Kneipe anders als gewohnt

Sabot – das klingt irgendwie subversiv, auf jeden Fall subkulturell und gemahnt an eine Tradition im Widerstand gegen den Kapitalismus. Die linke Kneipe mit diesem Namen, die etwas versteckt in einer Seitenstraße des Wiesbadener Westends liegt, scheint von allem etwas abbekommen zu haben. Hier kann getrunken und gefeiert werden, geraucht und getanzt. Auch für eine Band ist hier genug Platz, ein paar Sofas und Stühle bieten den Stehmüden Platz. Doch das Sabot ist nicht einfach nur ein Ort zum Partymachen. Das Besondere ist hier, dass die Betreiber_innen all das in einem diskriminierungsfreien Raum ermöglichen wollen.

Das ist aber nicht immer einfach. Reini (37), der sonst Physiotherapeut oder Musiker ist und das Projekt mit hochgezogen hat, erzählt davon, wie diskriminierenden und menschenfeindlichen Haltungen im Sabot begegnet wird. Zunächst gilt hier der Grundsatz, dass nicht lange rumgeredet wird – wer sich daneben benimmt, wird erstmal vor die Tür gesetzt. Das schafft Raum für die Betroffenen und vermeidet, dass sie sich in Situationen der Diskriminierung auch noch rechtfertigen müssen. Und wer sich entschuldigt und Einsicht zeigt, kann vielleicht auch wieder reinkommen. Hausverbote sind hingegen eher die Ausnahme als die Regel.

Hinter der Theke herrscht Wachsamkeit

Damit dieses Konzept aufgeht, ist das Thekenteam immer ansprechbar: wer hier hinter dem Tresen steht, schenkt nicht nur Getränke aus, sondern ist bereit, von Diskriminierung Betroffenen zuzuhören und einzugreifen. Die Stammgäste kennen das Konzept und sind damit einverstanden. Auch sie helfen im Sabot mit, den Anspruch eines Freiraums von Diskriminierung zu realisieren. Oder sind vielleicht auch selbst mal die, die vor die Türe wandern, wenn sie einen über den Durst getrunken haben und ausfallend werden.

Dass so ein Verfahren nicht automatisch ein Garant gegen Unterdrückung ist, ist allen Beteiligten klar. Michi (23), Studentin der Umwelttechnik im vierten Semester, fühlt sich hier zwar sicher vor sexistischen Übergriffen. „Ab und an wird man mal dumm angebaggert, wenn man hinter der Theke steht, und hat so gar keine Lust drauf. Aber da hab ich mich immer schnell durchsetzen können. Wir sind hier ja auch nie alleine.“ Dennoch stellt sie fest, dass es unter den etwa fünfzehn Aktiven im Sabot nur drei Frauen gibt, zeitweise war sie die einzige aktiv Beteiligte. Eingeschränkt fühlt sich Michi dadurch aber nicht.

Gründungsteam in „subkultureller“ Szene verwurzelt

Die Betreiber_innen scheinen ehrlich bemüht, ihrem Anspruch gerecht zu werden und Diskriminierung auch jenseits von Schlagworten zu begreifen. Die meisten Gäste treffen wir im punkigen Outfit an. Die szenische Besetzung des Sabot hat aber natürlich auch viel mit dessen Entstehungsgeschichte zu tun, die in verschiedenen subkulturellen Milieus beginnt.

Ein Gruppe von etwas mehr als einem Dutzend Menschen, „politische und subkulturelle“, wie Reini es nennt, haben das Sabot vor knapp 3 Jahren gegründet. Sie alle haben einen politischen Ort zum Feiern in Wiesbaden vermisst, der noch nicht wie Schlachthof und Kreativfabrik auf ein gewinnorientiertes, kommerzielles Programm setze. Die erste Idee dessen, was dann das Sabot werden sollte, war dann auch eine Punk-Kneipe zu eröffnen. Seitdem hat das Projekt eine wechselvolle Geschichte durchlaufen, in der nicht immer klar war, wie das „politisch“ denn nun interpretiert werden soll.

Das Projekt läuft

So haben im Laufe der Zeit auch viele Menschen das Projekt wieder verlassen, ein Teil des Abendprogramms musste eingestampft werden, weil es die Betriebskosten nicht decken konnte. Es sind aber auch immer wieder Neue dazugekommen, wie zum Beispiel Robin (22). Der Maschinenbaustudent, der nebenbei in zwei Punkbands spielt, steht uns heute als Interviewpartner zur Verfügung und schmeißt später die Theke. Rausschmeißen muss er heute aber glücklicherweise niemensch.

Er erklärt, dass das Sabot ein Ort für Politik und Kultur ist, in dem das DIY, das Do-It-Yourself im Vordergrund steht. Wer ins Sabot kommt, ist also immer eingeladen, diesen Ort nicht einfach nur zu konsumieren, sondern sich aktiv an seiner Gestaltung zu beteiligen. Damit das funktioniert, machen sich die Aktiven nicht von Fördermitteln oder externen Geldern abhängig. Der Betrieb finanziert sich selbst, über den Kneipenbetrieb, Konzerte und den gleichnamigen Förderverein. Auch arbeitet das Sabot mit quasi allen linken Gruppen in der Stadt zusammen.

Für die Zukunft sind Reini und Robin optimistisch: sie wollen zwar nicht jeden x-beliebigen Trend mitmachen, aber haben auch in der Zukunft vor, mit dem Sabot einen angenehmen Ort zum Feiern und abhängen zu bieten und festgefahrene Denkmuster aufzubrechen. Ob das immer klappt, steht wohl auf einem anderen Blatt geschrieben. Aber solange die Aktiven vom Sabot ihre Arbeit mit der wichtigen Fähigkeit zu Reflektion und Selbstkritik bereichern, kann wohl nichts schiefgehen. Wir wünschen dem Projekt viel Erfolg!

Dennis Firmansyah

Über Dennis Firmansyah

Dennis Firmansyah hat die Zwischenzeit 2013 mitbegründet und 2016 die Herausgeberschaft und Chefredaktion übernommen. Seine Themen sind Migrationspolitik, Recht auf Stadt und Regionalgeschichte. Neben der Zwischenzeit veröffentlicht er auch bei der Jungle World, Direkte Aktion und Graswurzel Revolution.

Jan Zombik

Über Jan Zombik

Jan Zombik macht gerne Journalismus: Für alle, für die Leute, für die Politik, für die Freiheit. Wenn er gerade nicht journaliert oder philosophiert, dann musiziert er vielleicht. Anzutreffen ist er in der Regel vor seinem Bildschirm, an dem er etwas schreibt. Wenn ihr Jan etwas gutes tun wollt, dann flößt ihm beruhigenden Rooibos-Erdbeer-Sahne-Tee ein oder spendet ein paar Eurönchen für die Zwischenzeit.

Willfried Jaspers

Über Willfried Jaspers

Schon seit vielen Jahren erstellt und veröffentlicht Willfried Videos als Quer-TV für Initiativen und Gruppen im linksalternativen Spektrum, um ihnen ein Sprachrohr für ihr Anliegen anzubieten, vorrangig zu lokalen Themen. Bei der Zwischenzeit arbeitet er unter anderem am Ausbau der Videoproduktion und organisiert dazu Workshops.

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