerdings wirkt sie neben den Investor*innen eher wie ein zwar unfähiger, aber vor allem passiver Handlanger. Dieser kann oder will die Zwangsräumung der Esso-Häuser nicht verhindern, zeichnet sich aber genausowenig dafür verantwortlich.

Ist fast nichts besser als gar nichts?

Gegen Ende schießt sich der Film noch einmal auf das Feindbild Investor*in ein. Allzu bereitwillig lassen sich die zuvor scheinbar radikalisierten Bewohner*innen in die staatlich initiierte Initiative „PlanBude“ integrieren, um ‚gemeinsam‘ an einer vermeintlich sozialeren Zukunft des Esso-Häuser-Geländes zu arbeiten. Obwohl die Verhandlungen zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen sind, wird der angebotene Kompromiss vermutlich nicht viel taugen. Oft genug hat sich gezeigt, dass am Ende solcher Prozesse kleinste Zugeständnisse – etwa die Erweiterung sozialen Wohnraums – als große Erfolge verkauft werden. Die schreiben sich verantwortliche Stadtplaner*innen dann gerne auf die Fahne, obwohl die Betroffenen kaum  von den angepriesenen Erfolgen profitieren.

Natürlich klammern sich die Bewohner*innen nach dem erschöpfenden und  langwierigen Kampf an den letzten rettenden Strohhalm PlanBude. Dennoch wäre es schön, wenn der Film die gezeigten Radikalisierungsprozesse nicht komplett mit abschließender Euphorie übertünchen würde, sondern mit einem Verweis auf die Problematik eines solchen Reformismus in Beziehung gesetzt hätte. So hinterlässt der ansonsten sehenswerte Films einen fahlen Nachgeschmack. Mensch muss sich fragen: Ist das alles, was möglich ist?

Jan Zombik

Über Jan Zombik

Jan Zombik, derzeit Student in Mainz, macht gerne Journalismus: Für alle, für die Leute, für die Politik, für die Freiheit. Wenn er gerade nicht journaliert oder philosophiert, dann musiziert er vielleicht. Anzutreffen ist er in der Regel vor seinem Bildschirm, an dem er etwas schreibt. Wenn ihr Jan etwas gutes tun wollt, dann flößt ihm beruhigenden Rooibos-Erdbeer-Sahne-Tee ein oder spendet ein paar Eurönchen für die Zwischenzeit.

2 Gedanken zu “Der Kampf um die Esso-Häuser

  1. Hans

    Fragen wie „Ist fast nichts besser als gar nichts?“ und „Ist das alles, was möglich ist?“ verstellen den Blick auf das was geht. Der Film ist eine von vielen Möglichkeiten. Ein Film, der überall dort gezeigt werden kann, wo Bewohner von Verdrängung bedroht sind. Besonders die, die schon mal Widerstand zeigen, spüren, dass ihnen ebenso Unrecht geschieht wie denen im Film interviewten Bewohnern der Esso-Häuser. Diese auch im Beitrag erkannte mögliche Identifikation gibt Bestätigung. Allerdings ist das bemängeltes Ausbleiben, dass „die Esso-Häuser kaum in größere Zusammenhänge von kommerzialisierter, neoliberaler Raum- und Stadtpolitik eingeordnet werden.“, starker Tobak. Zumindest in diesem Zusammenhang. Eine Diskussion der Zuschauer, möglichst mit von Verdrängung betroffenen Menschen nach dem Film kann zeigen was möglich ist. Die lokalen Strukturen neoliberaler Politik sind verdammt verschieden und vor Ort im Mikrokosmos beachtenswert. Will unter anderem heißen, den Bewohnern zuhören und auf ihre Ängste und Sorgen eingehen. Und nicht weggehen, wenn zum Beispiel einer mit Deutschland-Fähnchen und zwei alte Frauen, eine deutscher, die andere vermutlich türkischer Herkunft, die Verschiedenheit ist an traditioneller Kleidung zu erkennen, aufeinander zugehen. Offensichtlich ist ihnen zumindest das Gefühl der Angst auf Verdrängung gemeinsam. (Vielleicht lernen sie sich dabei überhaupt näher kennen und sich gegenseitig achten.) Wenn dann aus einer Diskussion herauskäme, dass Wohnen für jeden Menschen selbstverständlich eine existenzielle Notwendigkeit ist wie warme Kleidung und Wohnungen nicht auf dem Markt gehandelt werden dürfen, dann ist das eine Möglichkeit Veränderungen voranzutreiben. Emanzipativ mit den Menschen. – Der Film „Buy, Buy St. Pauli“ kann für Diskussionen mit von Verdrängung betroffenen Menschen sehr nützlich sein. Vermutlich wurde er deswegen so gemacht. – Mehr Bescheidenheit, bitte.

  2. Britta

    Hei Hans, Bescheidenheit ist angebracht. Stimmt. Wenn du meinst, dass Wohnen für jeden Menschen selbstverständlich eine existenzielle Notwendigkeit ist, stimmt auch das. Nur ist Wohnen mehr als „warme Kleidung“. Durch Verdrängung aus dem Viertel geht den Bewohnern regelmäßig das ganze Umfeld verloren. Die Nachbarn, der vertraute Arzt, die Stammkneipe, die gewohnten Freizeitmöglichkeiten, usw. In den Blättern für deutsche und internationale Politik Heft 08/2011 beschreibt der Stadtsoziologe Andrej Holm, dass „Recht auf die Stadt“ – mehr als nur ein Slogan ist und kommt zu dem Schluss, „Die Forderung nach einem „Recht auf die Stadt“ erhebt einen allgemeinen Anspruch auf Nichtausschluss von städtischen Ressourcen und Dienstleistungen. Zugleich werden mit einem Recht auf die Stadt Visionen für eine andere, emanzipative und gerechtere Stadtentwicklung formuliert.“ Ganz ohne Abstraktion geht es letztlich doch nicht. Allerdings befinden wir uns mit Holm auf einer praktikableren Ebene.

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